Thomas Struth - Kunsthaus Zürich

Blick mit humanistischer Neugier

In seiner bisher größten Retrospektive gibt der Becher-Schüler mit über 100 Werken einen umfassenden Überblick über sein fotokünstlerisches Werk von 1978 bis 2010.

Thomas Struth ist der Klassizist unter den berühmten Schülern von Bernd Becher. Der 1954 in Geldern am Niederrhein geborene Künstler hat von seinem Lehrer zwar die nüchterne Perfektion in der Beherrschung des fotografischen Handwerks übernommen, er hat aber kein Interesse an der seriellen Registrierung der gebauten Welt.

Ebenso wenig reizt ihn die Auslotung der technischen Grenzen der fotografischen Genres, die einen Thomas Ruff umtreibt, oder der distanzierte Blick auf die Masse bei Andreas Gursky. Struth greift immer dann zur Kamera, wenn Situationen sich psychologisch ver­dichten und von der sozialen Welt erzählen. Wie grundlegend diese humanistische Neu­gier das vielgliedrige Werk bestimmt, führt erstmals die Retrospektive vor, die Tobias Bezzola mit Thomas Struth fürs Kunsthaus Zürich komponiert hat. Stets geht es um die Frage nach der eigenen Geschichte: Woher kommen wir? Wie sind wir geworden, was wir sind? Das bedrückte Leben mit der stum­men Vätergeneration und ihren nie kom­men­tierten Bildern aus dem Zweiten Weltkrieg treiben ebenso an, Geschichten zu erzählen, wie der Terrorismus der siebziger Jahre.

Kulturgeschichten präsentiert Struth auf den berühmten Museumsbildern, die Zeitgenossen beim Betrachten von Kunstwerken zeigen. Zu persönlichen Erzählungen sind die Familienporträts verdichtet, die im engen Kontakt mit den Dargestellten entstehen und das Genre aus dem privaten Knipseralbum hervorholen und neu beleben. Die ge­baute Umwelt wird mit den Straßenbildern der siebziger Jahre protokolliert, die in der Umgebung der Düsseldorfer Akademie einsetzen und emotionslos festhalten, in welcher Weise unsere Städte wieder aufgebaut wurden. Sie porträtieren fast biografisch die Atmosphäre, in der Struths Generation aufgewachsen ist und gelernt hat, die Welt zu sehen.
Dazwischen setzt die Zürcher Ausstellung die Dschungelbilder als Gegenwelt zum kulturellen Ehrgeiz unserer Zeit, dem die neuesten Technikbilder aus dem Max-Planck-Institut und Cape Canaveral gewidmet sind. In beiden Werkgruppen verliert sich der Blick im Gewirr der Apparaturen und vermittelt Metaphern für die Unüberschaubarkeit des Seins. Es ist diese Tiefe der Komposition und der Haltung, die Thomas Struth auch als Maler zu erkennen gibt, der zunächst bei Gerhard Richter studiert hat. Das kulturelle Gedächtnis der Malerei ist auf seinen Fotografien lebendig. Ein Klassizist der besten Sorte.

"Thomas Struth"

Termin: 11. Juni bis 12. September, Kunsthaus Zürich. Der Katalog erscheint im Schirmer/Mosel Verlag und kostet 58 Euro
http://www.kunsthaus.ch/

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