Rudolf Steiner - Wolfsburg

Steiner reloaded

Rudolf Steiner? Man denkt an Waldorfschulen, Eurythmie, esoterische Zirkel. ­ Dass der Begründer der Anthroposophie nicht nur Pädagoge war, sondern auch Einfluss auf die Kunst hatte, geriet in Vergessenheit. Nun zeigen ­Ausstellungen in Wolfsburg und Weil am Rhein Steiner als ak­tuellen Denker und Künstler.

Wer war Rudolf Steiner? Ein cha­rismatischer Geisterseher des Fin de Siecle voll verstiegener Ideen? Oder einer der einflussreichsten Reformer des 20. Jahrhunderts, der zur Blütezeit des naturwissenschaftlichen Positivismus der Materie ihre Rätsel entlocken, Geist und Körper wieder ins Zentrum rücken wollte?

War er ein rhetorisch begabter Prediger, der mehr als 5000 Vorträge gehalten hat, ein, wie Stefan Zweig ihn nannte, Verführer, dessen "asketisch-hageres, von geistiger Leidenschaft gezeichnetes Antlitz" dazu angetan war, "nicht nur auf Frauen überzeugend zu wirken"? Oder doch nur, wie Kurt Tucholsky ihn nannte, der "Jesus Christus des kleinen Mannes"? Wie dem auch sei, es bleibt bis heute eine Provokation, dass Steiner in meditativer Schau seine Erkenntnisse gewann, die er in zahllosen Büchern über Geist, Seele und Körper, Karma und Reinkarnation, über Ackerbau und Erziehung ausbreitete. Aber vielleicht war er ja gerade deshalb ein Vorausdenkender, dessen Ideen erst heute über den Kreis seiner Anhänger hinaus zu wirken beginnen?

Geboren wird Rudolf Steiner am 27. Februar 1861 in Kraljevec, das damals zum Kaisertum Österreich gehörte. Von 1879 bis 1883 studiert er in Wien Mathematik, Physik, Botanik, Zoologie, Chemie, daneben Literatur, Geschichte und Philosophie; er will Realschullehrer werden. Doch die Dinge entwickeln sich anders. Im Rückblick will es einem vorkommen, als hätte das Ziel von vorneherein festgestanden: die Errichtung der "Freien Hochschule für Geisteswissenschaft". Sie, so der legendäre Kurator Harald Szeemann, der Steiner in die Riege der Künstler mit "Hang zum Gesamtkunstwerk" aufgenommen hat, "ist die Summe eines Lebensweges: Herausgabe der naturwissenschaftlichen Schriften Goethes in Weimar, Ergriffenheit vor dem Schicksal Friedrich Nietzsches, aktive Teilnahme am Leben im Berlin der Jahrhundertwende bis zu seiner Berufung als Generalsekretär der Theosophischen Gesellschaft. Der Theosophie, der er die Berechtigung nicht abspricht ... , setzt er entgegen, die Spiritualität der abendländischen Zivilisation mit dem Mittelpunkt des Mysteriums von Golgatha." Als Steiner 1912/13 die Anthroposophische Gesellschaft gründet, wird Dornach nahe Basel deren Zentrum. Hier entsteht unter seiner Leitung das "Goetheanum", ein plastisch-organischer Doppelkuppelbau aus Holz, der in der Silvesternacht 1922/23 durch einen Brand zerstört wird.

"Anthroposophie ist also Wissen des Geistesmenschen"

Wenig später beginnen die Arbeiten an einem Neubau aus Beton nach seinem Entwurf. Drei Jahre vor dessen Vollendung, am 30. März 1925, stirbt Rudolf Steiner in Dornach. Steiners Lehre war immer umstritten. Viele seiner Äußerungen klingen heute verstiegen, einige haben sich sogar den Vorwurf des Rassismus zugezogen. Soll man sie nun esoterisch nennen, oder wollte Steiner die Moderne gleichsam mit ihren eigenen Waffen schlagen, indem er der Nüchternheit des neuen Glaubens an die Naturwissenschaft metaphysische Annahmen und Elemente aus alten Kulten beimengte? Tatsache ist: Die angebliche Wissenschaftlichkeit der Anthroposophie wird zu seinen Lebzeiten von den universitären Vertretern der Wissenschaft abgelehnt, die gnostischen Ansätze von Steiners Christologie werden von den Amtskirchen scharf verurteilt.

Was er unter Anthroposophie versteht, beschreibt er 1916 in einem Vortrag: "Während nun dasjenige, was der Mensch durch seine Sinne und durch den an die Sinnesbeobachtung sich haltenden Verstand über die Welt wissen kann, "Anthropologie" genannt werden kann, so soll dasjenige, was der innere Mensch, der Geistesmensch wissen kann, "Anthroposophie" genannt werden. Anthroposophie ist also Wissen des Geistesmenschen, und es erstreckt sich dieses Wissen nicht bloß über den Menschen, sondern es ist ein Wissen von allem, was in der geistigen Welt der Geistesmensch so wahrnehmen kann, wie der Sinnesmensch in der Welt das Sinnliche wahrnimmt." Es war Joseph Beuys, der Steiners Thesen ein halbes Jahrhundert nach dessen Tod aktualisiert und die Anthroposophie bekannt gemacht hat, vor allem unter Künstlern. Dabei hatten sich schon zu Lebzeiten Steiners Künstler wie Wassily Kandinsky und Piet Mondrian mit seiner universellen Ideenwelt beschäftigt und wertvolle Impulse daraus bezogen.
Mit Beginn des 21. Jahrhunderts erhält Steiners Verbindung von Rationalität und Mystik offenbar nicht nur durch das Interesse von Gegenwartskünstlern am "Kosmos Rudolf Steiner" abermals an Brisanz. Denn Steiner war eben nicht nur der Begründer der Anthroposophie und der Spiritus Rector von deren Dornacher Kolonie, der in seiner "Geisteswissenschaft" Philosophie, Naturwissenschaft, Kunst und Religion wieder zu vereinen suchte. Er war auch der Gründer der weltweit verbreiteten Waldorfschulen und trat für ein ganzheitliches Menschenbild ein, das heute unseren Alltag in vielfacher Weise wie selbstverständlich prägt, von einem gesteigerten Umweltbewusstsein über Medizin, Pharmazie und Biokosmetik bis hin zur biologisch-dynamischen Landwirtschaft. Sogar in den Debatten über das Internet, in dem mancher einen neuen "Weltgeist" zu erkennen glaubt, scheint Steiners Vorstellung von ­einer die Menschheit vereinenden "Gruppenseele" präsent.

"Die ein­malige Konstellation von Gegenwartskunst und ganzheitlicher Weltanschauung"

Was liegt da näher, als sich Steiner wieder vorzunehmen und ihn zu entstauben. Ein groß angelegtes Ausstellungsprojekt – das zunächst in Wolfsburg und danach in Stuttgart gezeigt wird – will deshalb "die ein­malige Konstellation von Gegenwartskunst und ganzheitlicher Weltanschauung" sinnlich erfahrbar machen. Zu diesem Zweck treten die Werke namhafter Gegenwartskünstler wie Tony Cragg, Olafur Eliasson, Helmut Federle, Katharina Grosse und Anish Kapoor – die, was wichtig ist, allesamt keine Anthroposophen sind –, in einen Dialog mit der Ideenwelt Steiners. Unterfüttert wird das Ganze durch die jeweils parallel stattfindende Ausstellung "Rudolf Steiner – Die Alchemie des Alltags", die das Vitra-Design-Museum als erste umfassende Steiner-Retrospektive außerhalb des anthro­posophischen Kontexts konzipiert hat. Es geht, wie es zugespitzt heißt, um nicht we­niger als darum, Steiner zu "entsteinern".

Aber ist die Kunst tatsächlich das geeignete Terrain, um Steiners Idee einer "Geisteswissenschaft" auf ihre Aktualität hin zu prüfen? Die Antwort ist verblüffend einfach. Die Kunst – das Denken in Formen und Farben – spielt bei Steiner eine zentrale Rolle. Denn, so seine These, deren Formen sind nicht allein sinnlich gegeben, sie haben auch Teil an der geistigen Sphäre. Er geht davon aus, dass der Natur, die selbst eine Künstlerin ist, mit einer wissenschaftlichen Betrachtungsweise sowenig beizukommen ist wie einem Kunstwerk mit einem gelehrten Kommentar. In beiden wird das Künstlerische beerdigt, sein wahres Potenzial vernichtet.

Auch die Architektur hängt damit zusammen, wie das Universum die Seele empfängt.

Deshalb lautet Steiners, von Goethe übernommene Devise: "Die Kunst ist eine Manifestation geheimer Natur­gesetze, die ohne sie niemals offenbar ­würden." "Man muss", sagt er, "aufhören, in Ideen zu erleben. Man muss anfangen, in Bildern selbst zu denken, um die Natur begreifen zu können, insbesondere das Höchste an der Natur, den physischen Menschen in seinen Formen. Keine Anatomie, keine Physiologie kann den physischen Menschen in seinen Formen begreifen. Das kann allein die von dem künstlerischen Empfinden beflügelte lebendige Erkenntnis."

So hängt auch die Architektur damit zusammen, wie das Universum die Seele empfängt. Die Baukunst entwickelt sich entlang der Berührungslinie zwischen aufnehmen­dem All und dem ihm entgegenstrebenden Menschen, wobei dessen "Kopfbildung", also seine geistige Gestalt, in der Form der Schädeldecke zum Ausdruck kommt, die ein Abdruck des Kosmos ist. Das wiederum hat Konsequenzen für den Plastiker, dessen vornehmste Aufgabe es ist, die menschliche Gestalt zu bilden. Diese steht oder bewegt sich nämlich nicht allein im euklidisch-­geometrischen Raum, sondern hat auch den kosmischen Raum gleich einer Hohlkugel um sich, aus der geistige Kräfte auf den Menschen einwirken. Deshalb ist für Steiner auch die menschlichen Formen nachgebildete Architektur des Goetheanums, die in den kosmischen Raum auszugreifen scheint, "zum Anschauen da, nicht zum Erklären". Die Formen und Bilder der Kunst sollen also auf den Betrachter wirken, dessen Emp­finden anleiten und erweitern, weil für ­Steiner das Geistige – eine Idee oder ein ­Ge­danke –, erst dann wirksam ist, wenn es nicht nur intellektuell, sondern auch von Empfindung und Wille erfasst wird.

Bei alledem geht es Steiner um ein Streben nach Erkenntnis

Nichts vermag das besser als die Kunst. Wo es darum geht, etwas "Übersinnliches" zu erlösen und dessen Energie freizusetzen, geschieht dies im Sinne Steiners aber nicht allein in der Darstellung der menschlichen Figur, sondern durch eine Spiritualisierung, wie sie Farbe und Licht bewirken. Goethes Einsicht in die "sinnlich-sittliche Wirkung der Farbe" ist für Steiners Ästhetik maßgebend, wobei Licht und Finsternis keine physikalische Eigenschaften, sondern geistige Prinzipien sind. Wie für Goethe, so existiert auch für Steiner die Materie nie ohne Geist, der Geist nie ohne Materie. Es kommt nicht darauf an, ob man symbolisch malt oder der Farbe diese oder jene Bedeutung beimisst, sondern darauf, gleichsam im Farbigen zu sein, um mit den Kräften des Kosmos in Kontakt treten zu können. Deshalb drückt sich für ihn das Bedürfnis der Moderne nach Geistigem auch in der Freilichtmalerei der Impressionisten aus.

Am deutlichsten aber scheinen sich seine Vorstellungen bei Wassily Kandinsky verwirklicht zu haben, dessen kurz vor dem Ersten Weltkrieg gemalte "Kompositionen" nicht ohne Anregungen von Seiten der Anthroposophie entstanden sind. Bei alledem geht es Steiner freilich nicht um einen Kunst­begriff, der vom Figurativen losgelöst ist, sondern um ein Streben nach Erkenntnis.

Es sind also vor allem die Künstler, die das Feld zwischen Kunst, Naturwissenschaft, Technik und den Sphären des Geistigen frei und unverkrampft vermessen. Und so können ihre offenen, kreativen Strategien durchaus helfen, Steiner in unsere Zeit zu übersetzen, ganz abgesehen davon, ob man in ihm einen frühen Konzeptkünstler erkennt oder einen Urheber langsam wir­kender sozialer Prozesse, ob man in den Ateliers heutiger Großkünstler eine Synthese aus Wunderkammer und Forschungs­labor sieht, wo sich das Staunen mit einer Art wissenschaftlichem Blick mischt oder ob man in seiner Idee der "schöpferischen -Umstülpung" ein Gegenmodell zur Subjekt-Objekt-Beziehung ausmacht. Rudolf Steiners ganzheitlicher Ansatz ist in einer Zeit, die mehr denn je nach neuen Orientierungspunkten sucht, jedoch so aktuell wie nie zuvor.

"Rudolf Steiner und die Kunst der Gegenwart" und "Rudolf Steiner - Die Alchemie des Alltags"

Termin: bis 3. Oktober Kunstmuseum Wolfsburg; 5. Februar bis 22. Mai 2011, "Kosmos Rudolf Steiner", Kunstmuseum Stuttgart; November 2011 bis April 2012 ­"Rudolf Steiner - Die Alchemie des Alltags", Vitra-Design-Museum, Weil am Rhein. Kataloge: "Rudolf Steiner – Die Alchemie des Alltags", 79,90 Euro, "Rudolf Steiner und die Kunst der Gegenwart", DuMont Buchverlag, 39,95 Euro
http://www.kunstmuseum-wolfsburg.de/exhibition/113/Rudolf_Steiner_und_die_Kunst_der_Gegenwart