Michael Riedel - Kunstverein Hamburg

Riedel²

Der Kunstverein Hamburg zeigt noch bis zum 8. August neue Arbeiten des Frankfurter Konzeptkünstlers Michael Riedel. Schon sein Ausstellungstitel "The quick brown fox jumps over the lazy dog", ein Satz, der jeden Buchstaben des Alphabets enthält und gerne als Blindtext benutzt wird, lässt auf technik-affine – und extrem verkopfte Kunst schließen.

Will man den Raum zur Ausstellung von Michael Riedel betreten, so fällt einem gleich die doppelte Eingangstür auf. Der Künstler hat aus einer Holzplatte die Wand, in der sich die Tür zu seiner Ausstellung befindet, nachgebaut, jedoch um einige Zentimeter versetzt angebracht. Er zitiert die Räumlichkeiten, agiert mit dem Ortsspezifischen und lässt einen "Raum im Raum"-Effekt entstehen, ganz so wie bei seiner Installation auf der Lyon-Biennale 2007, bei der er auch den Eingang zum Videoprogramm von Rirkrit Tiravanija verdoppelte.

Auch die allein stehende, viereckige Säule im Ausstellungsraum modellierte er aus Holz nach und legte sie quer auf den Boden – und erfreute die Besucher bei der Eröffnung so mit einer neuen Sitzbank. Riedel stellt in seinen Arbeiten immer wieder Vorgefundenes in einen neuen Kontext. Das Hauptwerk der Ausstellung besteht aus elf Leinwänden mit abstrakten, geometrischen Formen. Als Quelle dieser farblich reduzierten, hochformatigen Bilder hat er zwei Internetseiten verwendet: Die Webseite des Museum of Modern Art (MoMA) in New York, die ein Werk von Riedel besitzt, und Kunstaspekte.de, eine virtuelle Ausstellungsplattform, die auf eine Schau des Künstlers verweist. Für seine Leinwände hat Riedel diese Webseiten in Quelltext umgewandelt und mit Hilfe eines Programms diesen HTML-Code
neu strukturiert und ihn auf wenige Zeichen reduziert. Die zurückgebliebenen Computersprachfragmente lässt er auf billige Plakate ziehen, die er im Internet bestellt hat, und tapeziert diese auf große, weiße Leinwände. Auf jeder Leinwand ordnet er dann mehrere Plakate so an, dass sie von farbigen Kreisflächen unterbrochen werden. Ein auftapeziertes verpixeltes Farbfoto einer alten Druckerpatrone bleibt der einzige visuelle Bruch zwischen den zehn klassisch nebeneinander hängenden Leinwänden. "Wahrscheinlich eine Art Selbstporträt", sagt der Direktor des Kunstvereins Florian Waldvogel. "Auf der Patrone erkennt man den Namen des Herstellers: 'Brother'. Vielleicht sein Alter Ego. Es ist jedenfalls ein wichtiges Element im Werkprozess dieser Bilder und in den modernen Kommunikationsmedien im Allgemeinen."

"Psychoanalytische Gewissheit über die eigene Existenz"

Doch die gesamte Ausstellung erschließt sich dem Betrachter schwer und wirkt sehr hermetisch. Dass Riedel sich zu seinem Werkbegriff nie äußert, macht das Begreifen für den Besucher nicht einfacher. Man muss erst eigenständig forschen und hinterfragen, um das Anliegen von Riedel zu verstehen. Der Künstler setzt sich bei dieser Ausstellung mit dem Kommunikationsmedium Internet auseinander. Und gleichzeitig ist ein wesentlicher Moment seiner Praxis, Dinge zu übernehmen, die schon existieren, aber vor allem die mit ihm und seiner eigenen Arbeit zu tun haben. So verarbeitet er jeden Kommentar, jeden Katalogtext oder jede Besprechung über sich zu einem neuen Kunstwerk und dreht sich damit ständig um seine eigene Achse.

Auch das Prozesshafte und Unvollendete schwingt bei Riedel immer mit. So verweisen auch die Kreise in den Leinwänden auf das Ladezeichen, dass man von Appel-Computern kennt. Riedel macht in seinen Arbeiten die Selbstreferenzialität, die zeitgenössischen Künstlern oft vorgeworfen wird, zum Kern seiner künstlerischen Praxis. "Es entsteht eine Welt, die der ersten ähnelt, sie aber nicht kopieren, sondern einsehbar machen will", sagte der französische Philosoph Roland Barthes, und es passt vortrefflich zu seinem Konzept. "Und vielleicht wird es damit bei ihm auch zu einer psychoanalytischen Gewissheit, dass er existiert", sagt Florian Waldvogel.

"The quick brown fox jumps over the lazy dog"

Termin: bis 8. August, Kunsthalle Hamburg. Begleitend zur Ausstellung erscheint ein Katalog bestehend aus zehn Einzelheften mit dazugehörigen Postkarten.
http://www.kunstverein.de/

Mehr zum Thema auf art-magazin.de