The Original Copy - New York

Eine Liebesgeschichte

Die New Yorker Ausstellung "The Original Copy" erzählt anekdotenreich, wie sich die Fotografie im Verbund mit der Skulptur vom Dokumentationsmittel zur Kunstform aufschwingt.

Constantin Brancusi weigerte sich, seine Skulpturen von anderen fotografieren zu lassen. Die Inszenierung für die Kamera übernahm der Bildhauer selbst. Kein anderer als Man Ray hatte ihm geholfen, seine Ausrüstung zu kaufen. Der Fotograf Alfred Stieglitz verhalf ihm zu seiner ersten Soloausstellung. Die Verbindung von Bildhauerei und Fotografie war seit der Geburtsstunde der Kamera 1839 eng.

Wie sehr sich Original und "Kopie" gegenseitig beeinflussten und wie sie gemeinsam neue Wege beschritten, zeigt das Museum of Modern Art mit der Ausstellung "The Original Copy", die vom 25. Februar bis 15. Mai 2011 auch im Kunsthaus Zürich zu sehen sein wird.

300 Arbeiten von mehr als 100 Fotografen und Künstlern, die sonst wohl kaum gemeinsam in einem Ausstellungsraum zu finden wären, hat Kuratorin Roxana Marcoci mit ihrem spannenden Konzept zusammengetragen. Ihr ist es gelungen, ein Buch mit vielen Kapiteln aufzuschlagen, in denen die Geschichte der beiden Kunstformen anekdotenreich erzählt wird. Die Ausstellung tastet sich durch die Stadien der Annäherung, bei denen Fotos Werke zunächst dokumentierten und in Szene setzten, später zunehmend interpretierten oder für einen politischen Kommentar einspannten. Bis sich die Bilder schließlich emanzipierten, um die Kunst neu zu definieren.

"Die Fotografie veränderte die Beschaffenheit der Kunst"

Es ist wie die Chronik eines jungen Liebespaars, dem es gelingt, Seite an Seite erwachsen zu werden. Die Tatsache, dass sich das Foto reproduzieren ließ, stellte die Aura, die dem Original zugeschrieben wurde, in Frage. "Die Fotografie reflektierte eine sehr persönliche Form der Auffassung", erklärt Marcoci, "und veränderte mit dem Modell der Verbreitung die Beschaffenheit der Kunst."

Der Franzose Eugène Atget studierte Anfang des 20. Jahrhunderts die Skulpturen in den Parks von Paris oder Versailles bis auf das kleinste Detail. Marcel Duchamp schuf Arbeiten, die für die Kamera existierten. Fotografische Meister wie Lee Friedlander oder Henri Cartier-Bresson setzten Denkmäler wie Accessoires ein, um ein Abbild der Gesellschaft zu liefern. Gabriel Orozco arrangierte Katzenfutterdosen auf Melonen. Das Künstlerduo Fischli & Weiss baute Damenpumps zu einem Gebilde zusammen, das es so nur für den Moment der Aufnahme gab. Die Fotografie diente Land-Art-Vertretern wie Robert Smithson. Und Künstler wie Hannah Wilke, Yayoi Kusama oder Erwin Wurm erklärten den Körper zur ablichtungswürdigen Skulptur.

Die Tatsache, dass Roxana Marcoci die Geschichte der beiden Medien nicht brav chronologisch erzählt, macht aus der Ausstellung eine Entdeckungsreise. "Die Fotografie ist nicht auf die Rolle des Kopisten beschränkt", hatte Man Ray 1926 geschrieben. "Sie erforscht auf wunderbare Weise die Aspekte, die unsere Netzhaut nicht aufnimmt."

"The Original Copy: Photography of Sculpture, 1839 to Today"

Termine: bis 1. November 2010, Museum of Modern Art, New York. Danach: 25. Februar bis 15. Mai 2011, Kunsthaus Zürich. Der Katalog kostet 55 Dollar. Die deutsche Ausgabe "FotoSkulptur" erscheint im Hatje Cantz Verlag und kostet 39,80 Euro.
http://www.moma.org/visit/calendar/exhibitions/970

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