Konrad und Dorothee Fischer - MACBA Barcelona

Blumen für Konrad

Das MACBA Barcelona widmet sich in einer Ausstellung dem Düsseldorfer Galeristen, Kurator, Sammler und Maler Konrad Fischer und seiner Frau Dorothee.

Ein kleines Stück Düsseldorf mitten in Barcelona, elf Meter lang, drei Meter breit. Wie eine große Installation liegt der weiße Quader im Eingangsbreich des MACBA. Vorne dran steht eine Adresse: Neubrückstraße 12. Ebendort in Düsseldorf begann der junge Maler Konrad Lueg 1967 unter seinem richtigen Namen Konrad Fischer eine zweite Karriere als Galerist.

Die Maße des MACBA-Quaders stimmen genau mit der Fläche jenes ersten Ausstellungsraums überein, der ursprünglich nicht einmal ein Raum war, sondern bloß eine Hofeinfahrt, von Fischer hergerichtet und mit Toren versehen.
Fischers winzige Galerie war Ende der sechziger Jahre ein internationales Sprungbrett für zahlreiche Künstler der Konzeptkunst und Minimal Art. Carl Andre, Sol LeWitt, Hanne Darboven, Richard Long oder Bruce Nauman wurden via Düsseldorf bekannt oder hatten hier ihre ersten Ausstellungen auf dem Kontinent. Friedrich Meschede, der deutsche Chefkurator des MACBA, hat das zum Anlass genommen, dem Galeristen, Kurator, Sammler und anfänglichen Maler Konrad Fischer (1939 bis 1996) selbst eine Ausstellung zu widmen. Sie wird fast komplett bestückt aus der Sammlung des Ehepaars Fischer und heißt voll ausgeschrieben "Mit der Möglichkeit gesehen zu werden. Dorothee und Konrad Fischer. Archiv einer Haltung". Nach fünf Monaten Laufzeit in Barcelona wird sie ab November im Museum Kurhaus Kleve zu sehen sein.

Der rekonstruierte Schauraum aus Düsseldorf ist ein wunderbarer Auftakt zur Ausstellung. In seinem Inneren ist eine spartanische Installation paralleler Linien aus Weidenstöcken zu sehen, die bereits 1968 auf dem Galeriebogen ausgelegt war. Sie bedeutete für den damals 23-jährigen Richard Long die erste Einzelausstellung überhaupt und trägt – in Dankbarkeit, muss man annehmen – den Titel "Skulptur für Konrad Fischer". Die Arbeit wurde seinerzeit erfolgreich verkauft; erst Jahre später konnten die Fischers das Werk ihrerseits zurückkaufen.

Tapetenmuster, Selbstinszenierungen und Bleiwürfel

Die MACBA-Schau besteht aus drei weitgehend unabhängigen Teilen. In einem sieht man Bilder von Fischer selbst, gemalt zwischen 1962 und 69, inspiriert durch die Pop Art, Textil- oder Tapetenmuster aufgreifend, meist von leuchtenden Farben bestimmt. Der bei weitem größte Teil der Ausstellung versammelt Werke des "Archivs Dorothee und Konrad Fischer". Fast ausschließlich sind dies Arbeiten jener Künstler, die in den – später wechselnden – Galerieräumen des Ehepaars zu sehen waren. Von Bruce Nauman zeigt das MACBA eine lange Reihe (eher technischer) Zeichnungen, aber auch eine Tonbandinstallation. Ein zauberhafter Mini-Überblick gilt den frühen Selbstinszenierungen von Gilbert & George als "lebende Skulpturen". Sol LeWitt, Donald Judd, Hanne Darboven oder Robert Ryman sind jeweils mit mehreren charakteristischen Werken vertreten, es gibt eine schöne kleine Arte-Povera-Ecke und aus etwas jüngerer Zeit starke Stücke von Thomas Schütte und Gregor Schneider. Unmittelbar nach Fischers Tod 1996 schuf Carl Andre für die Galerie seine bewegende zweiteilige Arbeit "Wolke & Kristall" aus 144 auseinanderstiebenden beziehungsweise zusammengeschobenen Bleiwürfeln; ein Jahr später legte Schütte unter dem Titel "Blumen für Konrad" eine Aquarellserie von welkenden Blüten vor. So verabschiedet sich der Besucher langsam vom Hauptteil der Schau.

Der Düsseldorfer Avantgarde-Galerist

Im separat untergebrachten Studienzentrum des MACBA findet sich schließlich ein dritter Ausstellungsteil, der dem Galeristen, Networker und gelegentlichen Kurator Konrad Fischer gewidmet ist. Hier sind keine "Werke" mehr zu sehen, dafür reihenweise Dokumente aus dem kleinen Abschnitt Kunstgeschichte, an dem Fischer mitgewirkt hat. In Vitrinen liegen historische Einladungspostkarten der Galerie, eine große, mit Katalogen und Plakaten gespickte Zeittafel-Mauer illustriert Eindringen und Ausbreitung von Konzeptkunst und Minimal Art in den westeuropäischen Kunstbetrieb unter besonderer Berücksichtigung von Fischers zentraler Verteilertätigkeit.

Parallel an die Wand geworfene Dias zeigen noch einmal Bild für Bild die beeindruckend konsequente Ausstellungschronologie des Düsseldorfer Avantgarde-Galeristen. In einem entscheidenen Aspekt allerdings treibt die Barceloneser Ausstellung ihr eigenes Minimal-Programm zu weit. Sie verzichtet fast ganz und gar auf Texttafeln, die über die üblichen dürren Werkinformationen hinausreichten. Das mag bei Künstlerretrospektiven angehen, wo bekanntlich oft das Werk für sich selbst sprechen soll. Im Falle einer "Schaltstelle" wie Konrad Fischer ist eine solche Sparsamkeit dagegen sehr unglücklich. Bei den Nauman-Zeichnungen fragt man sich, ob sie auf Projekte in der Galerie Bezug nehmen; bei Fotos von Edward Muybridge und Edward Steichen wüsste man gern Genaueres über ihre Außenseiterrolle in der Sammlung; bei frühen Beuys-Arbeiten und manchem Werk aus den jüngsten Jahren wundert man sich ebenfalls über ihre Geschichte innerhalb des Fischer-Archivs. Kein Täfelchen klärt auf, keines gibt eine Anekdote weiter oder stellt etwa konkrete Zusammenhänge her. Es fehlt sogar im MACBA selbst ein Hinweis darauf, dass im Bau nebenan ein dritter Teil der Schau zu sehen ist. Ein so wichtiger Kunstvermittler wie Konrad Fischer hätte ein besseres "Networking" entlang der Museumswände verdient.

"Mit der Möglichkeit gesehen zu werden. Dorothee und Konrad Fischer. Archiv einer Haltung"

Termin: bis 12. Oktober, Museu d’Art Contemporani de Barcelona, anschließend im Museum Kurhaus Kleve; Katalog: Richter Verlag, 49 Euro
http://www.macba.cat/controller.php?p_action=show_page&pagina_id=28&inst_id=28588

Mehr zum Thema im Internet