Zabludowicz Collection - London

Viele Fragen, keine Antworten

Eine ungewöhnlich zusammengestellte Schau, die dem Besucher einiges abverlangt, gibt Einblicke in die großartige Kunstsammlung von Anita Zabludowicz.

In seiner Erzählung "Die Bibliothek von Babel" beschreibt Jorge Luis Borges eine Bibliothek, deren Bücher sämtliche Kombinationen der Buchstaben des lateinischen Alphabets enthalten. So unendlich sind die Möglichkeiten, dass ein Besucher der Bibliothek von Glück reden kann, wenn er ein Buch mit nur einem sinnvollen Satz findet. Das Prinzip der Geschichte des argentinischen Autors hat Anna-Chatarina Gebbers zur Grundlage ihrer Londoner Schau "The Library of Babel/In and Out of Place" bei 176/Zabludowicz Collection gemacht.

Die freie Kuratorin aus Berlin wählte zusammen mit der Sammlerin Anita Zabludowicz und deren Mitarbeiterinnen aus jedem Buchstaben des Alphabets mindestens einen Künstler aus. In ausgedehnten Diskussionen reduzierten sie dann die Arbeiten auf 200, das entspricht in etwa einem Zehntel der gesamten Kollektion.

Die Kuratorin schraubte also ihre Rolle als Vermittlerin bewusst auf ein Minimum herunter. Sie fordert sogar die Besucher auf, selbst in diese Rolle zu schlüpfen. Auf einem ausliegenden vorgedruckten Blatt sollen sie die zehn Werke eintragen, die sie am meisten beeindruckt haben, und sich über die Gründe klar werden. Sich also praktisch eine eigene Tour zu überlegen. Dicht an dicht hängen und stehen die Werke im Privatmuseum der Sammlerin, einer früheren Methodistenkirche in Nordlondon, wie bei einem Salon des 19. Jahrhunderts, ohne durchschaubares Konzept. In einem solchen Sammelsurium von Kunst wird den Arbeiten sozusagen die Aura entzogen, die sie in großzügiger gehängten und thematisierten Ausstellungen bekommen, sie fließen ineinander. Der Besucher wird gezwungen, sich auf das einzelne Werk zu konzentrieren. Etwa auf Andreas Gurskys "Chicago Board of Trade II" (1999) mit seinem Menschengewimmel oder auf die "Wolke" (1976) von Gerhard Richter, die wie eine Feder über der Empore schwebt.

Schwüle Hitze wie im Treibhaus

Dorthin hat sich auch eine relativ späte Arbeit des Koreaners Nam June Paik verirrt. Mit seinen ausrangierten Plattenspielern und verbeulten Radios flimmert "Beethoven" (2001) stumm vor sich hin. Und eine figürliche Holzplastik erinnert an die ursprüngliche religiöse Bestimmung des Ausstellungsorts: "Resurrection" (2009) stellt Christus als Skelett dar. Im hinteren Raum, der eher wie eine aufgelassene Autowerkstatt aussieht, begegnet man dann großformatigen Arbeiten. Neben der Fotoarbeit von Gursky auch einer von Albert Oehlens großen abstrakten Leinwänden, "Evilution I" (2002) sowie dem Triptychon "Chum Pain Party" (2002) von Sophie von Hellermann. Beinahe vergessen, in einem zu den Toiletten führenden Korridor, hängen neben einem übermalten Foto der kurvenreichen Pamela Anderson von Richard Prince die vielleicht schönsten Arbeiten der Schau, fünf am Computer erschaffene, handkolorierte Drucke aus der Serie "Garden 2" (2001) von Marc Quinn, exotische Blüten, die eine schwüle Hitze wie im Treibhaus ausstrahlen.

In Borges Erzählung werden die Menschen alt, ohne Antworten auf die Fragen gefunden zu haben, die sie umtrieben. Dem Besucher der Ausstellung "The Library of Babel/In and Out of Place" ergeht es irgendwie ähnlich.

"The Library of Babel/In and Out of Place"

Termin: bis 9. Mai, 76/Zabludowicz Collection, Prince of Wales Road 175, London
http://www.projectspace176.com/

Mehr zum Thema im Internet