Rudolf Stingel - Neue Nationalgalerie Berlin

Machtfantasien eines verwirrten Innenausstatters

Teppich-Ornamente und einen Kristall-Kronleuchter hat der in den USA lebende Künstler Rudof Stingel in der Neuen Nationalgalerie in Berlin zu einer irritierenden Installation arrangiert.

Einst galt der stolze Mies-Bau am Potsdamer Platz als Berliner Paradestück der Moderne. Doch längst hat sich herumgesprochen, dass es um die Bausubstanz schlecht bestellt ist. Spätestens seit der strapaziösen MoMA-Schau 2004 mit ihren Besuchermassen besteht Restaurierungsbedarf. Doch anders als in New York, wo Frank Lloyd Wrights Guggenheim Museum gerade liebevoll restauriert wurde, ist in der deutschen Hauptstadt für derartige Baumaßnahmen das Geld knapp. Für dieses Jahr ist immerhin eine Schadenserhebung durch das Bundesamt für Bauordnung und Raumwesen vorgesehen.

In diesem Licht wirkt die neue Ausstellung "Live at the Neue Nationalgalerie" von Rudolf Stingel irritierend. Wie nur ist die Installation zu verstehen, die der 1956 in Südtirolgeborene, seit langen Jahren in New York lebende Künstler hier zur Aufführung bringt? Stingel ließ den kühlen Granitboden des oberen Saales mit einem synthetischen Teppich auslegen, dessen Faser mit einem patternartig wiederkehrenden Muster eines indischen Agra-Teppichs aus dem 19. Jahrhundert bedruckt ist. Gegen die unendlich wirkende Vervielfältigung des Originalmusters steht die Reduktion seiner Farbinformation. Denn die mutmaßlich farbigen Ornamente der Vorlage sind nun grau skaliert. Das Original schmückt, so ist von Kurator Joachim Jäger zu hören, Stingels New Yorker Domizil. Der kitschige Kristall-Kronleuchter den der Künstler zudem in der Mitte des Raumes aufhängen ließ, vermutlich nicht. Zusammen mit den klobigen Lichtplanken einer abgeschalteten Installation von Jenny Holzer geben Teppich und Lüster der einstigen modernistischen Erhabenheit den letzten Rest. Freilich herrscht erstmal kurze Entzückung über die neue, ungewohnte Gedämpftheit, die nun den kühlen Moderne-Pathos kontrastiert. Doch dann kommt das Entsetzen über solch eine monströse Fußmatte und die billige Theatralik. Man wähnt sich im falschen Film, wie in einer überdrehten Machtfantasie eines verwirrten Innenausstatters gefangen.

"Live" bietet kein großes Erregungspotenzial

Auch der zweite Teil der Ausstellung im Untergeschoss bringt wenig mehr Aufschluss über die Ziele Stingels in Berlin. Dort sind vier sehr großformatige Ölgemälde ausgestellt, alpine Ansichten in epischer Breite. Drei Motive gehen auf Fotografien seines Vaters aus den fünfziger Jahren in Südtirol zurück. Auch sie sind in Schwarz, Weiß und Grau ausgeführt und beeindruckend fotorealistisch. Stingel hat alle Kratzer, Staubfusseln und sonstige Unreinheiten der Vorlage beibehalten, was den Bildern den Charakter von riesigen Objekten verleiht. Hypnotisch ziehen die Bergpanoramen ihre Betrachter in den Bildraum. Sie haben nichts vom sentimentalen Gletscherkult der Jetztzeit, der schon von der endgültigen Schmelze weiß. Eher sind es Stills wie aus einem Film von Luis Trenker. Unwillkürlich sucht man nach menschlichen Silhouetten, Schatten, vielleicht auch nach Leni Riefenstahl in ihrem "blauen Licht".

Menschliche Spuren finden sich jedoch nur auf dem vierten Großformat, dessen Motiv von den drei anderen, 2009 entstandenen Gemälden abweicht. "Stafelalp (nach Ernst Ludwig K.)" (2008) entstand nach einer von Ernst Ludwig Kirchner angefertigten historischen Fotografie und zeigt Berghütten, die sich an einen Hang ducken. Dorthin zog sich der Maler nach nervlicher Zerrüttung infolge seiner Kriegserlebnisse im Ersten Weltkrieg zurück und beging 1938 schließlich Selbstmord. Die Fingerabdrücke, die seitlich und am unteren Rand zu erkennen sind, sollen von Kirchner selbst stammen, da er die Negativ-Platte seinerzeit berührte.

Doch so eindrücklich Stingels Fotorealismus auch ist – zur Diskussion über das schwierige Verhältnis zwischen Fotografie und Malerei tragen sie wenig Neues bei. Malereien von historischen Fotografien werden fotografiert und sehen reproduziert und verkleinert wieder aus wie historische Fotografien. Wird damit auf die Antithese zur landläufigen Behauptung gezielt, Malerei könne im Gegensatz zur Fotografie immer mehr zeigen als das, was ist? Doch das wäre nur die Wiederbelebung von Diskursen, die schon um das Werk von Gerhard Richter, Franz Gertsch oder die US-Fotorealisten der siebziger Jahre wie kreisten. "Live" bietet kein großes Erregungspotenzial, keinen zwingenden Kommentar zur Zeit oder zum Ort, sondern begnügt mit einer etwas müden Provokation und dem Auslösen alter Reflexe.

"Rudolf Stingel: LIVE"

Termin: bis 24. Mai, Neue Nationalgalerie, Berlin
http://www.rudolfstingel.org

Mehr zum Thema auf art-magazin.de