Giorgio de Chirico - Rom

Metaphysische Bilderrätsel

Im römischen Palazzo delle Esposizioni wird das Gesamtwerk des Malers Giorgio de Chirico in ein neues Licht gerückt.

Giorgio de Chirico verdankt seine Berühmtheit dem Frühwerk, das in einem knappen Jahrzehnt zwischen 1910 und 1919 entstand: die "Pittura metafisica". Das Wort "metaphysisch" hat der Maler selbst als Begriff in die Geschichte der modernen Malerei eingeführt. Bereits 1920 predigte er dann aber die Rückkehr zu den alten Meistern.

André Breton hat die Kunst de Chiricos bewundert. Sie begann für ihn 1912 und endete 1917. Als de Chirico anfing die Serien der Pferde, Gladiatoren, Gliederpuppen und Archäologen zu malen, gaben ihm die französischen Surrealisten eine Chance von fünf Jahren, um seine "kreative Vitalität" wiederzugewinnen. 1926 war die Frist abgelaufen. Seitdem hat jede Retrospektive von de Chirico, zuletzt die im Museé de la Ville de Paris im Februar 2009, die Frage aufgeworfen, "wieviel de Chirico dem Betrachter eigentlich zuzumuten ist" (Werner Spies, FAZ). Eine Einordnung der späteren Produktion des Malers, die sich nicht im Rahmen einer nach avantgardistischen Trends geschriebenen Kunstgeschichte bewegt, stand noch aus.

Jetzt hat der italienische Kunstkritiker Achille Bonito Oliva das Gesamtwerk des großen Metaphysikers in ein neues Licht gerückt. Seine Ausstellung im römischen Palazzo delle Esposizioni mit dem Titel "Die Natur, wie sie de Chirico sieht" zeigt über 120 Gemälde von der Frühzeit bis zum späteren "bad painting".

In sieben thematisch getrennten Werkgruppen wird das Verhältnis des Malers zur Natur untersucht. Die "Natur des Mythos" ist durch eine lange Reihe von mythologischen Figuren wie Orpheus, Ariadne oder den "beunruhigenden Musen" belegt. Kostbare Leihgaben kamen zum Thema "Schatten", wie "Mysterium und Melancholie einer Straße" (1914) aus einer New Yorker Privatsammlung. Jeder weiß, wie schwer es ist, Hauptwerke aus der Zeit vor 1917 zu entleihen. In Rom gibt es eine lange Reihe davon zu sehen. Viele Überraschungen kommen aus Privatsammlungen oder der "Stiftung Giorgio und Isa de Chirico". Oft bringt der Maler Fragmente der Natur, wie Bäume oder Felsen, in Innenräume, stellt Mischwesen aus lebendigen Organismen und Maschinen dar, als Vorgriff auf Cyborgs und den posthumanen Menschen.

Im Vordergrund der Bilder liegen Bananen, Artischocken und Statuenfragmente. Steinhartes Gebäck ist an Tafeln befestigt, natürliche und künstliche Objekte sind zu Bilderrätseln vereint. Diese "Metaphysischen Interieurs" wurden aus Osaka, London, Utica (New York) entliehen. Fasziniert folgt man schliesslich allen Richtungsänderungen des Malers von den romantischen "Villen" bis zu den neometaphysischen Erfindungen der sechziger Jahre, wie den "Mysteriösen Badeanstalten" mit ihrem Wasser aus Parkett bis zur "Heimkehr des Odysseus" (1968): Da rudert ein griechischer Jüngling in einem spärlich möblierten Zimmer in einer teigähnlichen Masse, die sich zusammenzuziehen scheint, um jenen banalen Raum zu hinterlassen, den De Chirico zeitlebens bekämpft hat.

"La Natura secondo de Chirico"

Termin: bis 11. Juli, Palazzo delle Esposizioni, Rom. Katalog: Federico Motta Editore, 49 Euro
http://www.palazzoesposizioni.it/MEDIACENTER/FE/CategoriaMedia.aspx?idc=263