Fundació Tàpies - Barcelona

Und am Ende wird nur von der Socke geredet

Nach zweijährigem Umbau öffnet die Stiftung in Barcelona erneut ihre Pforten. Ausgestellt werden Arbeiten des Namensgebers Antoni Tàpies, darunter die umstrittene Skulptur einer Socke "Mitjó". Für die Zukunft sind Werkschauen junger Künstler sowie thematische Sonderschauen geplant.

Der Auftrieb war enorm: Als in Barcelona die Fundació Tàpies nach zweijährigem Umbau neu eröffnete, wurde schon die Pressekonferenz von allen bedeutenden Museumsdirektoren der Stadt besucht. Unangekündigt, aber innig erwartet, erschien sogar der Namensgeber selbst, auch wenn er nicht mehr auf dem Podium Platz nahm.

Antoni Tàpies, einer der wichtigsten Künstler des Informel, inzwischen 87 Jahre alt, sieht schlecht und bewegt sich nur noch mit Mühe. Knapp brachte er seine große Freude über die neue Etappe der von ihm initiierten Stiftung zum Ausdruck, kurz hielt er still für ein Foto vor einem seiner jüngsten Werke und wich ansonsten seiner Frau Teresa Barba nicht von der Seite.

Tàpies ist nach wie vor als Künstler aktiv. Im Ausstellungsprogramm zur Wiedereröffnung der Fundació Tàpies sind mehrere Arbeiten aus den letzten Jahren zu sehen. Darin bleibt er weiterhin den formalen Charakteristika seines Werks treu: Mixed Media auf Leinwand in Farbtönen, die von weiß über grau, erd- und honigfarben bis zu schwarz reichen. Teilweise befestigt er grobe Textilien, Draht, Sand oder Holz auf den Bildern. Mit breiten, energischen Pinselstrichen sind Zahlen, Buchstaben, einzelne Wörter oder Körperteile aufgetragen. Einerseits zeigt Tàpies also wenig Neues. Andererseits sind viele seiner jüngsten Arbeiten noch immer sehr kraftvoll. Und in Katalonien gilt er ohnehin als lebende Legende.

"Die Ausstellung zeigt einen Teil von Tàpies' Kopf"

Die Stiftung, dessen Präsident Tàpies' Sohn Miquel ist, dient allerdings nur ausnahmsweise als Plattform für aktuelle Werke des Stifters (die werden in Barcelona regelmäßiger von der Galerie seines Sohnes Toni präsentiert). Neben einer eigenen Sammlung mit "klassischen" Stücken von Tàpies stellt die Stiftung oft jüngere Künstler aus und organisiert thematische Sonderschauen mit Labor-Charakter. Dafür wird es künftig mehr Geld von Stadt und Land geben. Der Umbau des Gebäudes lag in der Hand des bekannten spanischen Architekten Iñaki Ábalos. Viele Freiheiten konnte der sich nicht nehmen, denn die Stiftung befindet sich seit ihrer Einweihung vor 20 Jahren in einem denkmalgeschützten Bau des berühmten katalanischen Jugendstil-Architekten Lluís Domènech i Montaner. Ábalos hat den zentralen Saal des einstigen Druckerei-Gebäudes von Trennwänden befreit und überhaupt auf eine lichte, fast minimalistische Ausstattung gesetzt, so dass die Bilder wie das bauliche Erbe nun mehr Luft zum Atmen haben.

Der interessanteste Teil des momentanen Ausstellungsprogramms wird im Untergeschoss gezeigt. Dort ist erstmals ein Querschnitt durch Tàpies' private Kunstsammlung zu sehen – ein faszinierendes Kaleidoskop von Stücken, dessen ältestes aus dem 3. vorchristlichen Jahrtausend stammt. Hier finden sich hieroglyphenartige Notationen von John Cage neben einer westafrikanischen Skulptur aus dem 13. Jahrhundert, Stierkampf-Stiche von Goya neben indischen Gottheiten, ein düsteres Mönchsbildnis von Francisco de Zurbarán neben den fantastischen Kurzfilmen des Kinopioniers Georges Méliès. "Diese Ausstellung zeigt weniger einen Teil von Tàpies Haus als vielmehr einen Teil von Tàpies' Kopf", sagte Laurence Rassel, die Direktorin der Stiftung, zur Eröffnung.

Die umstrittene Socke

Das am heißesten erwartete Werk im Haus war jedoch wiederum ein Original von Tàpies, nämlich die knapp drei Meter hohe Skulptur "Mitjó", die fortan auf dem Dach zu besichtigen sein wird. Die löchrige "Socke", aus deren weiß gestrichener Hülle an mehreren Stellen ein Stahl-Drahtgeflecht herausquillt, sollte ursprünglich schon in den frühen neunziger Jahren im zentralen Ovalen Saal des Nationalmuseums für Katalanische Kunst (MNAC) einen dauerhaften Platz finden, allerdings in einer begehbaren Riesenversion von 18 Metern Höhe. Damals kam es in der Stadt zu einer erhitzten Kontroverse, weil mehrere Kulturpolitiker sowie der frisch designierte MNAC-Direktor das Werk überraschend ablehnten. Eine alte Socke wollten sie eher nicht im Prunksaal ihres Hauses haben.

Nun bekommt das damals weggeekelte Werk hinterrücks doch noch einen Platz an der Sonne. Die Kunstszene der Stadt war so begeistert von der späten Rache des Künstlers, dass darüber der Umbau selbst in den Hintergrund trat. Im Scherz beschwerte sich Iñaki Ábalos: "Mehr als zwei Jahre Arbeit am Haus – und am Ende wird nur von der Socke geredet!"

"Antoni Tàpies. The Places of Art"

Termin: bis 2. Mai 2010, Fundació Tàpies, Aragó 255, Barcelona
http://www.fundaciotapies.org/site/spip.php?rubrique65

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