Landscape of Transformation - Kunsthalle Mannheim

Wechselbad der Gefühle

Wieweit ist das Recht Mensch zu sein gesichert? Wer darf die Freiheit in Frage stellen? art-Autor Markus Clauer hat die Ausstellung von Magdalena Jetelová in der Kunsthalle Mannheim besucht und festgestellt, dass nicht nur der Boden unter den Füßen schwankt, wenn es um die Menschenrechte geht. Ein Erfahrungsbericht.

Instabilitäten

Aus der Sonne ins Schwarzlicht. Der Eingangssaal der Mannheimer Kunsthalle liegt jetzt abgedunkelt wie eine Grabkammer in der künstlichen Nacht. Schrift leuchtet von den Wänden, lange Textbahnen mit Gefälle, die von zwei Seiten auf einen Knick zulaufen, und teilweise im Satz abbrechen. Das Entziffern bedroht von Zeilensprüngen. Fetzen, einzelne Wörter nur graben sich aus dem Textfries in die Wahrnehmung ein. Nigeria, China, Mord und Totschlag, Folter, Vergewaltigung, Staatsmacht.

Ein Gericht in Iran hat bestätigt, dass einem Mann Säure in die Augen geträufelt werden darf, als Strafe für ein Säureattentat. Die Textwand, eine Tapete des Unrechts, die – wie man sich herbeibuchstabieren kann – ihr Dessin aus dem Fundus der Nachrichtenticker von Amnesty International rekrutiert hat. Das Gefühl, auf einem Boden zu stehen, der eine Aufwärtsbewegung macht, leicht schwankt. Eine Projektion läuft an. Die Irritation wächst und der Wunsch, die eigene Aufmerksamkeit sei weniger defizitär. Auf die Wandtapete legt sich jetzt Schrift auf Schrift, weißes Licht, breitere Textbänder mit größeren Buchstaben, die auf einen Punkt zulaufen, offenbar – ermordet, vergewaltigt, schikaniert – noch mehr Gräuel beschreiben, immer schneller fliegen: erm…igt … rt. Text über Text. Die Wörter sind in Auflösung, ungreif- und unbegreifbar. Sie werden Lichtstreif, Blitz. Dann legt sich wieder Grabkammer-Stillstand über das Szenario. Die Unrechtswand harrt der Betrachtung, erneut. Beim Betrachter? Düsteres Gedankenrauschen, Instabilitäten.

Tonspuren

Nächster Raum. Er strahlt Arbeitsamt-Nüchternheit aus. Stockhell ist es, Sitzbänke stehen dort. Zwischendecken mit Lautsprechern sind eingezogen, daraus dringen Kinderstimmen, Verlegenheits-Kichern. Die Tonspur verdichtet sich, die Kinder lesen stockend vor, verschmieren akustisch Buchstabe mit Buchstabe. Der Sinn erschließt sich ihnen, wie auch, offensichtlich nicht. Auch für die Zuhörer, auf Bänken gekauert, in den Türrahmen gelehnt, Kopf gesenkt, bleibt der Inhalt der Mitteilungen spekulativ wie die Liebesbeschwörungen japanischer Sopranistinnen, die Wagner-Opern singen. Immer wieder ertönt eine Männerstimme, die herrisch in die unwirkliche Grundschulkinder-Leseleier grätscht und die Verfremdung verdoppelt. Fehler werden im Befehlston moniert. EXEKUTION. TODESSTRAFE. Ein Dazwischenbellen, phonetisch korrekt und moralisch legasthenisch – beklemmend. Wer zuzuhören vermag, erkennt, die Kinder tragen dieselben Nachrichten von Menschenrechtsverletzungen, von Todesstrafen und Foltermethoden vor, mit denen schon die Wände im ersten Raum beschriftet worden sind – unbekümmert, zur Kenntlichkeit entstellt. Verschämtes Lachen, als von Sexualität geschrieben steht. Lustig? Sie wissen nicht, wie sie sich zu dem allem verhalten sollen.

Und so weiter

Tonreste bröckeln noch in den anschließenden, im Schwarzlicht dümpelnden, um die Ecke biegenden Raumschlauch, in dem sich an den Wänden Tausende Din-A-4-Blätter zu Podesten stapeln. Wie ein vergessenes Archiv starren die Räume. Die Aufsicht rückt die Blätter gerade, auf denen Text glimmt. Immer und immer steht darauf die Präambel geschrieben und alle 30 Artikel der Menschenrechte, immer einer auf einer Seite. Das Recht auf Würde und Reisefreiheit, Unverletzlichkeit der Wohnung – dass vor Gericht für jeden zunächst einmal die Unrechtsvermutung gilt. Und so weiter. Die Vollversammlung der Vereinten Nationen hat die UN-Charta am 10. Dezember 1948 als Resolution 217A (III) verabschiedet. Geduldiges Papier, das manches Mal und mancherorts gilt. Und nicht. Auch Besucher können sich die Blätter folgenlos greifen. Die Stapel schwinden ungleichmäßig. Die Pressedame erzählt, die meisten Journalisten hätten sich bisher das Blatt genommen, auf dem das Recht auf Freizeit und bezahlten Urlaub aufgerufen wird. Wer aus dem Schwarzlicht tritt, hält ein weißes Stück Papier in der Hand, auf dem nichts steht.

Revival

Aus dem Archiv der Folgenlosigkeit tritt man jetzt in große Leere. Das weiße, unsichtbar beschriftete Blatt in Händen. Leicht gedimmtes Licht herrscht. Im Sichtfeld auf Augenhöhe nichts. Rechts an der Wand ein Versorgungsschacht, aus dem Kabelsalat lappt. Und während man so sinnt, ob es sich um Restbestände der vergangenen Ausstellung handelt, oder der anstehende Umbau der Kunsthalle schon Spuren hinterlässt, franst beim Passieren eines unsichtbaren Bewegungsmelders ein Knall in überlautes Knistern aus. Ein Anschlag. Zusammenzucken unter Instinkteinfluss, Physiologie-Revival im Nachdenklichkeits-Modus. Ducken wie unter Beschuss. Orientierungsversuche setzen ein und die schwierige Navigation zurück ins Museale. An der Stirnwand blitzt es – sehr weit oben – von einem kurzen Draht zu einer nackten Glühbirne ohne sichtbaren Stromanschluss.

Spiegelungen

Aufgeschreckt steht man jetzt im Türrahmen seinem eigenen Bild gegenüber. Ein Riesenraum, die hohen, rundum, leicht schräg zueinander gestellten Spiegelflächen legen eine kalte Landschaft aus Endlosigkeit und Tiefe nahe. In weiter Ferne das Ich-Abbild, verschwindend. Erst einmal lässt man das so stehen. Auf den Spiegeln sind Aufschriften erkennbar, schwer zu entziffern zwar, doch da. Wer aber herantritt, um sie zu lesen (und sich zwangsläufig selbst dabei zu betrachten), bringt die Spiegel in Bewegung. Sie vibrieren, je mehr, je näher man ihnen kommt. Das Spiegelbild flirrt, die Selbstanschauung verschwimmt, ein Ornament aus Zeit und Licht. "Wie viele Gesichter hat man", der Blick fällt auf die aufgeklebten Textbotschaften, die teilweise auf dem Kopf stehen, die seltsam, paradox, auf dem immer stärker vibrierenden Untergrund still halten. Ihre Inhalte zittern. "Unverbindlichkeit des Rückwegs" heißt es, "Dynamik des Vergessens", "Hörbares Licht", "Verwaltung des Irrtums", "Rasanz der Ruhe". Einmal ist symbolisch für die gesamte Installation von der "Verlässlichkeit der Instabilität" die Rede. Da steht der Betrachter, spiegelbildlich vervielfacht und etwas verloren am Ende eines beeindruckenden Parcours der Verunsicherung – fester Ordnungen, eigener Wahrnehmungen und der allgemeinen Vergessensseligkeit. Raus tritt man in die Welt. Die Sonne scheint – gedankenlos.

"Magdalena Jetelová: Landscape of Transformation"

Termin: bis 10. Oktober, Kunsthalle Mannheim
http://www.kunsthalle-mannheim.eu/ausstellungen/aktuelle-ausstellungen/jetelova.html

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