Tatjana Barbakoff - Berlin

Tanzgewordene, bewegte Plastik

Das Verborgene Museum in Berlin zeigt eine Ausstellungen mit gemalten, gezeichneten und fotografierten Porträts der Ausdruckstänzerin Tsipora Edelberg, die unter dem Künstlernamen Tatjana Barbakoff in den zwanziger Jahren Triumphe feierte.

Heutzutage, wo jedes drittklassige Ereignis mit Digitalkamera oder Handy für die Nachwelt filmisch dokumentiert wird, kann man sich so etwas nicht vorstellen: dass es im 20. Jahrhundert eine Tänzerin gab, vom Publikum verehrt, von Kritikern gefeiert und von Künstlern porträtiert, von der nicht ein einziges gefilmtes Dokument erhalten ist. Genauso aber verhält es sich mit der Tänzerin Tatjana Barbakoff; nach einer steilen Karriere wurde sie unter der Nazi-Diktatur erst zur Emigration nach Frankreich gezwungen und schließlich im Konzentrationslager Auschwitz ermordet.

Im vergangenen Jahr wurde im Düsseldorfer Kulturbahnhof Eller eine Ausstellung über Tatjana Barbakoff vorbereitet; in veränderter Form – der Schwerpunkt liegt auf den Fotografien, die zusätzlich aus verschiedenen Berliner Instituten ins Verborgene Museum kamen – wird sie jetzt in Berlin gezeigt. Bei der Vorbereitung gab es Probleme. "Da es keine Filme von den Tänzen Tatjana Barbakoffs gibt und keine Zeitzeugen ermittelt wurden, wurden die über 150 zusammengetragenen Zeitungsartikel herangezogen und die darin enthaltenen Beschreibungen von zirka 60 Tänzen zusammengefasst, damit man überhaupt einen Eindruck von ihren Tänzen erhalten kann", heißt es im Düsseldorfer Katalog.

Die außergewöhnlichen und sehr persönlichen Tanzkreationen, die von hochdramatischen Szenen bis zur Humoreske alle Ausdrucksformen abdeckten, ließen Kritiker schwärmen: Eine "ausdrucksgesammelte stille Leidenschaft dieser unendlich schönen Hände" machte das "Kölner Tageblatt" aus; "von klagender Trauer durchflutet, mit einem wundervoll stimmungszart gestalteten, pantomimischen Finale" begeisterte sich die "Dortmunder Zeitung"; "Tanzgewordene, bewegte Plastik" attestierte die "Hagener Zeitung", und das "Stuttgarter Neue Tageblatt" präzisierte: "Da wächst plötzlich eine Barlachfigur empor, stark bedeutend ist die kleinste Bewegung."

Aber auch Künstler haben der Nachwelt ein Bild der Tatjana Barbakoff hinterlassen. Gert H. Wollheim (ihr späterer Lebensgefährte) hat sie immer wieder gemalt, Christian Rohlfs hielt ihre Tänze in zahlreichen Zeichnungen und Bildern fest, der Modefotograf Willy Maybaum hat sie porträtiert und Otto Pankok eine Gipsmaske ihres markanten Gesichts gefertigt.

Erst deportiert, dann in den Gaskammern von Auschwitz ermordet

Unter dem Namen Tsipora Edelberg wurde Barbakoff 1899 im lettischen Hasenpoth geboren, das damals noch zum russischen Zarenreich gehörte. Schon als Kind erhielt sie Ballettunterricht. Im Alter von 19 Jahren ging sie mit dem deutschen Offizier Georg Waldmann, den sie später heiratete, nach Deutschland, der unter dem Künstlernamen Marcel Boissier als Conférencier und Sänger arbeitete und mit dem sie in Kabaretts in Berlin und Düsseldorf auftrat. 1921 hatte sie im Düsseldorfer Schauspielhaus ihre erste Soloshow. Durch die Düsseldorfer Galeristin Johanna ("Mutter") Ey bekam sie innigen Kontakt zur rheinischen Künstleravantgarde. Dort lernte sie auch den Künstler Gert H. Wollheim kennen, der ihr neuer Lebenspartner wurde. Aber erst in Berlin erlebte sie den ganz großen künstlerischen Durchbruch.

Die aus einer jüdischen Familie stammende Künstlerin verließ 1933 Berlin und ging nach Paris. Mit Kriegsbeginn 1939 und dem Einmarsch der deutsche Truppen 1940 verschlechterte sich ihre Lage. Nach Jahren der Flucht und des Versteckens fiel Tatjana Barbakoff im Januar 1944 in Nizza der Gestapo in die Hände, wurde noch im selbem Monat ins Vernichtungslager Auschwitz deportiert, wo sie in den Gaskammern ermordet wurde. Wollheim überlebte im Versteck und wanderte 1947 in die USA aus.

"Die Tänzerin Tatjana Barbakoff"

Termin: 18. März bis 27. Juni, Das Verborgene Museum, Berlin. Katalog: 15 Euro
http://www.dasverborgenemuseum.de/

Mehr zum Thema auf art-magazin.de