Triennale Kleinplastik - Alte Kelter Fellbach

Dixi-Klo aus Keramik und genähte Holzautos

"Larger than life – stranger than fiction" – die Triennale der Kleinplastik kommt entspannt, spielerisch und abgründig daher.
Dixi-Klo aus Keramik und genähte Holzautos:Gehaltvolle Kleinplastik in Fellbach

Friedrich Kunath: "Pancho", 2008

Wie alt ist das Universum? Grob geschätzt sollen es 13,5 Milliarden Jahre sein. Und die Menschheit, wie alt ist sie? Werner Reiterer hat nachgerechnet, gemessen und sich mit gelbem Kabel beholfen: 270 Meter entsprechen bei ihm 13,5 Milliarden Jahren.

Die Menschheit stellt dabei eine verschwindend geringe Größe dar: Ein einziger Millimeter für ihre Geschichte, mehr Platz bekommt sie nicht auf der Kabeltrommel mit dem Titel "The Universal Measuring Tape". Größe und Kleinheit sind eben relativ, im konkreten als auch im übertragenen Sinne. Der große, ausgewachsene Mann, der in Chicago im Park auf einer Picknickdecke liegt, wird jedenfalls in dem Film "Powers of Ten" von Ray und Charles Eames plötzlich winzig und klein. Denn die Kamera entfernt sich von ihm so weit, bis die Erde schließlich selbst als handliche Kugel erscheint. Alles eine Frage der Perspektive.

Um kleine Formate und Miniaturwelten geht es bei der Triennale in Fellbach. Ulrike Groos, die neue Direktorin des Kunstmuseums Stuttgart, hat sie ausgerichtet und sich dem Thema unbefangener als ihre Vorgänger genähert. Manchen Kurator hat schon die Sorge umgetrieben, dass Kleinplastik als Synonym für Nichtigkeit verstanden werden könnte, in jüngerer Zeit wurde sogar diskutiert, den Begriff "Kleinplastik" gänzlich unter den Tisch fallen lassen. Aber klein ist nicht leichtgewichtig, das beweist schon Hans-Peter Feldmann, der Briefmarken gestapelt hat zu putzigen Türmchen, die durchaus gehaltvoll sind: Darin stecken nicht nur postalische Werte, sondern verbirgt sich auch deutsche Kulturgeschichte.

Ulrike Groos sieht gerade in der kleinen Form die Chance, Gedanken zu verdichten und auch der heutigen Gigantomanie etwas entgegen zu setzen. Gigantisch ist allerdings der Ausstellungsort selbst: Die Alte Kelter in Fellbach ist ein Fachwerkbau, der von einer riesigen, offenen Dachkonstruktion überspannt wird, so dass sogar noch Platz war, ein Baugerüst mit einer zweiten Etage einzuziehen. Die betritt man allerdings so ungern wie einen alten Dachboden. Denn: Hier oben haust ekliges Getier. Da hängen Spinnen, baumeln Käfer, modert Ungetier. Es ist eine Installation von Tessa Farmer, die in Straßengräben, Wäldern und Gebüschen Tierchen sammelt, die sie im Atelier zu grausigen Stilleben arrangiert – als memento mori.

Luftig und entspannt wurden die Arbeiten der fast 60 Künstler verteilt und zu losen thematischen Bündeln geschnürt, sei es zum Blick auf die Welt an sich, modellhaften Landschaften oder dem Thema Raum und Haus. Es ist eine Mischung aus abgesicherten, internationalen und jungen Positionen, und Groos wartet mit einigen überraschenden und spannenden Arbeiten auf, die man so noch nicht gesehen hat.

Nicht klein und nichtig

Armin Hartenstein nutzt Holzstückchen, Pappe und Fundstücke, um auf wenigen Zentimetern Visionen von Vulkankratern und Gebirgsformationen zu schaffen. Michael Ashkin deutet auf einer großen Holzplatte mit Dreck und Zement ein ausgetrocknetes Wadi an. Ein handwerkliches Meisterstück ist "The Descent" von Rachel Kneebone, die die Höllenfahrt als Porzellanskulptur mit einem Durchmesser von dreieinhalb Metern aufbereitet hat. Zahllose detailreich gestaltete Kreaturen stürzen in einen tiefen Schlund.

Der Umgang mit dem Material ist oft kühn und gewitzt. Da näht Peter Sauerer Holzstücke zu kleinen Autos zusammen – zum Beispiel zum Wagen, mit dem Lady Di verunglückte. Ina Weber hat wiederum winzige Dixi-Klos aus Keramik gebrannt. Filme und Installationen stehen selbstverständlich neben klassischen Skulpturen und Dioramen, und trotz der Fülle an Techniken und Formaten, an Stilen und Konzepten kommt diese Triennale entspannt daher.

Wobei mit einem Vorurteil aufgeräumt wird: So wenig klein mit nichtig gleichzusetzen ist, so wenig meint spielerisch oberflächlich. Gerade hinter dem Niedlichen verbergen sich häufig Urängste und Alpträume. Klara Kristalova hat aus Porzellan eine böse Märchenwelt geschaffen. Schwarzes Gift fließt da aus Mündern, Falter sitzen im Gesicht, Rückgrate sind gebrochen und Köpfe abgeschlagen – ein stummes, grausiges Szenario, das allerdings in der Präsentation auf einem Tisch nicht recht überzeugt.

Die niedlichen Figürchen von Liliana Porter stemmen sich wacker gegen die Wucht der Existenz: Da strickt eine Omi einen endlosen Schal und wird fast begraben unter ihrem Machwerk. In die Welt geworfen, der Welt ausgeliefert – die Kleinplastik ist ideal, um dieses Lebensgefühl zu verbildlichen. Mit besonders galligem Humor wartet Via Lewandowsky auf: Auf einer schwarzen Fläche laufen zwei Figürchen, Mann und Kind, durch eine Allee in Richtung finsterer Wald. Ein Text verrät mehr über die beiden: "Ich fürchte mich so", sagt das Kind. Daraufhin der Mann: "Du hast gut reden. Ich muss allein zurück".

"Larger than life - stranger than fiction": 11.Triennale Kleinplastik Fellbach

Termin: bis 11. Oktober, Alte Kelter Fellbach
http://www.triennale.de/

Mehr zum Thema auf art-magazin.de