Milica Tomic - Porträt

So schön, so politisch

Wenn sie nicht gerade mit einer Kalaschnikov durch die Belgrader Innenstadt spaziert, unterrichtet Milica Tomic an Kunsthochschulen in Helsinki, Rotterdam oder Wien. Neben Marina Abramovic gehört sie zu den bekanntesten Kunstexporten ihrer Heimat Serbien. Für art traf Danja Antonovic die Künstlerin beim Frisör in Belgrad.

Groß, schlank, langbeinig, langes blondes Haar, klassische Gesichtszüge; Wenn Milica Tomic Belgrads Straßen durchschreitet, ist diese Frau nicht zu übersehen. Vor allem nicht, wenn sie mit einer Kalaschnikow in der Hand durch die Innenstadt schlendert. Doch sie wird ignoriert. Im Gewusel der Knez-Mihajlova-Straße, dem Ku-Damm von Belgrad, dort wo Versace und Vuitton-Taschen Kinos und Buchhandlungen verdrängt haben, bleibt sie unbemerkt

Zwei Monate lang durchstreift Milica Tomic ohne jede Aufregung die Stadt Belgrad, während sie in der einen Hand ein Gewehr und in der anderen eine weiße Plastiktüte trägt. Auf ihrem Weg besucht sie Orte, an denen im Zweiten Weltkrieg die jugoslawischen Widerstandskämpfer sich gegen die deutsche Besatzung aufbäumten. Leger überspielt sie das Misstrauen den Waffen gegenüber und schafft es, den gefährlichen Gegenstand im öffentlichen Raum zu platzieren, ohne seine Macht spürbar zu machen. "In einem Land, das waffenbesessen ist, und in dem das Gewehr zur verlängerten Männlichkeit gehört, ist das nicht normal", sagt Milica, als wir uns treffen.

Ihre Aktion, "One day", die als Videoinstallation und auf Fotos festgehalten wird, trägt den Titel eines Gedichts von Oskar Davico, dem ehemaligen Partisanendichter: "Eines Tages, statt in einer Nacht, wird das Gewehrfeuer das Licht sein, das nicht anders kommen kann." Das Foto mit der Kalaschnikow in der Hand ist das offizielle Plakat der New Yorker Ausstellung "Serbia – Frequently Asked Questions", einer gemeinsamen Ausstellung serbischer Künstler.

Das Interview entpuppt sich als ein Unterfangen mit Hindernissen

Die Verabredung zum Interview entpuppt sich als ein Unterfangen mit Hindernissen: Milica Tomic ist schwer zu fassen. Heute unterrichtet sie Studenten an Kunsthochschulen in Helsinki, Rotterdam oder Wien, dazwischen stehen Ausstellungen in Belgrad, Dortmund, Kopenhagen, Venedig und New York. Tomic, Jahrgang 1960, hat an der Belgrader Kunstakademie Malerei studiert, seit 1995 arbeitet sie vorwiegend als Performerin, Videokünstlerin, Fotografin und Filmemacherin. Auf der "Artfacts"-Liste steht sie an der 660. Stelle, nach Marina Abramovic (42.Platz), die einzige international bekannte serbische Künstlerin. Ihre Arbeiten waren von Amsterdam bis Australien zu sehen, die meisten Ausstellungsorte liegen in Deutschland und Österreich. Dort ist sie bekannter als in Serbien: nach 22 Jahren widmete ihr das serbische Museum für Gegenwartskunst in Belgrad eine Einzelausstellung.

Espresso schlürfen, während die nassen Haare über die Frisörschürze tropfen

Endlich treffen wir uns. Morgens um neun, beim Frisör. Das Interview führen wir im Schatten der dicken Platane, im Cafe nebenan. Espresso schlürfen, während die nassen Haare über die Frisörschürze tropfen und neugierige Blicke die blondwerdenden Strähnchen beäugen. Das Gespräch wird zum Plausch, wir zählen Länder, in denen sie ausgestellt hat. Wo war sie noch nicht? "Ich glaube, Afrika ist noch nicht dran gewesen."

Politische Gewalt, Nationalität und Identität, Spannungen zwischen persönlicher Erfahrung und medial konstruierten Bildern, das sind ihre Themen: "Jede Arbeit hat einen politischen Aspekt, die Frage ist nur, ob der Künstler das fühlt. Ich kann nicht anders, als alles, was ich sehe kritisch umzusetzen."

Beim Projekt "One day" geht es um den Versuch, das öffentliche Interesse an längst verschollenen Erinnerungen wieder zu wecken. "Der antifaschistische Kampf ist aus dem Bewusstsein der Serben verschwunden, nichts kennzeichnet die historischen Orte an denen Widerstand geleistet wurde. Stattdessen machen sich neue Formen des Faschismus breit, und weil er in Gesetze und bürokratische Vorgänge eingebaut ist, bemerken wir ihn schwer", sagt Tomic.

"Ich kann nicht anders, als alles was ich sehe kritisch umzusetzen"

In der Belgrader Ausstellung, die gerade zu Ende ging, wurde ihr Projekt "Vier Gesichter des Lagers Omarska" vorgestellt. Das Foto vom Konzentrationslager Omarska hatte in den Balkankriegen die Welt aufgerüttelt: Gefangene, bis zu Skeletten abgemagert, die sich mit klammen Fingern an den Drahtzäunen festhalten. Nach der Veröffentlichung und nach 700 Toten wurde der Lager geschlossen. Zusammen mit Studenten aus Bosnien und Serbien untersucht und dokumentiert Tomic das Leben eines Ortes, der mehrere Gesichter hat: Omarska, in den achtziger Jahren ein Bergwerk, das vielen Menschen Arbeit gab, Omarska, ein Lager, das vielen Menschen den Tod brachte. Omarska, wieder ein Bergwerk, das nun einem der reichsten Menschen dieser Welt, Lakshmi Mittal, gehört, und schließlich Omarska als ehemaliger Ort des Krieges, an dem jetzt serbische Kriegsfilme gedreht werden.

"Es ist nicht leicht, so schön und so politisch zu sein", schreibt die Kulturmanagerin Borka Pavicevic zur Belgrader Ausstellung von Milica Tomic. Die Belgrader Zeitung "Politika" nennt sie eine "rebellische Künstlerin und eine künstlerische Rebellin" und die antwortet: "Bei jeder Rebellion entstehen Wunden". Ihre Wunden sind in der Videoarbeit "Ich bin Milica Tomic" (1999) eindrucksvoll zu sehen: gezeigt wird eine feenhaft wirkende Frau im kurzen weißen Hemdchen, der lange blonde Zopf reicht bis zur Hüfte. Sie dreht sich um sich selbst und sagt in allen Sprachen dieser Welt "Ich bin Milica Tomic". Nach jeder Drehung entstehen blutige Wunden, am Ende ist die jungfräuliche Figur ein blutender Körper, mit Wunden übersät. Ihre Botschaft "Ich bin du und trage deine Verletzungen" ist heute noch aktuell.

"Serbia - Frequently Asked Questions"

Termin: bis 11. Januar 2011 im Austrian Cultural Forum in New York
http://www.acfny.org/