Linie Line Linea - Kunstmuseum Bonn

Unheimlich detailversessen

Das Kunstmuseum Bonn zeigt einen gelungenen Überblick über Zeichnungen der Gegenwart. Beinahe unheimlich ist die Detailversessenheit vieler der ausgestellten Bilder.
Unheimlich detailversessen:Ein Überblick über Zeichnungen der Gegenwart

Alexander Roob: Marcel I, 1999, 126 Blätter aus dem Projekt "Marcel I", Pittkreide auf Papier, je 15 x 21 cm

Stunden und Tage kauerte die Berliner Künstlerin Pia Linz in einem brusthohen Glaskasten und zeichnete die Welt um sich herum. Genau genommen ritzte sie die Konturen dessen, was sie vor, über und unter sich sah, in die Scheiben und füllte die Rillen anschließend farbig aus.

Mit ihrer an Kratzspuren in Gefängniszellen erinnernden "Gehäusegravur" markiert Linz den Punkt, an dem die Detailbesessenheit vieler Zeichner etwas Unheimliches bekommt. Man kann nur bewundern, wie sich etwa auf den Bleistiftzeichnungen von Christian Pilz die Dinge bis ins Unendliche verästeln, doch zugleich erschrickt man vor den Mühen, die ihn seine Arbeit gekostet haben muss.

Für diesen selbstquälerischen Zug des Zeichnens hat Volker Adolphs, der Kurator der sehenswerten Ausstellung "Linie Line Linea" (Katalog: DuMont Verlag, 26 Euro, im Buchhandel 39,95 Euro), eine überzeugende Erklärung. Für ihn ist die Zeichnung die ursprünglichste Form des künstlerischen Ausdrucks, weshalb die Linie jeden Künstler genau dorthin mitnimmt, wohin es ihn im Geheimen zieht. Bei Pauline Kraneis ist dies das kleinteilige Geflecht eines monumentalen Teppichbildes, bei Ralf Ziervogel die Höllenvision von gequälten, wie auf eine Perlenschnur aufgezogenen Leibern.

Natürlich hat in diesem Spektrum auch das Einfache seinen Platz, wobei gerade dieses eine erstaunliche Komplexität entfalten kann: Marcel van Eeden zeichnet nur Dinge und Ereignisse aus der Zeit vor seiner Geburt und schafft sich so Erinnerungen, die nicht die seinen, aber trotzdem sehr persönlich sind; Alexander Roob wiederum hat mit Kreide und Papier einen Mann namens "Marcel" begleitet und dessen Geschichte mit lauter fotografischen "Schnapp­zeichnungen" aufgeschrieben. Schon nach 126 Blättern klinkte sich Roob aus Marcels Leben wieder aus, was Kollegen wie Pia Linz vermutlich mit einer Mischung aus Unverständnis und Neid erfüllt.

"Linie Line Linea – Zeichnung der Gegenwart"

Termin: bis 16. Mai, Kunstmuseum Bonn
http://www.kunstmuseum-bonn.de/ausstellungen/aktuell/info/ex/linie-line-linea-16/

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