100 Jahre Konkrete Kunst - Zürich

Raus aus der Schachtel!

Im Züricher Museum Haus Konstruktiv treffen Klassiker der konkreten Kunst auf Gegenwartskünstler.
Raus aus der Schachtel!:Klassiker treffen auf Gegenwartskünstler

François Morellet: "16 lignes au hasard", 1973, Arbeit aus rostfreiem Stahl, 100 x 100 cm

Bitte keine Lyrik, keine Dramatik, kein Symbolismus. Nach den Glaubenssätzen der Konkreten Kunst sollten Bilder möglichst pur von Flächen und Farben regiert werden. Als Theo van Doesburg 1930 in sechs Punkten sein Manifest der Konkreten Kunst festhielt, kam unterschwellig zum Ausdruck, dass er sich darin auch von dem unterdessen verfeindeten, ehemaligen Mitstreiter Piet Mondrian absetzen wollte.

Die beiden Gründungsväter der niederländischen Konstruktivisten-Gruppe De Stijl waren sich über den Einsatz der Diagonale unversöhnlich in die Haare gekommen. Van Doesburg hielt die Diagonale für zulässig, Mondrian verachtete sie zutiefst. Max Bill, die Schweizer Eminenz der Konkreten Kunst, wiederum befand, dass bereits Wassily Kandinsky 1910 die Bewegung mit einer Papierarbeit begründet habe. Und so stellte er Kandinskys Aquarell "Première œuvre concrète" 1960 ins Zentrum einer von ihm kuratierten Retrospektive zu angeblich 50 Jahren Konkreter Kunst im Zürcher Helmhaus. Allein dieser extrem verkürzte Abriss zeigt: Zeitlich wie ideologisch überkreuzen sich die Demarkationslinien zwischen Konstruktivisten und Konkreten bis zur Unkenntlichkeit.

Insofern zieht sich das Haus Konstruktiv nun sehr raffiniert aus der Affäre. Das Zürcher Museum nutzt die runde Jahreszahl, um mit der Ausstellung „ganz konkret“ gleich mehrere der anstehenden Jubiläen zu feiern, packt Grenzbereiche der konzeptuellen Kunst dazu und lässt die jüngere bis jüngste Generation aufschließen. Schließlich sei die Konkrete Kunst heute wieder unglaublich en vogue und wirke frischer denn je, befindet Direktorin Dorothea Strauss zu Recht.

"Es ist unser Anliegen, die Begrifflichkeiten und Ismen in der Ausstellung eher aufzulösen, damit die Besucher merken, dass es sich bei der Konkreten Kunst um keine geschlossenen Schachteln, Büchsen handelt. Wir stellen eine Zeitachse her, schneiden die junge Kunst aber immer wieder dagegen." Eine ganze Reihe von Künstlern wie Fred Sandback, Charlotte Posenenske (art 3/2010) oder die venezolanische Videokünstlerin Magdalena Fernández erhalten Einzelpräsentationen. Und zur weiteren Auflockerung nimmt man innerhalb der fünfmonatigen Ausstellungsdauer im November einen Szenenwechsel vor.

"Ganz konkret"

Termin: bis 30. Januar 2011, Zürich Museum Haus Konstruktiv. Sammlungskatalog erscheint im Januar 2011
http://www.hauskonstruktiv.ch/