"Provinz"-Ausstellung - Lindau

Der Fühlometer grinst sich eins

Bei der Sommerausstellung "Provinz" auf der Bodenseeinsel Lindau können die Künstler die thematischen Ansprüche der Kuratoren nicht erfüllen und haben zum Thema recht wenig beizutragen.

Holla, was ist denn da passiert? War es Vandalismus oder hat das schlechte Wetter seine Spuren hinterlassen? Im Bodensee, direkt an der Flaniermeile Lindaus, liegt ein Boot – und sinkt. Der Bug ist abgetaucht in die grüne Brühe, das Heck reckt sich in die Höhe wie beim Entlein der Schwanz. Diese Agonie eines Segelschiffes ist ein drolliger wie trauriger Anblick, ein memento mori, der an die Endlichkeit des Seins gemahnt.

"Love love" hat Julien Berthier seine Installation genannt – auch die Liebe ist bekanntermaßen vergänglich. Den Smiley auf dem Leuchtturm reizt das zum Kichern. Auf der Spitze des Lindauer Wahrzeichens wurde ein Gesicht montiert, das nicht nur nachts leuchtet, sondern auch die Stimmung in der Bevölkerung wiedergibt. Der "Fühlometer", eine Lichtinstallation von Julius von Bismarck, Benjamin Maus und Richard Wilhelmer, grinst wahlweise oder zieht die Mundwinkel nach unten, je nachdem, welche Daten ihm eine Kamera im Hafen liefert – aus den Bildern wird der Querschnitt der Emotionen der Passanten errechnet. Aber wenn man dem Smiley eine Weile zugeschaut hat, wie er immer nur grinst oder eine grimmige Schnute zieht, kann man leicht den Eindruck gewinnen, dass die Lindauer eine eher undifferenzierte Mimik besitzen. Und es folgt zwangläufig die Frage: Liegt das womöglich daran, weil sie provinziell sind?

Denn die Sommerausstellung in Lindau ist mit dem Titel "Provinz" überschrieben. Arne Fehmel, Korbinian Kainz und Felix Rundel haben das Projekt als Privatinitiative gestartet, Sponsoren und Unterstützer gewonnen und schließlich 16 Künstler eingeladen, für drei Wochen öffentliche Orte in dem Touristenstädtchen zu bespielen. Herausgekommen ist ein Parcours auf der Insel, der an zentrale wie entlegene Orte führt – sofern man die Arbeiten überhaupt findet. Es ist wie so oft: Das Informationsmaterial wurde toppprofessionell am Computer layoutet – und taugt in der konkreten Anwendung wenig.

Ernsthaft neue Ansichten erhält man nicht

Aber wer weiß, vielleicht ist die Bautafel von Raul Walch neben der berühmten Bodenseeklinik für Schönheitschirurgie auch einfach noch nicht errichtet worden. Im Katalog kann man sie bereits studieren: Sie kündigt ein Bauvorhaben an, ein "Gran Resort der Premiumklasse", das auf einer künstlichen Insel im Bodensee entstehen soll. Nicht nur Dubai lässt grüßen, sondern auch die Künstlerin Annette Wehrmann, die bereits 2007 bei den Skulptur-Projekten Münster eine Baustelle simulierte für ein ganz ähnliches Spekulationsprojekt: "AaSpa – Wellness am See".

Thilo Frank hat in der hübschen, altmodischen Barfüßerturnhalle einen Spiegelkubus aufgestellt, den der Besucher barfüssig betritt und dort – endlos gespiegelt – schaukeln kann. Es geht Frank um die Wahrnehmung, deshalb hat er zudem an mehreren Plätzen der Stadt Schaukeln aufgestellt, die Erkenntnisse bringen sollen. Aber auch wenn man sich kraftvoll zwei, drei Meter in die Höhe schaukelt, stellt sich bestenfalls Schwindel ein – ernsthaft neue Ansichten und Perspektiven Lindaus aber erhält man dabei nicht.

Ein Hich-Tech-Smiley auf dem Leuchtturm, ein schwerer Spiegelkubus in der Turnhalle – die Initiatoren haben in Lindau keinen Aufwand gescheut. Auch die Aktion von Raul Walch ist kostenintensiv: Eine große Holzkiste mit unbekanntem Inhalt soll über einem Kreisverkehr abgeworfen werden. Vielleicht hätten sie sich weniger mit der Logistik der spektakulären Beiträge und intensiver mit der Thematik befassen sollen. Denn bei keiner der Arbeiten ahnt man auch nur peripher die im Katalog angekündigte "Beschäftigung mit der Lindauer Stadtkultur, mit der Geschichte und den Mythen der Stadt".

Ist’s Ironie, ist’s Größenwahn?

Für viel Hallo sorgt zumindest der "Blasomat", den Mikko Gaestel und Rasso Hilber im Bahnhof aufgestellt haben, einen Passbildautomaten, in dem man nicht fotografiert wird, sondern kräftig durchgepustet. Das dumme Gesicht im Windstrom ist draußen auf einem Monitor zu sehen – zur Erheiterung der Passanten. Das ist witzig, das mag erinnern an die aussterbende digitale Fotografie und ein lieb gewonnenes Gerät im öffentlichen Raum, zur Debatte um Provinz und Urbanität trägt es wenig bei. So stellt sich bei dem Kunstparcours das ein, was die Organisatoren laut Katalog gerade nicht wollten: "Ein bloßes Präsentieren von Künstlern und deren Arbeiten".

Ist’s Ironie, ist’s Größenwahn? Die alte Gepäckhalle des Bahnhofs, Herzstück der Ausstellung, firmiert unter dem Namen "temporäre Kunsthalle" – wartet aber mit katastrophal naiver Malerei von Mael Nohazic auf, alptraumhaften Szenen mit Karussell, Totenköpfen, Viechern und fruchtbaren Frauen, die das Elend gebären. Constantin Hartenstein hat bei einem Tierparkfest stundenlang die Kamera auf die Menschen gehalten – und zeigt die schlichte Dokumentation nun auf zwei Bildschirmen. Boris Mrkonjic schafft in einer Installationen einen hermetischen Kosmos mit Filz und Jurtebehausung, zahllosen Zetteln und Kopien, mit Konstruktionszeichnungen, Sentenzen und vielen Verweisen auf andere, größere Schöpfer. So können nur wenige Beiträge wirklich überzeugen. Sehenswert sind immerhin die Fotografien und die Videoarbeit "Tallaght" von Lilli Kuschel und Anna Fiedler, die Kinder und Jugendliche zeigen, die am Stadtrand von Dublin Autos und Sperrmüll abfackeln – als Freizeitvergnügen. So ist das engagierte Lindauer Projekt im Ergebnis doch enttäuschend, und man hat den Eindruck, dass die Organisatoren vor allem ihre – meist Berliner – Freunde und Kollegen zum Zuge kommen lassen wollten, statt eine harte, kuratorische Auswahl zu treffen.

Die mit Abstand interessanteste Arbeit stammt von Felice Varini, der den Innenhof des Lindauer Stadtmuseums bespielt, ein verschachteltes Arrangement mit Brunnen, Arkarden, Bögen, mit Säulen und verschiedenen Raumhöhen. Varini hat auf die heterogenen Baukörper rote geometrische Formen aufgemalt, diese aber raffiniert gestaffelt, sodass sie sich beim Blick von der Fußgängerzone aus zu Kreisen fügen. Über Jahrhunderte versuchte die Malerei, in den Raum, die dritte Dimension vorzustoßen. Varini dreht das Verfahren um: Er macht den Raum zur Fläche, die Architektur zum Bild.

"Provinz. Eine Ausstellung im Sommer 2010"

Termin: bis 28. August 2010, Lindau
http://www.provinz.li