Liverpool Biennale - England

Politik mit Poesie

Die Liverpool Biennale ist die größe Veranstaltung für zeitgenössische Kunst in Großbritannien. art war vor Ort – und präsentiert die Höhepunkte der ehrgeizigen internationalen Schau.

Die roten und schwarzen Wölfe sind allgegenwärtig in der Stadt. An unerwarteten Stellen tauchen sie auf, an Straßenecken und am Eingang von Gebäuden, in Höfen und an Hauswänden. Und natürlich auf den Plakaten der Biennale. Sie fletschen die Zähne, fast glaubt man, sie heulen zu hören.

Was die blutrünstigen Tiere mit dem Motto der Kunstschau in der ehemaligen Hafenstadt Liverpool zu tun haben, wird nicht so ganz ersichtlich. "Touched" will nicht etwa, wie der Titel suggerieren könnte, Kunst zum Anfassen zeigen, sondern Kunst, die den Betrachter direkt berührt – seinen Verstand, seine Gefühle, seine Magengrube. Ein etwas vages, ja überflüssiges Konzept, tut doch jede ernstzunehmende Kunst genau das. Und es gelingt ihm nicht so ganz, aus den vielen Ausstellungsorten und den mehr als 70 teilnehmenden Künstlern – einen Briten sucht man unter ihnen vergeblich – eine Einheit zu schmieden.

Trotzdem lässt sich so einiges entdecken. Etwa in der Tate Liverpool, wo der scheidende Chefkustos Peter Gorschlüter, der neue Direktor des Frankfurter Museum für Moderne Kunst, eine poetische Schau zusammengestellt hat, die neu in Auftrag gegebene Arbeiten ganz junger Künstler mit Werken von Altmeistern kontrastiert, denen man sich mehr emotional als intellektuell nähern soll, wie Magdalena Abakanowiczs vor 30 Jahren in Venedig zum ersten Mal gezeigte raumfüllende Installation "Embryology", deren grob zusammengenähte Leinensäcke wie Kokons, aus denen bald Larven schlüpfen werden, auf dem Boden liegen, die gestische Malerei des Wiener Aktionisten Otto Mühl und eine Skulptur von Franz West, die sich wie eine aus einer Tube austretende Farbschlange durch den Raum windet – das einzige Werk, das den Titel der Schau ganz wörtlich nimmt, denn West möchte, dass der Besucher sie anfasst, mit ihr Kontakt aufnimmt.

Skulptur und Performance werden eins

Die Jüngeren haben es nicht leicht, sich gegen die Wucht dieser Arbeiten zu behaupten. Sie tun es mit Poesie. Nina Canells zerbrechliche Gebilde haben Wasser zum Thema, Isabel und Alfredo Aquilizan haben aus Pappkartons mehrere Miniaturstädte gebaut, zwischen denen Papierboote schwimmen, und die Tschechin Eva Kot’átková erweckt für ihr Projekt "Stories from the Living Room" die Geschichten von Bürgern der Stadt, Kinder und Erwachsene, zum Leben.

Zwei der Arbeiten sind auf die ständige Anwesenheit ihrer Schöpfer während der zehnwöchigen Ausstellungsdauer angewiesen. Der Belgier Wannes Goetschalckx hat sich selbst in einen hölzernen Kubus eingesperrt, wo er wie aufgezogen kleinere Kuben hin und herschiebt, übereinanderstapelt, auf den Kopf stellt, von den Besuchern durch ein Guckfenster beobachtet. Die New Yorkerin Jamie Isenstein lässt sich in ihrer Arbeit "Empire of Fire" nur gelegentlich blicken. Sie hat Möbel und Nippes eines altmodischen Zimmers in die Mitte des Raums geschoben, überall züngeln kleine Flammen heraus, in diesem ewig brennenden Ensemble hat die Künstlerin sich eingeschlossen. Skulptur und Performance werden hier eins.

Masochistische Flagellanten neben Orgien

Ähnlich poetisch geht es in einem leerstehenden früheren Baumarkt zu. Dort zeigt Kurator Lorenzo Fusi in heruntergekommenen Räumen auf drei Stockwerken unter anderem eine atmosphärische Malereischau. Die traurigen verlassenen Lagerstätten und Abfallhaufen des Leipzigers Tim Eitel hängen neben den menschenleeren Stadtansichten von Zbynek Sedlezky, Markus Schinwalds masochistische Flagellanten neben den Orgien von Csaba Kis Roka. "The Human Stain", so nennt Fusi seine Schau, ist eine äußerst unbehagliche Reise in menschliche Abgründe.

Daneben hat sich Fusi hauptsächlich Installationen und Performances ausgesucht. Die Kubanerin Tania Bruguera stellt mit einigen ihrer Schüler legendäre Performances von Allan Kaprow aus den sechziger Jahren nach, in Lee Mingweis "Mending Project" repariert der Künstler kaputte Kleidungsstücke von Besuchern, Daniel Knorr steckt leichtbekleidete Jugendliche in eines der Schaufenster, ihre nackte Haut hat er mit Werbesprüchen wie "Probably the Best Lager in the World" beschriftet, und Alfredo Jaar hat eine "Marx Lounge" gebaut, mit roten Wänden und schwarzen Sofas, auf einem Tisch linke Literatur zum Lesen.

Liverpool zeigt mit seiner Biennale, dass auch eine Stadt, deren Kultur normalerweise zur zweiten Garnitur gerechnet wird, erfolgreich eine ehrgeizige internationale Schau auf die Beine stellen kann. Vor zwei Jahren kamen fast eine Million Besucher, damals war sie allerdings Europäische Kulturhauptstadt. Ob es in diesem Jahr auch so viele sein werden, bleibt abzuwarten.

"Liverpool Biennial"

Termin: bis 28. November, Liverpool, Großbritanien
http://www.biennial.com/