Die perfekte Ausstellung - Interview Johan Holten

Statistische Methoden sind kein Ersatz für das eigentliche Auge

Lässt sich gute Kunst statistisch ermitteln? Internetseiten wie "Kunstkompass" oder "Artfacts", die uns angeblich objektive Rankings der gefragtesten Künstler präsentieren, suggerieren: Ja! Der Heidelberger Kunstverein stellt dies mit einer vermeintlich "perfekten" Ausstellung in Frage. Durch Auswertung von 26 Gruppenausstellungen, die in den letzten fünf Jahren in deutschen Kunstvereinen stattgefunden haben und Rankinglisten von "Artfacts" wurden acht Künstler ermittelt, die alle Qualitäten einer idealtypischen Ausstellung vereinen. art sprach mit dem künstlerischen Leiter Johan Holten über "die perfekte Ausstellung".
Lässt sich gute Kunst statistisch ermitteln?:Die perfekte Ausstellung

Johan Holten: "Ein Künstler hat sich dagegen entschieden seine Arbeiten auszustellen, da der Kontext eine falsche Lesart hervorrufen könnte."

Herr Holten, was macht eine perfekte Ausstellung aus?

Johan Holten: Der Titel "Die perfekte Ausstellung" ist mit einem ironischen Augenzwinkern gemeint. In den letzten Jahren konnte man beobachten, dass es immer mehr so genannte "Kunst-Wert-Ermittlungsdienste" gibt, die mit statistischen und mathematischen Algorithmen und Methoden, die gefragtesten, die perfekten Künstler ermitteln. Eine wirklich perfekte Ausstellung basiert aber gerade nicht auf Statistiken und mathematischen Berechnungen.

Kunst ist also nicht bewertbar?

Ich kenne jedenfalls kein System, das halbwegs oder annähernd eine perfekte Bewertung von Kunst ergeben hat.
Es ist schwierig einen eindeutigen Kriterienkatalog aufzustellen. Wenn dann nur auf ein lokal-partielles System beschränkt. Lege ich einen Maßstab fest, der für mehrere 100 000 aktive Künstler gelten soll, dann wird das schnell problematisch, und die Aussagekraft dieser Rankings verliert sich. Im Zuge der Ausstellungsvorbereitungen habe ich mich am meisten mit "Artfacts" beschäftigt. Unter den ersten 1000, der dort aufgelisteten Künstler, gibt es sicherlich Ausreißer, doch bei keinem geht man vollkommen kopfschüttelnd weg. Und die restlichen 79 000, besonders die ab
20 000 abwärts, sind mit einer so hohen Zufälligkeit ausgewählt, dass man sich fragt, welche Aussagekraft eigentlich damit verbunden ist.

Also kann man zwischen guter, mittelmäßiger und schlechter Kunst gar nicht unterscheiden.

Der Wunsch nach einer objektiven "Bewertung" von Kunst ist da. Aber historische und zeitgenössische Kunst in eine bewertbare Form zu bringen, ist nicht nur wie Äpfel und Birnen miteinander zu vergleichen, sondern wie Äpfel und Birnen mit Käsebroten und Steaks. Kunst ist – Gott sei Dank – wie ich durch meine Arbeit im Kunstverein täglich erfahre, abhängig von der ästhetischen Reflexion des Betrachters und lässt sich nicht mathematisch nachvollziehen.

Also rein subjektiv?

Nicht ausschließlich subjektiv. Es gibt in unserem Kulturkreis bestimmte Vorlieben, und man mag häufig das, was andere auch mögen; ein subtil-differenzierter Bewertungsmechanismus, der sich mathematischen Regeln deutlich entzieht.

Ist die Arbeit des Kurators nicht überflüssig, wenn sich eine Ausstellung mithilfe von mathematischen Formeln und Statistiken konzipieren lässt.

Wenn sie sich so konzipieren lassen würde, hätte sich meine Rolle auf die eines Pressesprechers reduziert. Aber wie gesagt, sind statistische Methoden kein Ersatz für das eigentliche Auge. Man muss sich viel Kunst anschauen, um dann irgendwann ein Gefühl dafür zu entwickeln, ob es einen interessiert und ob daraus ein Erkenntnisgewinn entsteht. Wenn aus Kunst kein Erkenntnisgewinn entsteht, ist sie eigentlich ziemlich belanglos. Wenn dieser Parameter wegfällt, dann frage ich mich, wofür wir eigentlich Kunst brauchen. Als Anlagewert vielleicht.

Aber zeigen Sie nicht durch die Realisierung der Ausstellung, dass es möglich ist, Kunst nach diesen Maßstäben zu bewerten.

Da muss man sich die Ausstellung angucken und dann entscheiden, ob man die willkürliche Zusammensetzung dieser acht Künstler als perfekt ansieht. Es gibt sehr hochkarätige Arbeiten dazwischen, unter anderem eine großräumige Skulptur des österreichischen Bildhauers Werner Feiersinger, Fotografien von Maria Sewcz und abstrahierte rote Platten des Künstlers Carl Michael von Hausswolff. Bei dieser Zusammensetzung würde ich bezweifeln, dass die Ausstellung thematisch "perfekt" ist.

Ist es nicht degradierend für die Künstler, aufgrund von Statistiken für eine Ausstellung ausgewählt zu werden.

Es ist zugegeben ein komplizierter Prozess gewesen, an die Künstler heranzutreten. Und es gab auch unterschiedliche Reaktionen. Ein Künstler hat sich dagegen entschieden seine Arbeiten auszustellen, da der Kontext eine falsche Lesart hervorrufen könnte. Das Problem entsteht mit der Behauptung, dass dies ein repräsentativer Ausschnitt wäre. Im zweiten Teil der Ausstellung habe ich deshalb bewusst sechs Arbeiten von Künstlern hinzugefügt, die sich inhaltlich mit einer Kritik an solchen, ausschließlich auf ökonomischen Kriterien basierenden Bewertungssysteme oder Zugänge zur Kunst beschäftigen.

Und was glauben Sie dem Publikum "Neues" mit auf den Weg zu geben?

Das hängt vom jeweiligen Publikum ab. Es gibt sicherlich Menschen, die die Ausstellung als eine Anreihung von Einzelarbeiten betrachten, zwar merken, dass es nicht eine besonders gerichtete Zusammensetzung ist, aber sich nicht weiter damit beschäftigen. Dann gibt es wiederum welche, die sich nicht mit "Kunstbewertungssystemen" auskennen und auf welche Umdeutung diese im Kunstmarkt hinweisen. Hier könnte es von Interesse sein, diesen Menschen die Augen zu öffnen. Und dann ist da das Fachpublikum, das Dienste wie "Artfacts" und "Kunstkompass" zwar kennt, sich jedoch noch nicht näher damit auseinandergesetzt hat.

"Die perfekte Ausstellung"

Termin: bis 22. August, Heidelberger Kunstverein
http://www.hdkv.de/html_docs/programm_vorrueckschau.htm