Wangechi Mutu - Deutsche Guggenheim

Bewohner einer parallelen Dimension

Die in Kenia geboren Künstlerin Wangechi Mutu hat ihre erste große Einzelausstellung in Berlin. Sie spielt mit der die Macht der Fiktion und steht mit ihren Collagen und Assemblagen in der Traditon von Max Ernst und Hans Bellmer.
"Bewohner einer parallelen Dimension":Wangechi Mutu in Berlin

Wangechi Mutu: "Blue Eyes", 2008, Tinte, Collage, unterschiedliche Materialien

Was ist nur mit der Berliner Guggenheim geschehen? So kennt man die edel renovierte Ausstellungshalle Unter den Linden nicht: Ein schmutzig-gelbes Licht gibt dem sonst so strahlend gewienerten Raum etwas Abgewracktes.

An den bräunlich-gräulich getünchten Wänden kriechen dunkle Wasserflecken von unten herauf, leise Tropfgeräusche sind zu vernehmen. Über den Steinboden wurde ein billiger Linoleum-Fussbodenbelag gelegt, der die Schritte dämpft. In der Mitte der Halle steht eine große Videosäule in deren Inneren eine schemenhafte Figur langsam in die Knie geht. Dort, im schachtartigen Raum kommt nicht nur das Licht von oben, sondern auch Flüssigkeit und Schmutz. "Mud Fountain" heißt der siebenminütige Videoloop, was man vielleicht mit "Lehmbrunnen" übersetzen könnte. Es ist die Dokumentation einer Performance der Künstlerin Wangechi Mutu, die hier ihre erste große Einzelausstellung in Berlin eingerichtet hat. Auch wenn die Verwandlung des Ausstellungsraums in einen Lehmbau mehr theatralische Andeutung als radikale Wirklichkeit ist – es reicht schon, um einige Guggenheim-Besucher ratlos und ein wenig verschreckt umhergehen zu lassen.

Als Schockbilder zweiter Ordnung könnte man auch die Bilder Mutus beschreiben, die entlang der Wände gehängt sind: in den letzten drei Jahren entstandene Foto-Aquarell-Collagen, die teilweise durch das Auftragen von Glitter und Perlen einen Assemblagecharakter tragen. Hier führt die 1972 in Nairobi, Kenia, geborene und seit einiger Zeit in New York lebende Künstlerin mit der klassischen Collagetechnik Bildfragmente aus Bereichen zusammen, deren Trennung in der Medienwelt sonst grundlegend ist. Gnadenlos und gekonnt montiert Mutu in ihren Bildern Zeichen aus Technik, Luxuskonsum, Mode, Pornografie, Nachrichtenfotografie, Natur- und Völkerkunde. So entstehen Figuren, die den gängigen Vorstellungen von der Ordnung der Dinge zuwiderlaufen: Fabelhafte Tierwesen, Menschmaschinen, Sumpfgestalten, Cyborgs und Aliens gleiten durch dieses fluide Universum, das keine Grenzen, sondern nur Inseln zu kennen scheint und mehr von der Zukunft der Körper und ihren Gesellschaften weiß, als manchem Betrachter vielleicht lieb ist.

In der Tradition von Max Ernst, Hans Bellmer und Cindy Sherman

Über diese philosophische Ebene in Mutus Werk wird eine Traditionslinie sichtbar, die zurückreicht zu den berühmten surrealistischen Collagen von Max Ernst etwa, den Gliederpuppen Hans Bellmers oder den Skulpturen von Louise Bourgeois, wie sie gerade in der Charlottenburger Sammlung Scharf-Gerstenberg zu sehen sind. Auch eine Fotoserie von Cindy Sherman aus den frühen neunziger Jahren kommt einem wieder in den Sinn. Damals verschwand Sherman vollständig aus ihren großformatigen Bildern und arrangierte stattdessen anatomische Körperteile zu schaurig verrenkten Landschaften. Doch wo Sherman mit der Kamera noch die dunkle Seite des anrollenden Schönheitschirurgie-und Anti-Alterungs-Booms auslotete, haben Mutus zersplitterte Wesen – die sich aus Maschinen, Menschenkörpern und Pflanzenorganismen zusammensetzen – hingegen die "natürliche" Sehnsucht nach Ganzheit und Unversehrheit schon hinter sich gelassen. Die besonders in der Praxis der modernen Medizin, aber auch in Bereichen wie Militär und Kommunikationstechnik vorangetriebene Verkoppelung von Organismus und Maschine, in denen "beide als programmierbare Geräte erschienen" – wie es die Philosophin Donna Haraway einst in ihrem vielbeachteten "Cyborg-Manifesto" beschrieb – sie findet sich in Mutus Bildern immer wieder.

Ein Kommentar über die Gegenwart

Ihre Wesen, sagt Mutu, seien "eher Bewohner einer parallelen Dimension". Dort lässt sich besser mit neuen Lebensformen experimentieren und das starre System von festgefahrenen Wahrnehmungmustern durcheinanderwirbeln. Als Künstlerin ist Mutu die Macht der Fiktion vertraut. Gerade gegen ihren Missbrauch richtet sich ihre künstlerische Praxis. Als Reisende zwischen Afrika und Amerika und mit beiden Kulturen vertraut, kennt sie die vielen Vorurteile die gern mit pseudowissenschaftlichen Theorien oder pseudoethnografischen Dokumentationen belegt werden. Hier arm – dort reich, hier Low-Tech – dort High-Tech, hier Afrika, dort Amerika. Sie verhindern die richtigen Fragen und verlängern die Lebensdauer falscher Gewissheiten von gestern. Mutu setzt ihre eigenen Bilder
dagegen, die von der Verschmelzung und auch Ungewissheit handeln. Collagen, Assemblagen und das Vermischen von Genres sind die Instrumente, die es ihr ermöglichen, ihre Erinnerungen und ihre Geschichte neu zu schreiben. Gerade deswegen funktionieren diese Bilder nicht als Dampfhammerkritik, sondern eher als Kommentar über die Gegenwart und Aufforderung zur Neugierde.

"Wangechi Mutu: My Dirty Little Heaven"

Termin: bis 13. Juni, Deutsche Guggenheim
http://www.deutsche-guggenheim.de/d/ausstellungen-mutu01.php#

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