William Kentridge - MoMA New York

Aussergewöhnliche Angst

Das MoMA in New York beschert dem Südafrikaner William Kentridge einen großen Auftritt. Unter dem Ausstellungstitel "William Kentridge: 5 Themes" zeigt er 120 Arbeiten, die zum Teil die Probleme und die Apartheid seines Heimatlandes aufzeigen.

Am Tag seiner Ausstellungseröffnung wirkte William Kentridge wie die Ruhe selbst. Der 54-jährige Südafrikaner stand im leeren Atrium, bedankte sich beim Museum of Modern Art und erinnerte sich daran, wie er vor 24 Jahren mit seinem Portfolio unter dem Arm Galerien in New York abgeklappert hatte – und überall zurückgewiesen wurde.

Es sei ein erstaunliches Gefühl, die Hallen des MoMA mit seinen Arbeiten bespielen zu dürfen, meinte Kentridge. Allerdings würde es mit einer "außergewöhnlichen Angst" einhergehen und der Frage, ob es gerechtfertigt sei, einem Künstler wie ihm so viel Platz in diesem Museum einzuräumen. Dann verschwand er zu den Proben in der Metropolitan Opera, wo die von ihm inszenierte Oper, Dmitri Shostakovichs "Die Nase", eine Woche später Premiere feierte.

Während Kentridge sich der Musik widmete, schienen seine Filmarbeiten und Zeichnungen in den Ausstellungsräumen um die Gunst der Betrachter zu buhlen. Wobei die Filmwerke mit ihren eindringlichen Sounds und ihren kafkaesken Kohlestift-Figuren, die auf der Leinwand ihr Unwesen treiben, den Zeichnungen keine große Chance geben. Es ist in der Tat ein großer Auftritt, den das MoMA dem Südafrikaner beschert: 120 Arbeiten werden gezeigt, fast die Hälfte davon stammt aus der Sammlung des Museums. Im Anschluss an New York wird "William Kentridge: 5 Themes" weiter nach Paris, Wien, Jerusalem und schließlich in das Stedelijk Museum in Amsterdam reisen.

Das Thema des 1955 geborenen Kentridge war und ist die Apartheid seines Heimatlandes Südafrika. Es geht ihm um die Verbrechen an den Menschen, die Sehnsucht nach Freiheit, den Missbrauch von Macht und das Verhalten von Opfern und Tätern. "Die Aktivität des Zeichnens ist ein Versuch zu verstehen, wer wir sind und wie wir mit der Welt umgehen", hat Kentridge einmal gesagt. Bei den Figuren, die er auf dem Weg dorthin schuf, handelt es sich zum Beispiel um den nackten Ubu. Man sieht den ungelenken, dicklichen Mann, der die weiße Macht in Südafrika symbolisiert, auf dem Fahrrad, tanzend, lauschend. Daneben tanzen zu wechselnder Musik von Antonín Dvorak, Duke Ellington oder von afrikanischen Chören Kentridges Figuren und Collagen über die Leinwand.

Eine üppige Nackte, ein Skelett und eine Kamera

In "Ubu Tells the Truth" kommentiert der Künstler die für ihn grausame Vorgehensweise der Wahrheits- und Versöhnungskommission, die in seinem Heimatland zur Untersuchung von politisch motivierten Verbrechen während der Zeit der Apartheid eingesetzt wurde – und die alle Täter von ihren Verbrechen, sei es Mord, Folter oder einfach nur Unterdrückung, freisprach, wenn sie sich öffentlich zu ihnen bekannten. Eine üppige Nackte, ein Skelett und eine Kamera, die das Grauen einfängt und wiedergibt, springen über die Leinwand. Eine Bombe sprengt einen Körper so lange und wiederholt in die Luft, dass in unkenntliche Stücke zerfällt. In Südafrika wurden Menschen getötet oder sie verschwanden spurlos.

William Kentridge wurde 1955 als Sohn von zwei Anwälten und Apartheid-Gegnern in Johannesburg geboren. Er studierte Kunst und arbeitete zunächst jedoch als Schreiber, Bühnenbildner und Regisseur am Theater. In den späten siebziger Jahren fing er an, erste Zeichnungen und Prints zu fertigen. Seine Filme bezeichnet der Künstler gern als "Steinzeit-Animationen". Jede einzelne Kohlezeichnung wird in kleinsten Schritten von Hand verändert und fotografiert, um die Bilder in Bewegung zu versetzen.

Die zwei Hauptfiguren sind der reiche, ausbeuterische Minenbesitzerund Baulöwe Soho Eckstein und sein Gegenspieler Felix Teitelbaum, ein einfühlsamer, mitleidiger Mann. Eckstein ist ein Symbol für die Gier nach Geld, für Schuldgefühle und ein menschlich jämmerliches Dasein. In "Stereoscope" sitzt der Geschäftsmann an seinem Schreibtisch und blickt auf ein Foto seiner Frau. In dem Fotorahmen muss er mit ansehen, wie ihn die Ehefrau mit ihrem Liebhaber Teitelbaum betrügt. Gegen Ende des Films geht Ecksteins Büro-Tower in einer Wolke von Kreidestaub unter. Und der einst so wichtige Mann steht mit gesenktem Kopf da. Die Arbeit wirkt wie eine Kapitulation der Menschlichkeit, bei der es nur Verlierer geben kann. Kentridge lässt Eckstein so bitterlich weinen, dass seine Tränen zu einem gewaltigen blauen See ansteigen.

"William Kentridge: Five Themes"

Termin: bis 17. Mai 2010, Museum of Modern Art, New York
http://www.moma.org/visit/calendar/exhibitions/964