Ralf König - Schwules Museum

Sie leiden, tucken und feiern

Die Schwulenszene als Mittelpunkt des Universums: Zum 50. Geburtstag des Comiczeichners Ralf König ehrt ihn das Schwule Museum in Berlin mit einer Retrospektive. Die Knollennasen aus Königs Feder verbreiten ihre Botschaft auf witzige Weise und werben für Toleranz.

Knollennasen sind das Markenzeichen des Comiczeichners Ralf König. Mit ihnen könne er "so ziemlich alles erzählen," sagt er. Zu Hunderten bevölkern sie nun die Ausstellungsräume des Schwulen Museums am Mehringdamm: König wird am 8. August 50, und das wird mit einer liebevoll inszenierten Retrospektive richtig groß gefeiert. Der Zeichner selbst betrachtet den Rummel um seine Person mit freundlicher Skepsis: Er finde es komisch, jetzt "plötzlich
museumsreif" zu sein. Doch ganz aus heiterem Himmel kommen die Museumsweihen nicht.

Spätestens seit seinem Bestseller "Der bewegte Mann" und der Verfilmung durch Sönke Wortmann Mitte der neunziger Jahre ist Königs Comic-Kunst ein Mainstream-Ereignis, an dem kein Vorbeikommen ist. Das liegt natürlich auch daran, dass sein Werk immer für die liberale, hedonistische und progressive Kultur der Bundesrepublik stand und darum desto wichtiger wird, je mehr man sich dieser Traditionslinie versichern will. Eigentlich erstaunlich, dass ihn noch niemand für das Bundesverdienstkreuz vorgeschlagen hat: Dieser Mann hat wie ein Berserker für die Humorkultur in Deutschland geschuftet. Die prallen Museums-Vitrinen mit unzähligen ausländischen Lizenzausgaben seiner Comics bezeugen seine universale Botschafterfunktion. Seine Karriere begann der gebürtige Westfale Anfang der achtziger Jahre mit der Veröffentlichung einer Reihe von "Schwulcomix", in denen er sich langsam an seinen unverwechselbaren schwungvoll-minimalistischen Strich herantastete. Da war er noch Student an der Düsseldorfer Kunstakademie, deren Lehrer mit seinen Comics nichts anfangen konnten. Tagsüber versuchte er sich in Ölmalerei und Fotografie, zu Hause zeichnete er abends besessen an seinen Strips für Szenemagazine. Der Erfolg ließ nicht lang auf sich warten. Niemand traf die Irrungen und Wirrungen schwuler Begierde, die feinen Codes einfach-komplizierter Beziehungen mit so entwaffnendem Humor wie er. Und niemand ging so sensibel und respektlos zugleich mit der schwulen Typenlehre um: von massiven "Lederkerlen" mit Brusthaartoupet über Federboa-fixierte "Fummeltrinen", politisch engagierte "Bewegungsschwestern" und "Kulturhuschen" mit Italienfimmel – keiner wurde geschont, jeder gleichermaßen geliebt.

Sogar die Heteros lachen

Königs Knollennasen wuseln in schöner Pluralität. Die Monokultur der harten Typen, wie sie etwa der Zeichner Tom of Finland propagierte, gibt es hier nur im Porno-Kino. Da lachen sogar die Heteros, obwohl sie im König-Universum oft meist nicht gut wegkommen: die Männer ein bisschen dumpf, die Frauen eher hysterisch. Der schwulen Community gilt er als Chronist, der ihr auf charmante Art den Spiegel vorhält. Berühmt ist etwa Königs Langzeit-Strip "Konrad und Paul" den er Anfang der neunziger Jahre für das längst eingestellte Magnus-Magazin erfand. "Diese Serie", so König, "ist ein
wenig Spiegelbild meiner damaligen Beziehung und eines öfter beobachteten Konflikts: hier das Heimchen, derjenige, der zu Hause bleibt und sich kümmert, und der andere geht laufen. Diese Konstellation erzeugt Spannung." Dabei will König nicht über den Dingen stehen, die Chronistenrolle lehnt er ab. Ganz stimmt das natürlich nicht. Seine Charaktere sind Erfindungen, doch sie treffen sich an ganz realen Orten. Deshalb haben die Comics manchmal eine historische Dimension: "In Köln", erzählt König, "gab es mal eine Lederkneipe, die hieß Stiefelknecht, und daneben stand ein abgefahrener Transenschuppen, das Timp. Wenn die Transen dann total besoffen an den Lederkerlen vorbeitackelten, dann gab es immer eine Bemerkung und großes Gelächter, das war eine schöne Atmosphäre. Beide Kneipen gibt es nicht mehr."

Hartes Pflaster für Comics

Wer in König allein den witzigen schwulen Schnell-Zeichner sieht, der hat nur die Hälfte begriffen. Denn König, das zeigten die in den letzten Jahren erschienenen, biblisch inspirierten "Prototyp"- und "Archetyp"-Geschichten, ist ein begnadeter Geschichtenerzähler. Längst hat sein Schaffen die Grenzen der humoristischen Bespiegelung des schwulen Milieus gesprengt. Das liegt nicht nur daran, dass die hedonistisch-sozialen Bezugssysteme, aus denen seine Geschichten kamen, sich änderten. "Auch ich habe mich verändert." sagt König. "Das Unglücklich-Verliebt-Gedöns, Drogen- und Party-Gedöns - lange haben sich meine Geschichten darum gedreht, aber ich selber war längst weiter und habe mich mit ganz anderen Sachen beschäftigt." Für Comics ist Deutschland ein hartes Pflaster, sie zählen immer noch nicht zum allgemeinen Kanon der Kultur. Das spürt selbst König, einer der wenigen, die es trotzdem geschafft haben; die vielen, teilweise obskuren Merchandise-Artikel in einer Vitrine erzählen davon: Weinflaschen mit König-Etiketten, Aschenbecher, ein Hundenapf oder asiatische Laserdiscs, die im Zusammenhang mit König-Verfilmungen wie "Kondom des Grauens" oder "Lysistrata" produziert wurden. "Richtig glücklich" ist er trotzdem mit keiner Verfilmung. Als Katja Riemann etwa erklärte, sie wolle die Rolle der Doro in "Der bewegte Mann" mit "Würde" spielen, da wusste König schon, dass es keine richtig gute Komödie werden würde. Die Hoffnung bleibt, dass "da mal was Schönes entsteht."

"Ich komm mir vor wie 'ne Witzfigur! 50 Jahre Ralf König"

Termin: bis 4. Oktober, Schwules Museum Berlin, Mehringdamm 61, täglich geöffnet (außer Dienstags), 14 bis 18 Uhr, Sa 14 bis 19 Uhr
http://www.schwulesmuseum.de