Thomas Schütte - Bundeskunsthalle Bonn

Bauherr mit Renditekiste

Mit überlebensgroßen Figuren wie "Mann im Matsch", "Große Geister" oder "Vater Staat" wurde der Düsseldorfer Bildhauer Thomas Schütte weltberühmt. In der Bundeskunsthalle Bonn stehen seine "Big Buildings" im Zentrum: architektonische Modelle, die mit feiner Ironie politische und kunsthistorische Themen in Szene setzen.

Ernst und würdevoll blickt Vater Staat auf seine Kinder. Über sechs Jahrzehnte hat er gut für sie gesorgt, doch jetzt steht er unter seinem Morgenmantel ohne Arme da und wirkt trotz seiner Höhe von vier Metern erschreckend hilflos. Hat er seine Ohnmacht überhaupt schon bemerkt oder versucht er immer noch, seine amputierte Gliedmaßen zu bewegen?

So sieht Thomas Schütte die Bundesrepublik nach der Finanzkrise. Sein "Vater Staat" ist eine aus Gips, Ton und Styropor gebaute Allegorie, die sich in guter Nachbarschaft zu einem kniehoch eingesunkenen Wünschelrutengänger befindet. Seitdem Schütte diesen "Mann im Matsch" vor eine deutsche Sparkassen-Zentrale stellte, ahnt man, was er von der Rationalität der globalen Finanzwelt hält.

Mit seinen überlebensgroßen Figuren ist der Düsseldorfer Bildhauer Thomas Schütte weltberühmt geworden. Er gewann 2005 den Goldenen Löwen der Kunstbiennale von Venedig, und in den letzten zwölf Monaten haben ihm mit dem Münchner Haus der Kunst und dem Museo Nacional Centro de Arte Reina Sofía in Madrid gleich zwei bedeutende Museen Retrospektiven gewidmet. In der Bonner Bundeskunsthalle stehen die großen Figuren etwas am Rande und Schüttes architektonische Modelle im Zentrum. Unter dem Titel "Big Buildings – Modelle und Ansichten" sind Werke aus den letzten 30 Jahren zu sehen. Dabei zeigt sich, dass Schütte mitunter über Jahrzehnte an einem Motiv arbeitet – der erste "Mann im Matsch" datiert von 1982 – und dass Größe bei ihm immer eine Rolle spielt. Die Bonner Schau erinnert eindrucksvoll daran, dass Schütte auf der Düsseldorfer Kunstakademie neben Reinhard Mucha oder Ludger Gerdes zur Gruppe der Modellbauer gehörte. Am Anfang baut er Häuser wie aus Gemälden von Giorgio de Chirico, entwirft Bunker für den Nato-Doppelbeschluss und ein Grabmal, dessen Rückseite sinnigerweise als Wartehäuschen dient. Diese Mischung aus Bastelleidenschaft, politischem Bewusstsein und kunsthistorischem Mutterwitz zeichnet seine Modelle bis heute aus.

So verführerisch wie eine Utopie

Ganz wunderbar sind seine Mehrfamilien-Vogelhäuschen, die gleichzeitig die Ideale der klassischen Architektur wie des sozialen Wohnungsbaus ironisieren, oder seine aus weitgehend uniformen Einzelteilen bestehende Holzarbeit "Collector’s Complex", die zur Selbstmontage und leider ohne Bauplan angeliefert wird. Eine geradezu Kippenbergersche Kalauerseligkeit zeichnet die modernistische "Renditekiste" und die Mies van der Rohes Nationalgalerie karikierende "Tanke Deutschland" aus. Die großen Bauhaus-Ideale leben in Schüttes Modellen weiter, wenn auch meistens als Travestie. Besonders deutlich wird dies in seinem in Bonn im Maßstab 1:1 errichteten "Ferienhaus für Terroristen".

Nirgendwo hat sich die Maxime "Form follows Function" energischer durchgesetzt als im modernen Gefängnisbau. Entsprechend gallig sieht es aus, wenn Schütte weniger mehr sein lässt; dabei dürfte es zum Kalkül gehören, dass seine Kreuzung aus Philip Johnsons berühmten "Glass House" und den Zweckbauten von Guantánamo auf perfide Weise elegant erscheint. Natürlich muss sich Schütte nie der Frage stellen, ob man in seinen kühnen Entwürfen wohnen kann. Aber es bringt ihn auch nicht in Verlegenheit, wenn eines seiner Modelle tatsächlich realisiert werden soll. Einem Sammler hat Schütte in Frankreich ein funktionstüchtiges "One Man House" hingestellt, und angeblich wäre ihm auch nicht vor einem Investor für sein "Model for a Hotel" bange. Es wurde zuerst auf dem Londoner Trafalgar Square installiert und ähnelt einem Regalsystem aus farbigen Glasscheiben. Aus der Ferne leuchtet das Ensemble so verführerisch wie eine Utopie. Bei Schütte gehört es dazu, dass man ihr zu nahe tritt.

"Thomas Schütte: Big Buildings – Modelle und Ansichten"

Termin: bis 1. November 2010, Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland, Bonn. Der Katalog ist im Snoeck-Verlag erschienen. Die Museumsausgabe kostet 39 Euro, die Buchhandelsausgabe 68 Euro
http://www.bundeskunsthalle.de

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