John Bock: "FischGrätenMelkStand" - Temporäre Kunsthalle Berlin

Wir haben doch keinen König mehr, oder?

Am 2. Juli eröffnet "FischGrätenMelkStand" – die letzte Ausstellung in der Temporären Kunsthalle Berlin: John Bock plant mit Künstlern, Architekten und Komponisten ein Chaos-Gesamtkunstwerk. art sprach mit Bock über Harald Szeemann, die Verschleimung von Künstlern und das Stadtschloss.

Herr Bock, die von Ihnen kuratierte Gruppenausstellung "FischGrätenMelkStand" zeigt Werke von über 60 Künstlern – das ist mehr Kunst als auf der parallel laufenden Berlin-Biennale.

John Bock: Tatsache? Das wusste ich nicht. Also, mein Ansatz für "FischGrätenMelkStand" war, unterschiedliche Bereiche von kreativem Handeln auf einem sehr engen Raum zu einem Gesamtkomplex zusammenzufügen.

Das heißt?

In der Temporären Kunsthalle wird Mode zu sehen sein, wie etwa die Kleidungsstücke von Anuschka Hoevener, es gibt eine Abteilung für Film, Musik, Theater, dafür steht Christoph Schlingensief, es wird sehr viel Architektur abgehandelt.

Und die Kunst?

Das alles wird gemischt mit Künstlern, die auch Kunstwerke herstellen. Es geht darum, alle Teile der Ausstellung auf engem Raum miteinander zu konfrontieren. Da gibt es etwa eine afrikanische Skulptur, die Aktionsrelikten in Kartons von Paul McCarthy gegenübergestellt werden. Aus der Deutschen Kinemathek habe ich einen sehr schönen Wanderprojektor geliehen. Ein weiteres meiner Lieblingsexponate von dort ist die Originalzigarettenkippe mit Lippenstift von Jane Russell. Das ist wirklich ein Original, die ist schon sehr verfallen, da muss noch etwas restauriert werden.

Also hat die Ausstellung auch einen religösen Einschlag?

Wie kommen Sie denn darauf? Jane Russell – das war früher neben der Monroe die Sexbombe in Hollywood! Eigentlich ihre dunkelhaarige Gegenspielerin. Die haben zusammen in "Blondinen bevorzugt" gespielt.

Zigarettenkippe – das klingt nach Reliquie.

Ja, ich arbeite gern mit Reliquien, die mit Handlungen aufgeladen sind. In der Ausstellung gibt es auch einen Ring, den Béla Lugosi getragen hat. Jane Russell und Béla Lugosi – die müssten eigentlich auch auf die Künstlerliste!

Also war die große Zahl von Teilnehmern keine bewusste Setzung?

Nein, die hat sich so ergeben. Zuerst war da eine Raumstruktur – ein Gebäude mit drei Etagen plus Erdgeschoß, elf Meter hoch, 20 Meter breit und sieben Meter tief. In diese Architektur sind wie in einem Bausatz-System Räume hineingesteckt, die aus unterschiedlichen Materialitäten sind, wie zum Beispiel Pizza, Socken, Autoreifen, aber auch Blech, viel Holz. Sogar die alten Werbebanner der Kunsthalle werden wieder verwendet – die zerschneide ich und flechte sie wieder zu einem Raum zusammen.

Welche Künstler haben Sie aus welchen Gründen eingeladen?

Das Grundkonzept war, dass die Künstler überwiegend aus Berlin kommen. Natürlich sind auch ein paar Flatterkünstler dabei.

Flatterkünstler?

Das sind Künstler, die in anderen Bereichen arbeiten oder keinen direkten Berlin-Bezug haben. Etwa der 1929 gestorbene Münchner Medienforscher Albert von Schrenck-Notzing – von ihm zeige ich zwei, drei Bücher aus den zwanziger Jahren. Ich zeige auch Partituren der Komponisten Bernd Alois Zimmermann und Helmut Lachenmann. Aber mein absoluter Star unter den Flatterkünstlern ist Armand Schulthess, dem auf der obersten Ausstellungsebene eine kleine Hütte gewidmet ist.

Warum?

Schulthess hat bis zu seinem Tod 1972 in der Nähe des berühmten Schweizer Monte Verità gelebt und hat Kontakt zu seiner Umwelt aufgenommen, indem er in die Bäume Blechdosen, Diagramme, verbunden mit Band und Kabel gehängt hat. Da hat er dann auch draufgeschrieben, dass die Leute ihn besuchen sollten: er hätte die neueste Wagner-Platte oder er hätte das neueste wissenschaftliche Buch der Ökologie oder der Medizin. Er war ein großer Sammler, er war so eine Art Messie. Da zeige ich ein paar Originale, die mir die Tessiner Künstlerin und Schulthess-Forscherin Ingeborg Lüscher zur Verfügung gestellt hat.

Ist die Aufnahme von Schulthess als eine Hommage an den Großkuratur Harald Szeemann zu verstehen?

Ja, Ingeborg Lüscher ist die Frau von Szeemann gewesen. Sie ist die eigentliche Schulthess-Entdeckerin. Szeemann hat Schulthess auch auf die fünfte Documenta 1972 eingeladen, dort wurden die Sachen gezeigt und danach vielleicht nur noch ein- oder zweimal.

Der Titel "FischGrätenMelkStand" hört sich an wie ein Kunstwort, ist aber keins?

Das ist eigentlich das Ordnungssystem der Kühe, wenn man von oben in eine Melkeinheit reinschaut: Da sind die Kühe grätenförmig im 30-Grad-Winkel angeordnet.

Ist der Kurator derjenige, der die Melkzeuge bedient?

Ja, das ist vielleicht ganz gut so beschrieben. Ich bediene die Melkzeuge, ich gebe eine Grundstruktur in Form der verschiedenen Räume vor. Das heißt auch, dass ich mehr als andere Kuratoren Einfluss auf die Werke nehme. Durch die Enge entsteht eine Art "volle Fregatte", wo es weniger isoliert zugeht. Ich bin gegen dieses Abgrenzungsbedürfnis, gegen die Sehnsucht nach der weißen Wand. Im Grunde handelt es sich doch sowieso um eine einzige große Bohnensuppe, in der man drin rumrührt: Es ist doch ganz schön, wenn ein Franz West mit einem Mathew Hale verschleimt wird.

Was ist noch anders bei "FischGrätenMelkStand"?

Ich habe zum Beispiel einen ganz schlechten Blick für Bilder – das merkt man auch. Ich glaube, in der Ausstellung gibt es nicht einen einzigen Maler – ah doch, einen. Ich mag Malerei, aber ich kann nicht danach suchen. Die Malerei und ich – das ist wie bei einem, der gerne ein großes Buch schreiben möchte und es doch nur bis zur Kurzgeschichte schafft.

Warum setzen Sie auf so eine aufwendige Ausstellungs-Architektur?

Es geht darum, die Kunst auf engem Raum in die Höhe hineinzuballen. Um es noch einmal zu komprimieren, um es noch einmal zu pressen. Die Ausstellung ist ja auch wie ein Sandwich aufgebaut – der ursprüngliche Arbeitstitel lautete "Volles Brot": die Lagen die da übereinander sind.

"FischGrätenMelkStand" ist die letzte Ausstellung in der Temporären Kunsthalle, die wie geplant Ende August geschlossen wird. Welche Erwartungen hatten Sie an das Unternehmen?

Dass die Kunsthalle jetzt nach zwei Jahren abgerissen wird, ist schade. Es ist eine traurige Angelegenheit, dass eine Stadt, die mit der Kunst nach außen hin wirbt, im Grunde gar nichts für die zeitgenössische Kunst tut. Da läuft ein Paradox ab. Die Legende, dass die Kunst in Berlin pulsiert, ist eigentlich richtig. Aber das passiert eher zwischen den Menschen und weniger an einem Ort gebündelt. Die Kunsthalle wollte das leisten und hat das durch ihre Gruppenausstellungen im zweiten Jahr auch geschafft. Das war sehr bahnbrechend, aber leider ein bisschen kurz. Das mäzenatische Engagement von Dieter Rosenkranz ist etwas ganz Seltenes: So etwas findet man ja eigentlich nur bei den Amerikanern, die ihr Geld wieder in die Kultur zurückgeben. Berlin sieht – von außen betrachtet – ganz toll aus. Aber im Grunde beruht das Image der Kunststadt auf der Initiative von einigen wenigen Menschen. Das finde ich bemerkenswert.

Nach der krisenbedingten Schlossverzögerung scheint ja wieder ziemlich viel möglich auf dem Berliner Schlossplatz – was könnten Sie sich hier für die Zukunft vorstellen?

Ad hoc kann ich das nicht beantworten. Aber ich würde wirklich einen Ort schaffen, an dem sich Kultur bündeln kann. Ich würde da nicht unbedingt ein dickes Museum hinsetzen, sondern es sollte wirklich ein leichter Bau sein: keinen Ort der Kunstgeschichte, sondern einen Ort der Bewegung, wo Musik stattfinden kann, wo Filme und junge Kunst gezeigt werden können. Da kommt es immer auf den Bau an. So etwas muss nicht groß sein, das kann auch als Zeichen wirken. An so einen Riesenklotz von Schloss würde ich mich gar nicht ranwagen – architektonisch ist das sowieso veraltet. Warum wollen Leute so viel Geld für ein Schloss geben? Wir haben doch gar keinen König mehr, oder?

"FischGrätenMelkStand"

Termin: 2. Juli bis 31. August, Temporäre Kunsthalle Berlin,
Konzert: "And Also The Trees" am 9. Juli, 21 Uhr
http://www.kunsthalle-berlin.com/de/exhibitions/John-Bock

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