Otto Meyer-Amden - Hamburg

Der Maler der leisen Töne

In Deutschland ist der Schweizer Künstler nur wenigen bekannt. Das Ernst-Barlach-Haus in Hamburg zeigt nun die erste deutsche Werkschau seit 40 Jahren.

Wie prägend muss das Leben in einem Internat um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert gewesen sein! Stramm stehende Knaben in blauen Einheitsanzügen, düstere Schlafsäle, Jungen, die in fast beängstigend militärisch anmutender Formation die Zeigefinger zum Antwortgeben hochrecken – noch über 20 Jahre nach seinem Internatsaufenthalt in Bern (1892 bis 1900) hat Otto Meyer-Amden solche Szenen mit Blei- und Farbstiften zu Papier gebracht. Die Knabenfiguren sind auf meist sparsame, wie geometrische Kegel wirkende Formen in matten Tönen reduziert. Ihre Gesichter bleiben bis auf wenige Ausnahmen anonym und konturlos.

Dieser Maler der leisen Töne wäre jetzt 125 Jahre alt geworden. In der Schweiz durchaus populär – Harald Szeemann stellte ihn etwa 1991 in seiner berühmten Schau "Visionäre Schweiz aus" – ist Otto Meyer-Amden in Deutschland wenig bekannt. Das Ernst-Barlach-Haus in Hamburg leistet also echte Pionierarbeit, wenn dort die erste deutsche Einzelausstellung seit 40 Jahren gezeigt wird. Ausgestellt werden rund 70 Figurenbilder, Tagebuchblätter, Porträts, Stillleben und Landschaften, wobei seine ebenso anrührenden wie beklemmenden Internatsbilder einen Schwerpunkt bilden.

Nach dem frühen Tod seiner Mutter im Jahr 1888 kam Otto Meyer, wie er damals hieß, zunächst zu Pflegeeltern, dann ins Internat und absolvierte eine Ausbildung zum Lithografen. Er studierte an der Münchner Kunstakademie, wechselte später an die Stuttgarter Kunstakademie, wo er Meisterschüler von Adolf Hölzl wurde.

"Das Geheimste im Künstlerischen"

1912 erhielt er vom Kollegen Willi Baumeister eine Einladung in eine Künstlerkolonie im schweizerischen Amden, wo er in kontemplativer Zurückgezogenheit lebte und arbeitete. Hier entstanden vor allem Graphite. "In dieser Zeichnungsgruppe wendet der Künstler eine für seine Zeit ungewöhnliche Bleistifttechnik an, die wir heute hauptsächlich mit dem Namen Georges Seurats verbinden," schreibt der Berner Kunsthistoriker Andreas Meier. "Er versieht das Papier mit einem Grundton, so dass dunkle und lichte Partien über Zwischentöne vermittelt sind."

In der Stuttgarter Kunstakademie hatte Otto Meyer, der den Namen des Schweizer Ortes Amden an seinen Nachnamen anfügte, Seite an Seite mit dem deutschen Maler Oskar Schlemmer gesessen. Beide waren befreundet, beide einte eine unübersehbare künstlerische Verwandtschaft – und doch wurde Schlemmer ungleich berühmter. Als Otto Meyer-Amden mit nur 47 Jahren starb, trauerte Schlemmer, er habe nun niemanden mehr, "dem ich das Geheimste im Künstlerischen und Menschlichen darlegen könnte, mit der Gewissheit der richtigen Aufnahme und Antwort".

Parallel zur Ausstellung von Otto Meyer-Amden wird im Barlachhaus in einer Kabinettausstellung an dessen Hamburger Künstlerfreund Paul Bollmann (1885 bis 1944) erinnert.

"Zwischentöne. Otto Meyer-Amden wird 125. Werke aus Schweizer Sammlungen"

Termin: bis 30. Mai 2010, Barlach Haus, Hamburg. Katalog: Kerber Verlag, 36 Euro
http://www.barlach-haus.de/