Neo Rauch - Leipzig / München

Raffael! Courbet! Picasso! Warhol! ... Rauch?

Neo Rauch gilt als einer der bedeutendsten Maler seiner Generation, seine Bilder werden hoch gehandelt und sind in den wichtigsten Sammlungen vertreten. Aktuell richten ihm gleich zwei deutsche Museen in Leipzig und München eine Retrospektive aus. art hat wichtige internationale Kritiker gefragt: Wird sein Ruhm von Dauer sein? Welchen Platz bekommt er in der Kunstgeschichte?
Raffael! Courbet! Picasso! Warhol! ... Rauch?:Neo Rauchs Ruhm von Dauer?

Neo Rauch "Die Vorführung", 2006, Öl auf Leinwand, 300 x 420 cm, Rubell Family Collection, Miami

Roberta Smith "New York Times"

"Neo Rauchs Ruhm wird zumindest für eine Weile halten. Schließlich hat er die Unterstützung der Kritiker. Seine Ausstellung im Metropolitan Museum 2007 empfand ich als enttäuschend. Aber seitdem hat er bessere Arbeiten geliefert. Obwohl ich finde, dass er noch besser werden könnte. Neo Rauch widmet sich mehr der Malerei an sich und ist weniger berechenbar geworden.

Man hat das Gefühl, dass er weniger geplant arbeitet. Er könnte mehr Intuition oder Spontaneität einsetzen. Was zu passieren scheint, wenn auch nicht mit Nachdruck. Es gibt ein fantastisches Landschaftsbild, das ohne Menschen und Architektur auskommt. Ich frage mich, ob er jemals wieder etwas Ähnliches gemalt hat und was für ein Künstler er ohne seinen Stil und seine Figuren wäre. Denn bei dieser Arbeit hat man das Gefühl, einem völlig anderen Künstler zu begegnen. Sie zeigt, dass noch viel passieren kann mit Neo Rauch. Aber auch, dass er es mag, wenn die Dinge für ihn feststehen und Bestand haben. Wenn es darum geht, Maler hervorzubringen, ist Deutschland ein Phänomen. Es gibt so viele von ihnen – und die meisten sind männlich. Sie haben dieses Selbstbewusstsein und erlauben sich, auf eine Art zu malen, die konservativ erscheint, aber vielleicht etwas anderes hervorbringen wird. Sie empfinden wirklich, dass sie die Malerei am Leben erhalten. Im Moment findet man mehr figurative Maler. Und bei vielen von ihnen, zumindest in Amerika, handelt es sich um Frauen. Was bedeutet, dass ein neues Kapitel aufgeschlagen wird. Neo Rauch wird für diese Künstler immer von Interesse sein. Sie werden ihm seinen Platz einräumen, und er wird durch sie in der Zukunft weiterleben."

Tomas Pospiszyl "Tyden", Prag

"Vor einigen Jahren wurden Neo Rauchs Gemälde der tschechischen Kunstwelt als eine Art Erlösung überbracht: Kluge Malerei ist noch möglich! Sie kann arbeitsaufwändig sein und ganz klar das Produkt eines seltenen Ausnahmetalents. Rauchs Malerei erfüllt unterdrückte Träume von zeitgenössischer Historienmalerei, bei der wieder raffinierte Geschichtenerzählung auf der Leinwand stattfindet. Und vor allem: Seine Erzählungen sind nicht aus Filmen, der Fotografie oder digitalen Medien abge-leitet, sondern aus einem ständigen Dialog mit der jahrhundertealten Tradition der Malerei. Darum denke ich, dass Rauchs Gemälde am Ende aus der Mode geraten können, aber uns dennoch eine lange Zeit begleiten. Es ist wahrscheinlich, dass er eine Einzelposition wie Balthus einnimmt, die gelegentlich abgelehnt, aber immer stark gesammelt und ausgestellt werden wird. Er ist keine so revolutionäre Figur wie Picasso oder Warhol, aber es wird für ihn immer einen Platz in den Geschichtsbüchern geben, zumindest in denen mit Fußnoten."

Adrian Searle "The Guardian", London

"Vor drei oder vier Jahren schien Neo Rauch überall zu sein. Ihm folgte eine Welle des Marktinteresses an anderer Malerei aus Leipzig, bei der sich vieles um eine architektonische Symbolik drehte, die in einem Stil übermittelt wurde, der sowohl topografisch als auch gedeckt expressiv gemalt zu sein schien und dessen Farbigkeit alles Leben entzogen worden war – zugleich ausgebleicht und schmutzig, schwermütig und düster. Ein Geruch von Kohl und billigem Benzin lag in der Luft. Diese Kunst hatte auch eine melancholische Gestalt: Den Kapitalistischen Realismus eines frühen Richter und Polke lösten zerfetzte Werbeplakate für nicht länger erhältliche Produkte ab, die ohnehin niemand wirklich gewollt hatte. Rauchs Werk ist Un-Pop-Art, eine Kunst der unpopulären Kultur. Eine damals auf den Kopf gestellte Welt, eine Art bestimmter Ostalgie oder auch Nostalgie für alte Gewissheiten des Ostblocks. Seine Kunst hat etwas von lustloser Geschicklichkeit, und zwar vorsätzlicher. Ich bin mir sicher, dass Sammler Rauch mögen. Museen mögen ihn, weil er eine Lücke füllt zwischen dem alten Osten und einem ebenso kalten und zynischen Westen. Er ist ironisch, aber jeder mag Ironie. Er ist ein raffinierter Maler, und jeder mag Malerei. Sogar ich mag sie. Aber Rauch ist nicht "das nächste große Ding", und schon gar nicht der Retter der Malerei. Vielleicht ein guter Kleinmeister; die Zeit wird es zeigen. Ist er so gut wie Luc Tuymans? Rauchs Bilder sind nicht so einprägsam. So ironisch wie Polke? Rauch ist nicht so vielfältig und hat vermutlich in seiner Jugend weniger Drogen genommen (vielleicht konnte er keine bekommen). So gut wie Richter? Rauch ist weniger verschwommen. Andererseits verschwimmen seine Bilder in meinen Augen zu einer Art grobschlächtigen Suppe, mit oder ohne Kohl. Er ist ein Stylist einer Sache ohne Stil. Was sich ganz gut anhört, ihn aber nicht großartig macht."

Rutger Pontzen "De Volkskrant", Amsterdam

"Neo Rauch ist ein großer Maler. Wenn er außerdem ein bedeutender Maler ist, dann liegt das an seiner wichtigen Rolle in der Ära nach dem Kalten Krieg, der Emanzipation der Kunst in den osteuropä­i­schen Ländern und der Renaissance der neofigurativen Malerei nach 1989. Er zeigte, dass das ostdeutsche Hochschulsystem nicht so schlecht war, wie wir im Westen gedacht hatten. Und dass altmodisches Handwerk und Ästhetik kombiniert werden können mit ei­nem zeitgenössischen Geschmack. Durch Gerhard Richter und Sigmar Polke wussten wir bereits, dass man auch dann ein großer Künstler sein kann, wenn man auf der östlichen Seite des Eisernen Vorhangs geboren ist. Sie haben bewiesen, dass es sich lohnt, die Regeln der am Sozialistischen Realismus ausgerichteten Professoren aus Dresden zu brechen. Neo Rauch hat es anders gemacht. Er ist sicher­lich ein guter Maler, der delikate und manchmal gar epische Arbeiten abliefert. Aber er tut das im Kontext eines neuen Deutschland, eines neuen Europa. Der Hauptgrund, warum man ihn nicht mit Michelangelo, Courbet, Cézanne, Picasso, Pollock oder Polke und Richter auf eine Stufe stellen kann: Sie alle haben ein neues System erschaffen, durch ihre Arbeit und durch ihre Haltung als Künstler. Sie stießen in neue Dimensionen vor, veränderten den Gang von Zeit und Geschichte und gaben zukünftigen Generationen etwas mit. Es ist zu bezweifeln, dass dies bei Rauch der Fall sein wird."

Jerry Saltz "New York Magazine"

"Ich war so ein Fan! Aber ich beginne, mir Sorgen zu machen. Ich finde, da ist so etwas Kleinliches und Verworrenes in Rauchs Arbeit, das sie am Ende aus der Kunstgeschichte herausfallen lassen wird. Und ich denke, dass das innerhalb der nächsten 30 Jahre passiert. Die Leute werden sich an seinen Arbeiten satt sehen. Die Farbe ist großartig, die Deckkraft ist fantastisch, die Körper­lichkeit, die Materialität. Aber es fehlt etwas, das er nicht gibt. Auf der psychischen Ebene hält er etwas zurück. Eine Vorenthaltung, die der Stilistik der Illustration verbunden ist. Und ich glaube, die wird ihn sein Leben kosten. Es gibt Träume, die so überzeitlich wie eine Zauberflöte sind. Aber andere Träume bestehen aus fragmentierten, unzusammenhängenden Stücken, die sich zu keinem Ganzen fügen wollen. Rauch scheut die Mühe, sich selbst zu erkennen. Das sollte man seinen Träumen aber abgewinnen. Sonst ergeben sie keinen Sinn. Ich glaube nicht, dass er uns seine Seele gibt. Er hält sie zurück und gibt uns stattdessen ein Foto der deutschen Seele, wie man sie bereits kennt. Jede Seele entwickelt sich, Rauch aber lässt uns nicht sehen, wie sie sich entwickelt. Es graut ihn, wie uns alle."

Philippe Dagen "Le Monde", Paris

"Er ist einer der guten Bildernacher von heute. Warum Bildermacher? Um den Unterschied zwischen diesem Genre zu unterstreichen und dem, was man Malerei nennen könnte. Malerei, dafür stehen Bacon oder Baselitz: Künstler, die auf der Leinwand dank Form, Farbe, Gestik und Materialität Empfindung und Bewegung spüren lassen, Wünsche und Ablehnung, Emotio­nen und Ideen. Bildermacher, das sind ein Warhol oder ein Polke: Fotografien oder Plakate, Werbung oder Reproduktionen werden vereinnahmt und per Ausriss und Montage zu einem Bild komponiert. Das künstle-rische Ergebnis des Bildermachers ist ein Dispositiv, das zwischen Unaufgeräumtheit und Geheimnis wechselt, zwischen Absurdität und Symbolik. Die Erklärung solcher Bilderrätsel ist meist alles andere als einfach. Das gilt auch für Rauch, dessen Stärke die Gabe ist, Bild­elemente aus naher oder ferner Vergangen- heit, aus Politpropaganda oder Werbung auszugliedern und miteinander in Verbindung zu setzen. Diese Kunst der Montage bläst er zu oft riesigen Bildformaten auf, dank einer Handwerklichkeit, die in der Lage scheint, einfach alles darzustellen. Er ist bei weitem nicht der Einzige, der nach diesen Prinzipien arbeitet, die seit Dada in die Geschichte der Moderne gehören. In jüngerer Zeit haben sich auch andere Künstlers aus Rauchs Generation in diese Tradition der Bildermacher begeben, etwa David Salle oder Jeff Koons, im Vergleich zu denen Rauch aber oft variabler und erfindungsreicher wirkt, wohl weil sein Bildfundus, in dem er sich bedient, größer und abwechslungsreicher ist. Man kann Neo Rauch nur wünschen, dass dieses meisterliche Beherrschen von Methode und Wirkung, das er unter Beweis stellt, nicht in Manierismus umkippt."

"Neo Rauch Begleiter"

Termin: 18. April bis 15. August, Leipziger Museum der bildenden Künste. Und: 20. April bis 15. August, Münchner Pinakothek der Moderne. Katalog: Verlag Hatje Cantz, 49,80 Euro
http://www.mdbk.de/start.php4

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