Spehr & Ben-Ner - Kunsthalle Mainz

Wahnsinn mit Methode

Der israelische Videofilmer Guy Ben-Ner und der Zeichner Johannes Spehr irritieren in der Kunsthalle Mainz.

Wer hier die Guten sind? Und wofür hier eigentlich gekämpft wird? Beides scheint unerheblich, längst vergessen, vor Urzeiten schon. Was hier geschieht, ist so sinnentleert, wie das, was sich täglich auf unseren Fernsehbildschirmen abspielt. Menschen, die einander bekämpfen und nicht wissen, warum. Menschen, die dagegen sind und nicht wissen, gegen was eigentlich. Menschen, die sich wehren um des Wehrens willen. In den Zeichnungen von Johannes Spehr, die jetzt in der Kunsthalle Mainz zu sehen sind, herrscht Endzeitstimmung.

Menschen in Büroanzügen und polierten Halbschuhen flüchten mit Pappkartons in der Hand über einen hastig gezimmerten Steg, als gelte es Topfpflanzen und Familienfotos vor dem Untergang zu retten. Oder wenigstens vor dem Pöbel, der unter dem Brettersteg haust. Brave Bürger machen sich gierig über Müllkonserven her und saufen aus Pfützen. Senioren werfen mit Wackersteinen und schwingen die Stöcke. Sie zünden Molotowcocktails oder halten Maschinengewehre im Anschlag. Sie halten Protestschilder, auf denen nichts steht, und auf ihren Schultern hocken die Kinder wie Marionetten. Es sind Kinder, die an die Protagonisten von Michael Hanekes Film "Das Weiße Band" erinnern: scheinbar gefühlskalt, zu allem fähig. Und doch erscheinen das Gewimmel und die ziellosen Kampfhandlungen seltsam geordnet. Alles scheint in Zeitlupe abzulaufen, als handele es sich um Filmstills. Die Umgebung wirkt stets kulissenhaft, und die Klischee-Migranten, die immer mal wieder mit kleinen Köfferchen durchs Bild laufen, wirken wie ein Running Gag. Was jedoch am meisten irritiert, ist die penible Akkuratesse der Ausführung, die pedantisch-präzise Konstruiertheit der in düster eintönigen Farben gehaltenen Tuschezeichnungen, die das Dargestellte auf irritierende Weise konterkariert.

Täglich grüßen bei Ikea

Auch in den ebenfalls präsentierten Filmen Guy Ben-Ners hat der Wahnsinn Methode. Für den Film "Drop the Monkey" (2009), der ein Telefongespräch des Israelis mit sich selbst zeigt, flogen Ben-Ner und sein Team für jede Antwort von Berlin nach Tel-Aviv und wieder zurück. Die korrekte Chronologie des Drehs beweist uns der Künstler anhand von Kaffeeflecken auf seinem T-Shirt und ins Haupthaar rasierte Streifen. Für "Stealing Beauty" (2007), eine Familiengeschichte, die bei Ikea gedreht wurde, fuhr Familie Ben-Ner etwa 80-mal in eine Filiale des schwedischen Möbelhauses. Jedes Mal, wenn die Mitarbeiter sie hinauswarfen (man drehte in Schlafanzügen und Morgenmantel), erfolgte ein Schnitt, so dass etwa die Bettwäsche in der Schlafzimmerszene ständig wechselt. Völlig krude erscheint auch die Handlung in "Household" (2001), die den Künstler gefangen hinter dem Gitter eines Kinderbettes zeigt. Auf sich allein gestellt, entwickelt Ben-Ner einen skurrilen Befreiungsplan, bei dem ausgerupfte Achselhaare und Fußnägel ebenso zum Einsatz kommen wie Sperma (als Klebstoff) und eine zum Hammer geschnitzte Möhre. Die Kulissen für Ben-Ners skurrile Aktionen bildet nicht selten die eigene Wohnung. Dort fand sich vermutlich auch das Mobiliar für das "Treehouse Kit", das bereits 2005 im Israelischen Pavillon auf der Biennale in Venedig zu sehen war. Im Film zeigt Ben-Ner als bärtiger Robinson Crusoe, wie er das Baumhaus in Schaukelstuhl, Stockbett und Garderobe (zurück)verwandelt. Gar nicht auszudenken, was der Israeli aus dem zur Barrikade aufgetürmten Gerümpel in den Bildern von Johannes Spehr so alles gezaubert hätte.

Guy Ben-Ner: Film/Zeichnung & Johannes Spehr: Aquarell/Installation

Termin: bis 31. Oktober, Kunsthalle Mainz
http://www.kunsthalle-mainz.de

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