Alicja Kwade - Hannover / Münster

Geschliffen und gelackt

Die Künstlerin Alicja Kwade führt vor, wie aus alltäglichen Fundstücken Kunst wird. Neue Installationen der polnischen Künstlerin (*1979) sind in der Kestnergesellschaft Hannover und dem Westfälischen Kunstverein Münster zu sehen.

Eine gefühlte Ewigkeit gibt Alicja Kwade dem Kieselstein Zeit, um in ihrer Videoprojektion einmal quer durch das Bild zu fliegen. Das ist viel Zeit für ein so alltägliches Ding wie den Stein, den die Künstlerin auch gleich noch auf eine zweite Art groß herausbringt: Untersockelt und so weihevoll angestrahlt wird der Kies in ihrer zum Video gestellten Installation in Münster präsentiert, als handele es sich um die Kronjuwelen.

Natürlich hat er diese Adelung zumindest nicht weniger verdient, als die immerhin ge­schätzten 300 Millionen alten Kohlebriketts, die Kwade wie einen Diamanten zurecht­schlei­fen lässt oder mit 24-karätigem Echtgold überzieht. Oder auch das kaum hörba­re Summen von Neonröhren: Es wird in der Kestnergesellschaft, die der 1979 in Polen geborenen und in Hannover aufgewachse­nen Künstlerin gemeinsam mit dem Westfälischen Kunstverein eine Ausstellung ausrich­tet (Katalog: Distanz-Verlag 25 Euro, im Buchhandel 39,90 Euro), über Mikrofone und stählerne, mit Schwarzlack überzogene Resonanzwände zu monumentaler Bedeutsamkeit hin verstärkt.

"Ereignishorizont" heißt die Schau, die unter anderem der Frage nachgeht, wie aus einem belanglosen Alltags­ding ein spektakuläres Kunstobjekt wird. Knapp 100 Jahre nach Duchamps ersten Ready-Mades ist das bei Kwade zunächst einmal eine Frage von Aggregatzuständen: "Andere Bedingung" nennt sie schlicht eine Arbeit, bei der sich allerlei an der Wand lehnende Objekte so in die untere Raumecke hineinkrümmen, als wollten sie sich deren Erscheinungsform anverwandeln. So ähnlich biegen sich auch ihre anderen dem Alltag entrissenen Fundobjekte an die Gesetzmäßigkeiten einer Kunstwahrnehmung heran, die dem Untersockelten, Verlangsamten, Geschliffenen und Gelackten traditionell einen höheren Wert beimisst als den Wechsel­fällen des Alltäglichen.

"Alicja Kwade"

Termin: 9. April bis 24. Mai, Kestnergesellschaft, Hannover. Weiterer Termin: 23. April bis 27. Juni, Westfälischer Kunstverein, Münster. Katalog: Distanz-Verlag 25 Euro, im Buchhandel 39,90 Euro
http://www.kestner.org/de/ausstellungen/alicja_kwade/infos_zur_ausstellung.html

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