Permanent Trouble – Sammlung Kopp - Kunstforum Ostdeutsche Galerie

Der Sammler, der Punk und sein Zwerg

Zum ersten Mal gibt Herbert Kopp Einblick in seine exzentrische Sammlung zeitgenössischer Kunst. Gezeigt werden rund 200 Arbeiten prominenter Künstler, darunter auch internationale Stars wie Günther Förg, Paul McCarthy und Philip Guston.

Welche Schätze zeitgenössischer Kunst sich hinter den Türen einer Münchner Privatadresse verbergen, ist selbst Insidern erst seit Kurzem bekannt. Der Juwelier und frühere Künstler Herbert Kopp hat zusammen mit seiner Frau Annette eine exzentrische Sammlung zusammengetragen. Erstmals präsentiert wird sie jetzt im Kunstforum Ostdeutsche Galerie in Regensburg.

Ein solches Aufgebot von Kunstprominenz hat die sonst im Zeitgenössischen eher verschlafene Stadt Regensburg vermutlich noch nicht erlebt. Aus Berlin und München, ja sogar London und den USA reisten Künstler, Galeristen, Kritiker, Sammler vorzugsweise in kleineren Clans und mit Familienanhang an. Ihr Motiv: Herbert Kopp, ein Münchner Privatsammler, präsentierte zum ersten Mal geballt seine bis dato im privaten Raum mit Argusaugen gehütete Sammlung. Schauplatz für die rund 200 Arbeiten ist das Kunstforum Ostdeutsche Galerie.

Lange hat der eher zurückhaltende Sammler seine eigentliche Obsession nicht publik gemacht. Im alltäglichen Leben führt Herbert Kopp mit seiner Frau Annette das florierende Juweliergeschäft Cada in München, für das er zugleich aparte Schmuckstücke entwirft. Erst im vergangenen Jahr schloss er zu seinem 60. Geburtstag für Sympathisanten und Insider seine von Kunst regelrecht überfüllte Wohnung auf. Und schon bei diesem Schnupperkurs wurde deutlich: Die Sammlung Kopp bietet mit Arbeiten von Paul McCarthy, Philip Guston, Mike Kelley, Andreas Slominski, Tal R, Daniel Richter und nicht so ganz vertrauten Namen einen Fundus für – sagen wir – die Liebhaber des "Abseitigen".

Die besten Geheimtipps für Sammlungen jenseits des Mainstreams stammen bekanntlich oft von Künstlern. Kopp war selbst bis Mitte der achtziger Jahre professionell Maler, trat als sogenannter "Junger Wilder" auch gelegentlich in Gruppenausstellungen auf. Mit Günther Förg hat er studiert, und mit ihm führte er nach der Akademie rund fünf Jahre einen mittlerweile legendären Zweimannbetrieb als Anstreicher. Befreundet sind die beiden bis heute. Förg ist es auch, der dem ersten fulminanten Raum in Regensburg eine Farbhaut verpasste. Eine in Reckteckzonen unterteilte Komposition in satten Gelb-, Rot- und Blautönen, die an frühere Wandmalereien Förgs anknüpft und diese an gewagter Kontrastwirkung noch überbietet. Vor eine rote Wand hat der in eigener Sache auch als Kurator tätige Sammler Kopp eine pinkfarbene Skulptur namens "Double Happy" von Tal R platziert. In dem energetischen Umraum droht das Zwillingsgebilde wie ein Schwamm weiter zu wuchern.

Künstlerische Grenzgänger mit Kultstatus

Hoch oben in dem Oberlichtsaal prangen großformatige abstrakte Bilder von André Butzer. Albert Oehlen, ein alter Kumpel aus Kopps wilden Malerjahren, befand zu Recht: "Das ist aber eine jazzige Hängung, Herbert." Von Oehlen stammt auch eines der eindringlichsten Bilder: Das aus zwei großen Augen schielende "Good Old Days" (1997) besticht durch eine seltsam teppichartige Wirkung. Hier und da taucht zwischen den renommierten Meistern nie Gesehenes und Horribles auf. Ein merkwürdig ambivalentes Frauenporträt von Lutz Braun etwa, das als Malerei der Fifties durchgehen könnte, würde es nicht so giftig psychedelisch schillern.

Am meisten angetan ist Kopp offensichtlich von den eher furiosen, rockigen, punkigen und phantomhaften Gesten. Kurz gesagt: Er bevorzugt Kunst von Jungs. "Es gibt leider wenig schrullige Künstlerinnen", bedauert Kopp. "Ich bin ein großer Verehrer von Rachel Harrison, aber ihre Skulpturen waren bislang preislich unerreichbar für mich." Wann aber überzeugt ihn ein junger Außerseiter wie etwa Aaron Curry? Kopp sucht den produktiven Widerstand, nicht umsonst heißt die Ausstellung "Permanent Trouble". "Wenn ich etwas beim ersten Sehen spontan ablehne, bekomme ich ein schlechtes Gewissen, und ich fange an, darüber nachzudenken. Oft entsteht daraus dann so etwas Hingabe."
Kopp pflegt einen sehr engen Kontakt mit den Künstlern, was sich allein durch die Präsenz von Hansjoerg Dobliar, Andreas Hofer, Robert Hawkins, Hans-Jörg Mayer, John Tremblay, Georg Herold am Previewabend mitteilte. Nur ein Drittel der Kollektion ist ausgestellt, zwei Drittel demonstriert der schöne Katalog. Einziger Kritikpunkt an dieser Schau: Von seiner vielleicht skurrilsten Skulptur wollte sich Herbert Kopp nicht trennen. Ein grinsender Zwerg von Paul McCarthy, der sonst in der Bibliothek von Kopp das trotzige Dasein eines Rumpelstilzchens führt. Laut Sammler soll er nachträglich noch dem Museum zugeführt werden, wenn er einen Glassturz erhält. Ein Gehäuse, das in früheren Zeiten Schneewittchen vorbehalten gewesen wäre und nicht einem einbeinigen Knirps mit einem braunen Riesenschädel wie aus Schokolade.

Warum eine so angenehm exzentrische Sammlung bislang kein Spielfeld auf Zeit in einem größeren Museum fand, bleibt ein Rätsel. In Regensburg reibt sich das Museumspublikum derzeit die Augen über den unerwarteten Schub an Contemporary Art. Dank Andrea Madesta, der neuen innovationshungrigen Direktorin im Kunstforum, gelang die außergewöhnliche Sammlung nach Regensburg. Zumindest vorübergehend ist ein Hot Spot der zeitgenössischen Kunst entstanden.

"Permanent Trouble. Aktuelle Kunst aus der Sammlung Kopp München"

Termin: bis 14. Juni, Kunstforum Ostdeutsche Galerie, Regensburg. Katalog: Snoeck Verlag, 32 Euro
http://www.kunstforum.net/ausstellungen_kopp.php