Edvard Munch - Rotterdam

Der Schrei, der keiner ist

Fingerspitzengefühl und gute Kontakte machten sie möglich: eine große Schau des norwegischen Malers Edvard Munch in der Rotterdamer Kunsthal mit Werken aus Privatbesitz.

Bei Edvard Munch denkt jeder unwillkürlich an den "Schrei" – kaum ein anderer Maler wird so auf ein Gemälde reduziert wie dieser große Vorläufer des Expressionismus (1863 bis 1944) aus Norwegen. Wobei sein berühmtestes Werk in der Regel auch noch völlig falsch interpretiert wird. Denn nicht die darauf dargestellte Person schreit: "Die hält sich ja die Ohren zu!", stellt Charlotte von Lingen klar. "Vielmehr geht das Bild geht auf einen Sonnenuntergang zurück, den der Künstler so intensiv erlebte, dass die Natur zu schreien zu beginnen schien."

Die niederländische Kuratorin ist verantwortlich für die große Munch-Retrospektive in der Rotterdamer Kunsthal, mit der das Bild des Künstlers korrigiert werden soll. Sie entstand in Zusammenarbeit mit der Pariser Pinakothek, wo sie bis Mitte Juli zu sehen war. Es ist die erste Munch-Schau, die ausschließlich mit Leihgaben aus Privatbesitz aufwarten kann, sprich: von denen sich Munch, der oft über Jahrzehnte hinweg an einem Bild arbeitete, noch zu Lebzeiten getrennt hatte, da er sie als vollendet betrachtete.

Nun haben sich Leihgeber aus aller Welt vorübergehend von ihnen getrennt – und dafür musste der Wiener Co-Kurator und Munch-Kenner Dietrich Buchhart mit Fingerspitzengefühl alle guten Kontakte geltend machen.
Die rund 150 chronologisch angeordneten Gemälde und grafischen Arbeiten, die er zusammenbringen konnten, bestechen durch Qualität und Bandbreite: Zu sehen sind neben den Landschaftsbildern auch zahlreiche Porträts, die Munch als gefeierter Maler vor allem an seinem Lebensende als Auftragsarbeiten anfertigte – und zwar immer doppelt. So sehr hasste er es, sich von Werken zu trennen. Auch wird deutlich, wie besessen er von bestimmten Themen war. Neben dem bekannten Motiv der femme fatale auch von dem des kranken Kindes: Immer wieder hat er sich damit auseinandergesetzt – eine Reaktion auf den frühen Tod seiner älteren Schwester, der ihn Zeit seines Lebens nicht mehr losgelassen hat.

Auch die Experimentierfreudigkeit Munchs wird mit dieser Retrospektive dokumentiert. Berühmt-berüchtigt sind die so genannten Rosskuren, denen bestimmte Werke ausgesetzt wurden: Der Maler ließ sie wochen- oder sogar monatelang im Freien stehen, egal, ob es regnete, schneite oder die Sonne darauf brannte. Damit erzielte er Fresco-Effekte wie etwa auf dem Porträt "Puberté", das seine gestorbenen Schwester zeigt.

In den beengten und dunklen Räumen der Pariser Pinakothek allerdings kamen die Werke kaum zur Geltung. Man musste schon ein großer Munch-Fan sein, um sich in diesem Labyrinth aus Treppen und kleinen Sälen seinen Weg zu suchen – und das mit einem Katalog, der nicht nur viel zu schwer ausgefallen, sondern auch noch unübersichtlich ist. Dass die Schau jetzt in den großen, lichtdurchfluteten Sälen der Rotterdamer Kunsthal von Rem Koolhaas zu sehen ist, kommt einer Befreiung gleich.

"Edvard Munch"

Termin: bis 20. Februar 2011, Kunsthalle Rotterdam
http://www.kunsthal.nl/22-646-Edvard_Munch.html