Wiedereröffnung K20 Düsseldorf - Intensif-Station K21

Atemberaubend einseitig

Glanz und Bürde einer Sammlung: Für Neuhängung und Eröffnungsschau fehlte es erkennbar an Mut, mit angestaubten Konventionen zu brechen.
Atemberaubend einseitig:Wiedereröffnung K20 Düsseldorf

Wiedereröffnung der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Installationsansichten der Sammlungspräsentation im K20 Grabbeplatz

Anders zu sein, kann leicht zur Bürde werden. In Düsseldorf, wo die Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen nach zweijähriger Sanierung ihr "K20" genanntes Haus am Grabbeplatz nun samt einem lange versprochenen Erweiterungsbau wiedereröffnet hat, lässt sich das gut beobachten. Manche schwär­men schon von einer idealen Neukonstella­tion. Davon kann aber keine Rede sein.

Man muss sich die Geschichte der Samm­lung in Erinnerung rufen, um zu verstehen, worin ihr besonderer Glanz liegt und worin die Bürde, die daraus resultiert. Werner Schmalenbach, der kurz vor der Wiedereröffnung gestorben ist, übernahm das Haus 1962, ein Jahr nach dessen Gründung, und prägte es bis 1990. Obgleich das Museum damals über Ankaufsmittel verfüg­te, von denen heutige Direktoren nur träumen kön­nen, ließ sich aufgrund der späten Gründung nicht nachholen, was anderswo über lange Zeit gewachsen war. Also vermied es Schmalenbach, einen Kanon aufzubauen und schuf stattdessen eine Kollektion aus singulären Werken, von denen ein jedes allein aufgrund seiner Qualität überzeugen sollte. Was dabei herauskam, war atemberaubend einseitig: ein Museum der Meisterwerke, orientiert fast ausschließlich an Malerei und Zeichnung der Klassischen Moderne, den Amerikanern der heroischen Nachkriegszeit – und so gut wie keinen Zeitgenossen. Zugespitzt formuliert: lauter feine, edle Häppchen, aber eben kein vollständiges Menü.

Als Armin Zweite 1990 den Direktorenpos­ten übernahm, suchte er nach einer neuen Balance. Er erwarb mit Joseph Beuys, der von Schmalenbach – in Düsseldorf bis heute eine Absurdität – ignoriert worden war, mit Gerhard Richter, Imi Knoebel, Tony Cragg nun auch Skulptur und Installation und mit Jeff Wall, Thomas Ruff und Katharina Sieverding auch Fotografie.

Giacometti trifft Bacon

Marion Ackermann, die ihm 2009 nachfolgte, schafft mit ihrer Neupräsentation nun Ordnung, führt Malerei und Plastik zusammen und präsentiert die Werke in einer lockeren Chronologie. Einerseits hält sie also am Konzept eines "Museums der Meisterwerke" fest und damit an einer recht angestaubten Vorstellung von Kunst, andererseits zwingt sie die singulären Werke unter dem strengen Blick einer nicht weniger antiquierten Form von Kunstgeschichte ins Korsett einer quasi natürlichen Abfolge.

Das Ergebnis ist: Stolz reiht sich Belegstück an Belegstück. Wo Beuys’ "Palazzo Regale" stand, hängen jetzt die feinen Blätter von Paul Klee. Alberto Giacometti trifft Francis Bacon, und wo das Menschenbild in Frage steht, wird auch das so erledigt, wie das Publikum es sich wünscht. Der "Amerikaner-Saal" ist viel zu voll, manche Nachbarschaft ein Problem. Trotzdem scheint alles gelungen, wirkt jedes Stück – im nun wieder samtweich aus den Oberlichtern einfallenden Licht – bedeutend. Gerade deshalb aber entbehrt das Ganze jeder Dringlichkeit.

Im Zeitgenössischen wird nur viel Wind gemacht

Daran ändern auch die zwei neuen, großzügigen Wechselausstellungsräume nichts. Denn die dort gezeigten Installationen – sowohl der Heißluftballon, den Kris Martin in den einen gelegt, als auch die "Wolken" aus 750 ineinander verschlungenen LKW-Schläuchen, die Michael Sailstorfer in den anderen gehängt hat (beide nur bis 8. August) – wirken zwar spektakulär, sind aber alles andere als Meisterwerke. Im Zeitgenössischen wird, mit Leihgaben von Galerien, einfach nur viel Wind gemacht. Es mag sein, dass Marion Ackermann von einem Museum träumt, das ein anregender Produktionsort ist. Ein "Labor" genannter Projekt­raum allein – im Moment scannt Karin Sander dort Museumsbesucher und macht daraus computergefräste Kleinplastiken (bis 23. Januar 2011) – macht daraus aber noch keine Museumswirklichkeit.

Das spürt man auch im K21 im ehemaligen Ständehaus, wo man mehr oder weniger beim alten Konzept geblieben ist und Künstlerräume aneinanderreiht. Nach einer Installation von Thomas Hirschhorn nennt man die 26 Kabinette nun freilich flott "Intensif-Station". Das funktioniert mal besser, mal schlechter. Ganz besonders schlecht aber auf der "Skulpturenterrasse", wo, getrennt durch halbtransparente Nesselsegel, ohne jeden Raumbezug eine Mixtur aus Meisterwerken und Mindermeisterwerken entstanden ist. Da freut man sich plötzlich wieder an Reinhard Muchas "Deutschlandgerät" mit seinem dumpfen Autobahnsound, das die Direktorin doch so gern entfernt hätte. Marion Ackermann hat erkennbar der Mut gefehlt, die mittlerweile absurde Trennung zwischen der Kunst des 20. und des 21. Jahrhunderts aufzuheben. Hätte sie es versucht, es hätte ein neuer Typus von Museum entstehen können. So aber regiert in Düsseldorf die aufpolierte Konvention.

"Intensif-Station"

Termin: bis 4. September; K21 Ständehaus, Düsseldorf. Ein Bildband zur Wiedereröffnung des K20 "Meisterwerke des 20. und 21. Jahrhunderts", Schirmer/Mosel Verlag, 29,80 Euro. Eine DVD zur Ausstellung "Intensif-Station", 15 Euro. Ein Sammlungsführer "K20/K21. Kunstsammlungen Nordrhein-Westfalen", Prestel Verlag, 9,95 Euro
http://www.kunstsammlung.de/