The Last Newspaper - New York

Rohstoff Nachrichten

Welche Nachrichten bewegen Künstler und Journalisten? Dieser Frage geht die Ausstellung "The Last Newspaper" nach. Sie zeigt, wie Quellenmaterial ausgeschlachtet und ausgewertet wird und welche Nachrichten in neuen Formen rekonstruiert werden, um sie einem Publikum vorzuführen und damit Tatsachen zu schaffen.

Bereits im Fahrstuhl geht es los mit dem Dilemma. "Nichts ist neu an alten Nachrichten", trägt Karl Holmqvist mit monotoner Stimme vor. "The Last Newspaper" heißt die aktuelle Ausstellung im New Museum auf der Bowery von Downtown Manhattan. Natürlich denkt man sofort an die große Krise. Daran, dass Zeitschriften und Zeitungen dank Online-Nachrichten, Facebook, Twitter und iPad-Sensation in Bedrängnis geraten sind. Doch der Titel führt in die falsche Richtung. Um Krisen geht es hier nicht.

Vielmehr werkeln Projektgruppen, die sich im dritten Stock des Museums einquartiert haben, der neuen Realität zum Trotz altmodisch an zwei Zeitungen herum, die sie in regelmäßigen Abständen bis zum 9. Januar herausbringen werden. "Das Herz der Ausstellung" nennt Chefkurator Richard Flood die Etage. Die Besucher sind eingeladen, sich mit Themenvorschlägen oder Beiträgen zu beteiligen. Womit das New Museum zu seinen Wurzeln zurückkehrt, Ausstellungsräume nicht nur für die Kunst an sich, sondern als Plattform zum Austausch von Ideen zu nutzen.

Der Einsatz von Nachrichten als Material in der Kunst sei so selbstverständlich wie der Gebrauch von Ölfarbe, so Flood. Es geht in "The Last Newspaper" darum, welche Nachrichten Künstler bewegen, was sie mit dem Rohstoff heute und in der Vergangenheit ausgestellt haben. Wie sie das Quellenmaterial vereinnahmen, ausschlachten, auswerten oder recyceln und welche Nachrichten, ob nun von Journalisten oder von Künstlern, auserwählt und in neuen Formen rekonstruiert werden, um sie einem Publikum vorzuführen und damit Tatsachen zu schaffen.

Gesichtlose Mannequins in Kleidern aus Nachrichtenfetzen

Wolfgang Tillmans versucht mit seinem "Truth Study Center" und seiner Auswahl von Zeitungsausschnitten, Postkarten, Fotos oder Bildern aus Broschüren, die er in simplen Glasvitrinen präsentiert, genau dieser Frage auf den Grund zu gehen. Emily Jacir produziert ihre eigenen Realitäten, wenn sie in der New Yorker "Village Voice" Kontaktanzeigen von Palästinenserinnen schalten lässt, die einen Partner "für stille Abendessen, lange Spaziergänge und die Rückkehr nach Israel" suchen. Thomas Hirschhorn hüllt gesichtslose Mannequins in Kleider aus Nachrichtenfetzen. Der New Yorker Architekt Jeffrey Inaba hat gemeinsam mit dem C-Lab der Columbia University ein Programm entwickelt, das die Voraussagen und die Wetterlage sowie die wirtschaftlichen Auswirkungen des großen Tageszeitungsthemas Wetter in 24 U.S.-Städten analysiert. Die aktuellen Daten flimmern wie die Börsenkurse über die Bildschirme.

Eine der ältesten Arbeiten ist von 1967 und stammt von dem 2007 verstorbenen italienischen Objektkünstler Luciano Fabro. In Anlehnung an die Putzmethode, einen Boden mit alten Zeitungen zu wienern, wird der frisch gewischte Museumsboden jeden Tag mit einem Teppich aus Zeitungen vom Vortag ausgelegt. Die jüngste Arbeit steuert der New Yorker Künstler Nate Lowman bei. Er pflasterte die Wand mit Siebdrucken und Collagen von Zeitungsausschnitten oder -bildern, die ihn in irgendeiner Weise bewegt haben und die er jede Woche aktualisieren und neu installieren wird. Ob Chelsea Clintons Hochzeitsfoto, Berichte über die Truppen in Afghanistan oder Meldungen, in denen die "New York Times" ihre eigene Berichterstattung korrigieren musste.

Konsumieren und mitgestalten

William Pope. L ist er einzige Künstler, der sich der Medienkrise annimmt. Der New Yorker wird eine seiner Performances von einer Gruppe von zehn Leuten wieder aufführen lassen. Sie verschlingen mit grinsenden Barack-Obama-Masken verkleidet das gute alte "Wall-Street-Journal". "Es sind Geister, immer wortlos, erschöpft, aber unermüdlich", so der Künstler über seine Darsteller. "Sie stehen dafür, dass etwas zu Ende geht und dass etwas Neues beginnt." Wenn sie nicht für die Performance eingesetzt werden, hängen die Obama-Masken schlapp an Kleiderhaken neben einem Haufen gebündelter Zeitungen.

Immerhin ist das New Museum mit der Einbeziehung der Besucher auf der richtigen Spur. Bei dem internationalen Zeitungskongress zum Thema Krise, der zur Zeit der Ausstellungseröffnung in Hamburg stattgefunden hatte, kam man zu dem Ergebnis, dass Journalisten gefordert sind, nicht nur Sendungs-, sondern auch Empfangsbewusstsein zu haben. Der heutige Leser will nicht nur konsumieren. Er will mitgestalten.

The Last Newspaper

New Museum, New York, bis 9. Januar 2011
http://www.newmuseum.org/exhibitions/428/