Robert Schumann - Zwickau

Nur ein Verrückter bricht sich selbst die Hände

Vor 200 Jahren wurde Robert Schumann in Zwickau geboren. Nun präsentiert die amerikanische Künstlerin Janet Grau in den Kunstsammlungen Zwickau in einer Ausstellung ein audiovisuelles Mosaik an Schumann-Devotionalien.
"Nur ein Verrückter bricht sich selbst die Hände":Zwickau – Schumann

Robert Schumann, Büsten unbekannter Künstler, Sammlung Wendt

Vielleicht muss man selbst ein wenig manisch sein, um einen Besessenen zu verstehen? Die amerikanische Künstlerin Janet Grau hat es gewagt und in den Kunstsammlungen Zwickau eine rasante und unterhaltsame Ausstellung zu Robert Schumann inszeniert. Vor 200 Jahren wurde der Komponist hier in der sächsischen Kleinstadt geboren, Grund genug für Zwickau, ausgiebig zu feiern.

Doch zunächst stand Museumschefin Petra Lewey vor Fragen: Wie soll ein reines Kunstmuseum Musikgeschichte illustrieren? Schumann und die bildende Kunst? Das klang nach Langeweile. Gewitzt delegierte sie die heikle Aufgabe an Janet Grau. Die hatte hier bereits 2001 unter dem Titel "M.o.M.: Mammalia ohne Mütter" eine halb verrottete Sammlung von Tierpräparaten liebevoll ans Licht geholt und ihre Talente als Grenzgängerin zwischen Kunst und Kuratorentum bewiesen.

Nun also Schumann, Fossil und ewigjunges Musikgenie zugleich. "Seit ich ihn gesehen..." nennt Grau ihren Geschwindmarsch durch Leben, Werk und Rezeptionsgeschichte. Mit einer Respektlosigkeit, die sich weder Kunst- noch Musikwissenschaftler erlaubt hätten, kombiniert sie in sieben Themenräumen Orginalkunstwerke, billige Kopien, Stilmöbel, Bildpostkarten und Kitschobjekte, die den Komponisten der "Träumerei" umkreisen. Natürlich handelt es sich auch um eine tönende Ausstellung – das liegt in der Natur der Sache. Bereits beim Eintritt in die ehrwürdige Rotunde des Zwickauer Museums Klangproben auf Video: Schumannxeperten aus der ganzen Welt geben ihr Lieblingsstück des Tonkünstlers zum Besten. Am Rande einer Konferenz fing Grau die Fachleute ab und ließ sie pfeifen, singen oder summen – eine perfekte Performance zum Einstieg. Auch ansonsten klingt es von überallher: Mit Schülern des Clara-Wieck-Gymnasiums und Studenten des nahen Robert-Schumann-Konservatoriums stellte sie herzzerreißende Bildpostkarten nach, die schon kurze Zeit nach Schumanns Tod zirkulierten. "Stille", "Widmung" oder gar "Er, der Herrlichste von allen" heißen die so entstandenen Musikvideos nach berühmten Schumann-Liedern. Auf dem Internetnetzwerk "Youtube" sind sie auch zu sehen. Hierfür nehmen die Zwickauer Mädchen und Jungs Herzschmerzposen ein oder formieren lebende Bilder: Schumann updated!

Besonders die dramatische und anfangs unglückliche Liebesbeziehung zwischen Robert Schumann und Clara Wieck hatte es schon den Zeitgenossen des 19. Jahrhunderts angetan – eine Romanze, die auch heute noch ans Herze geht. Flankiert wird das Ganze von Filmplakaten, denn an der Schumannstory kam auch Hollywood nicht vorbei. Die Grenzen zwischen hoher Kunst und Trivialkultur verschwimmen hier unter einem Tränenflor. Wischt man sich denselben aus dem Augenwinkel, so gelingt ein klarer Blick auf Bildzyklen von Max Pechstein (ein anderer berühmter Zwickauer) oder Ernst Oppler. Die hatten sich Anfang des 20. Jahrhunderts von einem Ballett zum Klavierzyklus "Carnaval" mitreißen lassen. So kommen Originale und Kopien in trauter Eintracht daher.

Ohrwurm der Musikgeschichte

Im Foyer kann man sich zudem in einem Wald von Schumann-Gipsbüsten ablichten lassen – man "hat ihn gesehen" und viel von seiner Faszination verstanden. Auch der britische Performancekünstler Anthony Howell teilt die Bewunderung für die deutsche Galionsfigur musikalischen Schwärmertums. Für seine "Selbstverbesserungsvorrichtungen/Self Improvement Devices" ließ er sich von Schumanns schmerzhafter Apparatur anregen, mit der sich der junge Musiker schließlich die Hand verkrüppelte. Eigentlich sollte die Mechanik dazu dienen, seine Hände für das Klavierspiel geschmeidiger zu machen. "Nur ein Verrückter bricht sich selbst die Hände" bemerkt dazu einer der Plakatentwürfe, die Auszubildende einer örtlichen Gestaltungsschule zu dem audiovisuellen Mosaik beisteuerten. Wem nun in dem Überfluss von Schumann-Devotionalien schwindelig wird, der kann sich in einen plüschigen Kissenberg sinken lassen und angesichts der darauf abgedruckten Postkartenmotive (immer wieder schmachten Robert und Clara einander an) in Schlummer sinken. Der Soundtrack wird mitgeliefert und heißt natürlich "Träumerei". Dieser Ohrwurm der Musikgeschichte findet sich dann sogar in einem Werk von Roy Lichtenstein wieder: "The Melody haunts my reverie" säuselt darauf eine Schöne im Pixelstil.

"Seit ich ihn gesehen" - Reflexionen zu Robert Schumann in der Kunst

Termin: bis 2. November, Kunstsammlungen Zwickau; zur Ausstellung erscheint ein Katalog mit Textbeiträgen von Musik- und Kunstwissenschaftlern
http://www.kunstsammlungen-zwickau.de