Louise Bourgeois - Nachruf

Die unwürdige Greisin der Kunst

Louise Bourgeois stirbt im Alter von 98 Jahren in ihrer Wahlheimat New York. Die Künstlerin wird als eine der wichtigsten und populärsten Plastikerinnen des 20. Jahrhunderts in Erinnerung bleiben. Ein Nachruf.

Die Person Louise Bourgeois wird man in Erinnerung halten als verschmitzt lächelnde, unwürdige Greisin auf Robert Mapplethorpes berühmtem Porträtfoto. Da trägt sie einen gigantischen Phallus aus Latex unter ihrem Arm, "Fillette" nannte sie diese Skulptur, "kleines Mädchen", als würde vor dem Penis des Mannes jede Frau zum Mädchen schrumpfen.

Oder jeder Penis sich unter den Fittichen einer Frau zum Kleinkind mutieren. Die Idee zum Foto stammte von ihr, nach ihrer Rehabilitierung mit einer ersten New Yorker Retrospektive als schon über 70-Jährige wusste sie sich ins rechte Licht zu setzen. Sie stellte sich als eine Frau dar, die die Fesseln einer bürgerlichen weiblichen Existenz, dass heißt Ehemann, Kinder, Haushalt und alles, was sonst noch zum Familienglück gehört, erfolgreich überlebt hat. Darin war Louise Bourgeois schon damals ihrer Zeit weit voraus: Indem sie den militanten Feminismus von sich selbst befreit.

Ähnlich wie bei Frida Kahlo sind auch bei Louise Bourgeois, die am 31. Mai in ihrer Wahlheimat New York an den Folgen eines Herzinfarktes starb, Leben und Kunst fest miteinander verzahnt. Das lädt zu manchem Missverständnis ein. Auch Stempel haben bekanntlich etwas Phallisches, und als was wird die 1911 in Paris geborene Französin, in den zahlreichen Nachrufen nicht alles abgestempelt: als Surrealistin, radikale Feministin, langjähriges Opfer einer machistischen Gesellschaft oder schließlich Jahrhundertkünstlerin. Dabei war die 1938 mit ihrem Mann, dem amerikanischen Kunsthistoriker Robert Goldwater, nach New York gezogene Künstlerin weder im Geiste noch in der Kunstwelt Surrealistin, dafür war der von Papst André Breton angeführte Surrealismus zu akademisch und zu frauenfeindlich. Außerdem hatte Bourgeois bei Fernand Léger und André Lhote studiert, die beide den Surrealismus schon in seiner Blütezeit auf Distanz zu halten wussten.

Jeder neue Trend lief an ihr vorbei

Sie war nicht Surrealistin, sie war Anachronistin und auch darin ihrer Zeit weit voraus. 1945 bis 55 kämpfte sie mit ihrer Serie der "Femme Maison", Frauenleibern mit zwangsverpflanztem Haus auf dem Kopf, gegen das Opferleben eines Alltags als Frau und Mutter. Ab 1949 mit ihren an Totempfähle erinnernden "Personnages" innerhalb der New Yorker Kunstszene durchaus anerkannt, blieb sie in ihrer immer gegenständlichen, mit individueller Ikonographie das kollektive Unbewusste durchwühlenden Kunst trotzdem über 30 Jahre lang ein Opfer der Grabenkämpfe New Yorker Avantgarden. Abstrakter Expressionismus, Pop Art, Konzeptkunst, Performance, Multimedia – jeder neue Trend lief an ihr vorbei. Wiederentdeckt wurde sie erst, als die Postmoderne anlief, dabei waren ihre Skulpturen nie zitathaft oder rückwärtsgerichtet. Sie mochten die immer gleichen Themen und Motive wiederholen, aber sie standen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts nur für sich, außerhalb jeder Kunst-Zeit und über allen Richtungskämpfen. Ihre künstlerische Weiterentwicklung verdankten sie nicht Epochen und Moden, sondern dem jeweiligen Lebensabschnitt.

Louise Bourgeois liebte Rituale, vor allem Auflehnung und Opfergang. Sie hatte weder Angst vor großen Gefühlen noch vor dem Monumentalen, selbst in ihren Kleinformaten und Zeichnungen verwandelte sie komplexe Welten in schlichte Bilder. In den sechziger Jahren lud sich ihre Kunst sexuell auf, in den Siebzigern entlud sie sich, 20 Jahre nach dem Tod des Vaters, in der "Destruction du Père" und späteren begehbaren Rauminstallationen, die zutiefst persönlich und doch allgemeinverständlich existentielle Ängste in eine dramatische, an Bühnenbilder erinnernde Form brachten. Die Motive für diese Ängste – Zellen, Gefängnisse, Spinnenmonster – mögen aus einem sehr persönlichen Motivfundus stammen, sie sind immer nachvollziehbar und allgemeingültig, jedem Betrachter – und nicht nur dem weiblichen Geschlecht – in ihren Grundängsten vertraut. Was Louise Bourgeois zur wichtigsten, aber auch zur populärsten Plastikerin des 20. Jahrhunderts macht, zu einer Künstlerin, die selbst als fast 90-Jährige mit ihren "Couples", Stoffpuppen von Mann, Frau, Kind, noch einmal zu großer Form auflief und oft an Fäden hängende Skulpturen schuf, die in ihrer Abgeklärtheit und Lebenserfahrung direkt aus Kindheitserinnerungen einer unwürdigen Greisin zu stammen scheinen.

"Hans Bellmer und Louise Bourgeois - Double Sexus" / "Louis Bourgeois - The Fabric Works"

Termin: bis 15. August, Sammlung Scharf-Gerstenberg, Berlin. Und: Vom 5. Juni bis 19. September, Fondazione Vedova, Venedig
http://www.doublesexus.org/

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