Ghirlandaio und die Renaissance - Madrid

Geometrie im Untergrund

Porträt einer Epoche und neueste Erkenntnisse zu Ghirlandaios berühmtem Bildnis der früh gestorbenen Giovanna Tornabuoni.
Geometrie im Untergrund:Ghirlandaio im Museo Thyssen-Bornemisza

Domenico Ghirlandaio: "Retrato de Giovanna degli Albizzi Tornabuoni", 1489/1490, 77 x 49 cm

Die junge Frau zeigt uns ihr Profil wie im Schattenriss, still schaut sie nach links aus dem Bild hinaus. Als Domenico Ghirlandaio (1449 bis 1494) das Porträt der Giovanna degli Albizzi Tornabuoni malte, war in Florenz eigentlich längst die lebhaftere Darstellung im Dreiviertelprofil üblich. Die strenge Seitenansicht wirkte altmodisch, aber eben darum passte sie hier: Auch die dargestellte Dame nämlich gehörte 1489 bereits der Vergangenheit an. Im Vorjahr war die 20-Jährige während ihrer zweiten Schwangerschaft gestorben.

Das vorzüglich erhaltene Gedächtnisbild hängt heute im Madrider Thyssen-Bornemisza-Museum. Dort zieht nun eine Ausstellung Verbindungen zu rund 60 Gemälden, Skulpturen, Buchillustrationen und Dokumenten und vermittelt so Einsichten in Leben und Kunstverständnis der Florentiner Patrizier im späten 15. Jahrhundert. Auch die porträtierte Giovanna war nicht irgendjemand: Selbst aus gutem Haus stammend, hatte sie 1486 Lorenzo Tornabuoni geheiratet, dessen Vater als Leiter der römischen Filiale der Medici-Bank reich geworden war.

Dem Genre des Frauenporträts in der Frührenaissance widmet die Schau ebenso eine Abteilung wie der drei Tage währenden Prunkhochzeit und der kostbaren Ausstattung des jungen Paars. Dort werden auch erstmals seit Jahrhunderten vier Werke aus Lorenzos Privatzimmer wieder zusammengeführt, unter ihnen Ghirlandaios
"Anbetung der Könige" (1487) aus den Florentiner Uffizien. Ein weiterer Ausstellungsteil befasst sich, ausgehend von dem Stundenbuch, das im Hintergrund des Giovanna-Porträts zu sehen ist, mit Kunstwerken für die häusliche Andacht, von Ghirlandaio, Fra Filippo und Filippino Lippi, Cosimo Rosselli und Antonio Rossellino.

Was Natur- und Kunstwissenschaftler jüngst über Ghirlandaios Bildnis der Giovan­na herausgefunden haben, zeigt der letzte Raum. Röntgenaufnahmen machen die differenzierte Maltechnik sichtbar, Infrarot­reflektografien die Unterzeichnung. Mit mathematischer Strenge, das erweisen die Hilfslinien, hat der Meister das Porträt durchkomponiert. Dass Ghirlandaio bei diesem Werk sein Bestes gab, verstand sich von selbst: Immerhin malte er für den Schwiegervater der Toten gleichzeitig auch die Hauptchorkapelle der florentischen Kirche Santa Maria Novella aus.

"Ghirlandaio und die Renaissance in Florenz"

Termin: 23. Juni bis 10. Oktober, Museo Thyssen-Bornemisza, Madrid
Renaissance in Florenz" target="_blank">http://www.museothyssen.org/en/thyssen/home