David Schnell - Kunstverein Hannover

Die Zivilisation explodiert

Tiefe Fluchtpunkte und irritierende Perspektiven dominieren das Werk des deutschen Malers David Schnell im Kunstverein Hannover.

Eine hypermoderne Luxusvilla explodiert. Zu den Klängen von "Careful With That Axe, Eugene" von Pink Floyd fliegen
in einem gigantischen Feuerball Mau­erwerk, Glas, Balken in die Luft, in einem gewaltigen Fallout regnen in Zeitlupe zertrümmerte Zivilisationsgüter wie Möbel, Kühlschränke, Fernsehapparate, Bücher, Lebensmittel in die grandiose Natur des Death Valley. Diese Apokalypse fand 1970 im Film "Zabriskie Point" des italienischen Regisseurs Michelangelo Antonioni statt.

Gut 40 Jahre später fühlt man sich wieder an Antonionis Endzeitvision der (westlichen) Zivilisation erinnert: in den Bildern des Malers David Schnell, 1971 in Bergisch Gladbach geboren und jetzt in Leipzig wohnend und arbeitend. Er hat an der legen­dä­ren Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig studiert, war von 2000 bis 2002 Meisterschüler bei Arno Rink und zählt, wie etwa Neo Rauch, Tim Eitel oder Matthias Weischer, zur so genannten Neuen Leipziger Schule.

Viele seiner Gemälde wirken auf den ersten, flüchtigen Blick wie fast klassische Landschaften, zeitgemäß interpretiert. Rasch aber erkennt der Betrachter dieser starkfarbigen Kompositionen irritierende Elemente. Da ist zum einen die extrem ausgeprägte Perspektive mit einem Fluchtpunkt, der den Blick in eine fast unwirkliche Tiefe zu saugen scheint. Der Fluchtpunkt liegt häufig nicht nach dem Prinzip der Zentralperspektive in der Mitte, sondern ist eigentümlich versetzt, was das Bildgefüge ins Trudeln bringt. Dieses Phänomen kann allerdings auch genauso gut umgekehrt gedeutet werden – als eine gerade ausgelöste Explosion, deren verheerende Folgen noch nicht recht abzusehen sind. In anderen Bildern fliegen dem Betrachter dann balkenähnliche Bauteile, Bänke, Platten und andere Dinge entgegen – Folge einer unhörbaren Detonation.

"David Schnell nimmt ein klassisches Genre wie die perspektivische Landschaftsmalerei als Ausgangspunkt", heißt es dazu im Katalog seiner Ausstellung im Kunstverein Hannover (anschließend Den Haag und Schaffhausen; Katalog: Hatje Cantz Verlag, 39,80 Euro). "Aber der unwiderlegbar zeitgenössische Schauplatz und die rotierenden Bewegungen lassen auch an Computerspiele und Science-Fiction-Filme denken." Bekannt wurde David Schnell auch durch sein Kirchenfenster für die Leipziger Thomaskirche. Das "Friedens-Fenster" erinnert seit dem vergangenen Jahr mit abstrakten, schwebenden Formen an die "friedliche Revolution" von 1989.

"David Schnell - Stunde"

Termin: 19. April bis 30. Mai, Kunstverein Hannover
http://www.kunstverein-hannover.de/

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