Bjørn Nørgaard - Kopenhagen

Von der Avantgarde zum alten Eisen?

Der dänische Künstler Bjørn Nørgaard hat auf Einladung von Joseph Beuys gearbeitet und mit Sex und Tierquälerei in seiner dänischen Heimat mehr als einmal die Öffentlichkeit gegen sich aufgebracht. Doch die Retrospektive in der dänischen Nationalgalerie zeigt auch den älteren, ruhigeren Nørgaard. Leider, möchte man beinahe sagen.
Von der Avantgarde zum alten Eisen?:Bjørn Nørgaard

Bjørn Nørgaard: "Pferdeopfer",1970, in Zusammenarbeit mit Lene Adler Petersen und Henning Christiansen, Super8

Er war gerade Anfang 20, da opferte er ein Pferd, baute und benutzte Kneppemaskiner, zu gut Deutsch Vögelmaschinen, und rief zur Demokratisierung des Films auf. Keine Frage, Bjørn Nørgaard war Avantgarde. Damals, Ende der Sechziger, Anfang der Siebziger.

Heute überzieht er die dänische Provinz mit Kunst-am-Bau-Projekten, die aussehen, als hätte der Kunsthandwerkkurs versucht, Giacometti weiterzuentwickeln, und er lässt in China Steingutfiguren in Serie produzieren, Titel: "Mickey's Opera" – die Dinger könnten auch einem Disneyfilm entsprungen sein. Was hätte der junge Nørgaard wohl zum alten
gesagt? Nicht allzuviel Gutes, ist zu befürchten. Bei der aktuellen Retrospektive im Kopenhagener Statens Museum for Kunst, der dänischen Nationalgalerie, gibt es in Form der Werke eine Gegenüberstellung des jungen und des alten Nørgaards. Dass sie in Dialog miteinander treten, wäre zu viel gesagt, dafür sind sie zu kontrastreich. Natürlich werden viele Künstler mit dem Alter ruhiger, sie entwickeln sich weiter, aber bei Nørgaard scheint es, als habe es eine ziemliche Umorientierung gegeben, als er in etwa die berüchtigte Hälfte des Lebens (in Hölderlinscher Rechnung) überschritt.

Von den riesigen in den Kassenbereich des Museums deplatzierten und zur zweiten, weniger spannenden Schaffensperiode Nørgaard zählenden Keramikfiguren einmal abgesehen, macht der Ausstellungsbesucher als erstes
mit der Installation "Marat - wer war Corday?" (1976/82) Bekanntschaft. Der Titel lässt richtig vermuten: Da liegt ein Toter in der Badewanne, in dem Fall ein Gipsabguss vom Körper des Künstlers. Mit diesem Werk die Ausstellung zu beginnen, ist eine gute Wahl, enthält es doch gleich mehrere Elemente, die Nørgaard immer wieder aufnimmt: das Gitter im Vordergrund und den Spiegel im Hintergrund sowie dazwischen Kaffeetasse und Ei – Nørgaards Zeichen des Alltagslebens. Mit der Frage im Titel spielt Nørgaard darauf an, dass wir alle schon von Marat gehört haben, aber nicht unbedingt von der Frau, die ihn getötet hat. Leider macht der Infotext zur Ausstellung den gleichen Fehler und gibt von Carday auch kaum mehr als ihren Namen preis. Auf zehn Zentimeter hohen Podesten am Rande des ersten Ausstellungsraumes die ganz frühen Werke des Dänen, beinahe Materialstudien. Hier ist seine Nähe zu Beuys, der ihn bereits 1966 nach Düsseldorf einlud, besonders deutlich. Den Ausstellunsgmachern – Kuratorin sind Birgitte Anderberg und die Architektin Pernille Jensen – gelingt, das mittlerweile museale der Werke zu unterstreichen, ohne den Eindruck einer Historisierung zu erwecken. Überhaupt ist das Interieur bestens auf die Kunst abgestimmt. Das geht soweit, dass eigens für diese Ausstellung Metallhocker angeschafft wurden, weil die klassischen Museumshocker wie Fremdkörper wirken würden und die Aura zerstörten. Dass gelingt dafür dann aber mit einigen Werken dem späten Nørgaard selbst. Vorher aber noch sein wohl bekanntestes Werk "Hesteofringen", das Pferdeopfer. 1970 schlachtete Nørgaard, begleitet von Henning Christiansen auf der Violine, mitten in der dänischen Winterlandschaft ein Pferd ab, die Aktion sollte darauf Aufmerksam machen, wie wenig die Leute am Vietnamkrieg interessiert waren; lieber regten sie sich über ein geschlachtetes Pferd auf. Die filmische Dokumentation des Pferdeopfers ist einer der vielen Filme in der Ausstellung. Daneben, in einem hölzernen Regal, die Einmachgläserartigen Gefäße, in denen, in Formalin zerstückelt, der größte Teil des Pferdes liegt. Dänemarks Kultusminister Per Stig Møller soll bei der Eröffnung darüber die Nase gerümpft haben. In einem weiteren Raum werden mehrere seiner Filme nebeneinander an die Wand projiziert, darunter die Tagebuchfilme, gefilmtes Alltagsleben mit seiner Frau: Jeder sollte solche Aufnahmen machen und der Filmindustrie die Macht nehmen, meinte der Künstler.

Kneppemaskiner, genauer gesagt: Bumsmaschinen

Das ist zwar schon Jahrzehnte her, aber dieser Mann muss doch Interesse haben an den neuen Medien, an den Entwicklungen, die sich derzeit in unserer Gesellschaft abspielen – auch wenn sie nicht immer Kunst sind. Nørgaard war gerade zwanzig, da baute er seine Kneppemaskiner, genauer gesagt waren es seine und die seiner Frau. Denn die Kneppemaskiner – im Slang der Sechziger wohl wörtlich am besten zu übersetzen mit Bumsmaschinen – waren Gestelle, die den Körper seiner Frau in einer solchen Stellung hielten, dass, nun ja, sie bestens zu bumsen war. Jene Form des Geschlechtakts nahm das Künstlerpaar auf und spielte den Kurzfilm als Kunst ab – vor 40 Jahren sorgten sie damit in Dänemark für Ärger und Aufregung. Jetzt sehen sich in Kopenhagen sogar kleine Kinder die Szenen ruhig an. Die Kneppemaskiner ähnelten mal in Heimwerkermanier selbstgebauten Liebesschaukeln, mal Gestellen, auf denen auch gut ein Teppich hätte abgeklopft werden können, nur das dort der nackte Körper von Nørgaards drei Jahre älteren Frau lag. In seinem Filmmanifest forderte er damals die Demokratisierung dieses Mediums, das seiner Meinung nach zu sehr in den Händen der Industrie war. Nørgaard aber wollte, dass jeder Filme machte, wozu gab es die günstige 8mm Technik? Doch heute, wo auf Internetseiten wie Youporn oder Redtube Paare den Film völlig demokratisiert haben und sich wie damals Nørgaard und seine Frau zu zweit exhibitionieren oder modernen Formen der Kneppemaskine hingeben, da will dieser Mann mit dem Internet dem Vernehmen nach nichts zu tun haben. Ob er dennoch wie früher voller Energie ist, wird er am 3. Oktober beweisen können, da hält der dann 63-Jährige in der Ausstellung eine Performance ab.

"Bjørn Nørgaard - Re-modelling the World"

Termin: 16. April bis 24. Oktober, Statens Museum for Kunst, Kopenhagen
http://www.smk.dk/