Stefan Hunstein - Interview

Je bunter, desto stärker die Verdrängung

Schmucke Reihenhäuser, teuere Autos, Swimmingpools: Der Münchner Fotokünstler Stefan Hunstein hat für sein aktuelles Projekt "Schön war's" alte Ansichtskarten aus den fünfziger und sechziger Jahren in ein neues Licht getaucht – und so der Generation "Wirtschaftswunder" auf den Zahn gefühlt.

Herr Hunstein, Ihre aktuelle Foto-Serie "Schön war’s!" thematisiert die Stimmung der Nachkriegsgesellschaft. Wie sind Sie auf diese Idee gekommen?

Stefan Hunstein: Ich beschäftige mich seit 1977 mit Fotografie, und ich habe sehr viel mit Bildern aus den dreißiger und vierziger Jahren gearbeitet. So habe ich zum Beispiel eine Arbeit über Adolf Hitler auf dem Obersalzberg gemacht und mich mit dem Alltag der vierziger Jahren, der Architektur und dem damaligen Verhältnis zur Kunst beschäftigt. Und dann habe ich mich irgendwann gefragt, wie sich denn diese Republik auf den Trümmern des Krieges gestalten wollte. Was ist aus der traumatischen Zeit geworden? Welchen Weg hat die Republik eingeschlagen? Wie wollte sie sich zeigen? Dann bin ich auf das Medium der Ansichtskarte gestoßen.

Die Bildinhalte von Ansichtskarten sind sehr speziell, es ist eine sehr geschönte Sicht auf die Welt. Man kann also aus den Ansichtskarten alle Eigenschaften, die von der Bundesrepublik repräsentiert werden sollten, herauslesen. Sie sind quasi wie Geschichten in diese Bilder eingeschrieben. Die Motive sind keine Abbilder der äußeren Wirklichkeit, sondern Abbilder einer inneren Sehnsucht.

Was hat es mit dem Titel auf sich?

Der Titel ist in wörtliche Rede gesetzt und mit einem Ausrufezeichen versehen. Es sagt also jemand mit Nachdruck "Schön war’s!". Die Frage ist, ob es wirklich schön war oder ob es schön sein sollte, um möglicherweise endlich die Bilder des Krieges zu überwinden. Wenn jemand diese Aussage so unvermittelt in den Raum stellt, ist sie gleichzeitig auch der Kritik anheim gegeben, man kann dazu Stellung beziehen und sich fragen: War es denn tatsächlich so schön?

Sie sind 1957 geboren. Wie haben Sie selbst die Zeit des Wirtschaftswunders erlebt?

Ich bin zwar mitten im Wirtschaftswunder geboren, aber in dem Alter hat man ja noch keinen richtigen Blick dafür. Es ist eine Zeit, die ich nicht bewusst erlebt habe, deshalb versuche ich, mich ihr über das Medium der Fotografie anzunähern. Das ist, als würde ich mir eine Erinnerung an diese Zeit schaffen, die ich gar nicht habe.

Haben Sie die Postkarten nach einem speziellen Schema ausgewählt?

Ich habe über fünf Jahre hinweg gesucht und gesammelt. Der Fluch des Sammlers ist, dass er sich ständig an einschlägigen Orten herumtreiben muss: Messen, Archive, Flohmärkte, Haushaltsauflösungen...Die Postkarte aus den fünfziger Jahren ist kein Wertgegenstand, die für Sammler eine Bedeutung hat. Deswegen befindet sie sich meist in einem riesigen Konvolut, das die Zeitspanne von 1950 bis heute umfasst. Und dann findet man unter tausend Stück vielleicht eine, die etwas hergibt. Es war also nicht ganz einfach, passendes Material zu finden.

Wie sehen eigentlich die Rückseiten der Postkarten aus?

Die Karten sind alle benutzt worden, deshalb sind sie auch alle beschriftet. Ich zeige die Texte aber bei meiner Arbeit nicht, denn es geht mir allein um das Bild und die spezielle Aussage des Postkartenmotivs.

Für "Schön war’s!" haben Sie die Postkarten abfotografiert und einer Bearbeitung unterzogen. Wie sind Sie dabei vorgegangen?

Postkarten sind ja meist im Querformat gehalten. Ich habe erst einmal einen bestimmten Ausschnitt fokussiert, um die Sache zu verdichten und die Sehgewohnheit etwas vom typischen Postkartenformat wegzulenken. Dann habe ich den Himmel aus den Bildern "herausoperiert", was den Effekt hat, dass die modellartige, bühnenbildhafte Ausstrahlung der Motive noch stärker hervortritt. Dies war dann meine Vorlage, um Akzente hervorzuheben, nachzukolorieren und Streichungen vorzunehmen.

Was wollten Sie durch diese Bearbeitung erreichen?

Ich wollte den Inhalt der Motive verdeutlichen. Es handelt sich ja immer um geschönte Stadtansichten, frei von Kriegstrümmern, frei vom Alltag, wie er wirklich war. Im Prinzip sind das alles innere Bilder. Ich wollte wissen, wie die Sehnsüchte der Menschen nach dem Trauma des Krieges ausgesehen haben und die allgemeine Stimmung einfangen. Außerdem wollte ich das Bild der Ansichtskarte sozusagen auf ein Podest heben, damit das Unwirkliche und Malerische noch deutlicher zum Vorschein kommt.

Steht diese grelle, bunte Überzeichnung auch in Zusammenhang mit dem allgegenwärtigen Zustand der Verdrängung, in dem sich die Nachkriegsgesellschaft befunden hat?

Ja, genau, denn man denkt sich beim Anblick der Postkarten unwillkürlich: So schön kann es ja gar nicht gewesen sein. Da tauchen dann ganz automatisch Fragen auf wie: Was war denn nun eigentlich mit dem Krieg? Hat der stattgefunden oder nicht? Je bunter das Motiv ist, desto mehr spürt man die Verdrängung.

Haben Sie ein Lieblingsmotiv unter den Ansichtskarten?

Ja, das habe ich tatsächlich. Das Motiv "Donzdorf" (Anm. d. Red.: Bild 8 der Fotostrecke) mag ich am liebsten, weil es so widersprüchlich ist. Vorne links steht ein völlig kahler Baum vor dem Haus, aber auf der rechten Seite ist der Wald belaubt. Und dann ist da noch diese tropische Pflanze im Vorgarten, die gar nicht zum Rest passen mag. Die Balkone sind zwar eigentlich alle gleich, schreien aber durch die plakative farbliche Gestaltung nach Individualität. Es ist auch ein gutes Beispiel für die typische Bauweise dieser Zeit mit den Glasbausteinen und dem italienisch anmutenden Torbogen. Übrigens handelt es sich hier um eine Pension, die mit dieser Ansichtskarte für ein schöneres, individuelleres Wohnen geworben hat.

Insgesamt besteht die Foto-Serie aus 100 Teilen. Wieso gleich so viele?

Das hat sich im Laufe der Zeit einfach so ergeben, reiner Zufall. Zum einen wollte ich ein möglichst breites Panorama zeigen, zum anderen musste ich aufpassen, dass sich die Dinge nicht wiederholen. Ich hätte auch 80 genommen oder 120, aber die vorliegende Anzahl ist nun mal so im Zuge meiner Recherche herausgekommen.

Steht denn jedes Foto für sich alleine oder kommt es eher auf den Zusammenklang an?

Die Arbeiten ergeben natürlich in der Summe ein Gesamtbild, aber ich habe auch großen Wert darauf gelegt, dass jedes Bild für sich eine eigene Komposition darstellt. Es gibt die Fotos außerdem in zwei verschiedenen Formaten: Das DinA3 Format eignet sich gut, um mehrere Bilder in einem Block zu hängen. Es gibt aber auch größere Einzelbilder, deren Format den Motiven noch mal einen ganz anderen Ausdruck verleiht. Das Malerische und Nachkolorierte kommt hier erst richtig zur Geltung.

Statt selbst zu fotografieren arbeiten Sie oft mit gefundenen Bildern. Was reizt Sie an dieser Methode?

Was mich an der Postkarte reizt, ist ihr spezieller Verwendungszweck. Sie ist ein Medium, das jedem zugänglich ist, und sie will der Bevölkerung ermöglichen, sich mit ihr zu identifizieren. Man schreibt eine Postkarte, um anderen zu zeigen, wie schön es an einem bestimmten Ort ist. Damals war das Schreiben von Postkarten noch etwas mehr in Mode als heutzutage, und es war immer der Ausdruck eines bestimmten Bedürfnisses.

Haben Sie künstlerische Vorbilder?

Früher hatte ich einige Vorbilder, mit deren Hilfe ich viel über die Fotografie gelernt habe. Christian Boltanski brachte mich beispielsweise dem Verhältnis von Vergänglichkeit und Tod zur Fotografie näher, da diese Themen in seinen Bildern sehr präsent sind. Für die Unschärfe als ästhetische Komponente waren wiederum die Arbeiten von Gerhard Richter sehr lehrreich.

Welche Projekte würden Sie in Zukunft noch gerne verwirklichen?

Das nächste Projekt wird eine Videoarbeit sein, ähnlich der Arbeit, die ich im Diözesanmuseum in Freising gemacht habe. Dort habe ich Menschen gefilmt und so präsentiert, als wären es Fotos - "lebendige Porträts" sozusagen. Der Moment der Aufnahme ist auch ein Thema, das mich sehr interessiert. Wenn man beispielsweise das Foto einer Person aus vergangenen Zeiten betrachtet, hat man oft das Gefühl, dass man für einen kurzen Moment eine Verbindung zu ihr aufbaut. Etwas von der Wirklichkeit dieser Person scheint plötzlich auf. Diesen der Wirklichkeit entrissenen Moment möchte ich mit meiner Videoinstallation ein bisschen in die Länge ziehen und so quasi einen ewigen Augenblick schaffen.

Stefan Hunstein

Termin: 28. März bis 6. Juni 2010, Villa Merkel, Esslingen. "Schön war's! Aus den frühen Jahren der Republik", 152 Seiten, Hatje Canz Verlag, 35 Euro
http://www.villa-merkel.de/

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