Manifesta 8 - Murcia-Südspanien

Weckruf für Südspanien

Die Manifesta entstaubt Murcia, bespielt unorthodoxe Ausstellungsräume und rettet dem Abriss geweihte Gebäude. Dass gleich drei Kuratorenteams mit der Künstlerauswahl betraut wurden, sorgte jedoch nicht unbedingt für mehr Übersicht im Diskursdschungel.

Die Manifesta rettet Räume und stößt verschlossene Türen auf. Mit Vorliebe werfen sich die Kuratoren der europäischen Wander-Biennale auf Orte im Dornröschenschlaf, von Geschichte angefressen, voll rauem, staubigem Charm. Auch an den zwei Austragungsorten der Manifesta 8 in der südspanischen Region Murcia sind sie fündig geworden. In der Hafenstadt Cartagena bespielen sie ein leerstehendes Gefängnis, in der Hauptstadt Murcia haben sie zwei verlassene Kasernenriegel in Beschlag genommen und außerdem das ehemalige Hauptpostamt der Stadt wieder aufgesperrt. Dem Gebäude drohte bereits der Abriss; nun soll es erhalten bleiben.

Beim Rundgang durch Post und Kaserne fällt der Blick vereinzelt auf verwahrloste Büroräume, im Gefängnis steht man
unversehens im tristen, alten Kraftraum. Zweifellos sorgen solche Vintage-Locations für ordentlichen atmosphärischen
Mehrwert. Zugleich unterstreichen sie aber, wie sehr den meisten Manifesta-Werken fehlt, was manche Räume gratis
abgeben: suggestive Kraft, Zauber, attraction. Womöglich ist der Biennale nicht gut bekommen, was Hedwig Fijen, die Direktorin der holländischen Manifesta-Stiftung, vorab als Sonderleistung der diesjährigen Schau hinstellte, die "Explosion kollektiven Kuratorenwesens". Gleich drei Teams waren mit der Künstler-Auswahl betraut, und jedes einzelne machte die eigene kollektive Anstrengung gleich selbst zum Thema. Im zentralen Patio des Postamtes breitet sich das vom Alexandria Contemporary Arts Forum kuratierte Projekt Backbench aus: Auf fünf großen Flachbildschirmen werden Diskussionen dargeboten, die die vier Künstlerkollektive während eines dreitägigen Brainstormings über das Betriebssystem Kunst führten.

Auch das Kuratorenteam Chamber of Public Secrets stellt mithilfe mehrerer Monitore eigene Vorbereitungs-Konferenzen unter dem Titel "Berlin Series" und "Nottingham Series" aus. Und das dritte Kollektiv tranzit.org dokumentiert an prominenter Stelle seine "Verfassung für eine Ausstellung" mit 44 "einleitenden Fragen", darunter zum Beispiel "Soll man sich im Ausstellungsraum ungewöhnlich verhalten dürfen?", "Wie gehen wir mit dem Budget um?" oder "Was ist unser Konzept von Öffnungszeiten?" Die Nachbemerkung hält fest, dass die Verfassung aufgrund von Uneinigkeit schließlich nicht zustande kam. Stattdessen wurde entschieden, "diese Leerstelle zu einem Bestandteil und Kriterium der Ausstellung zu machen".

Kollektive tendieren naturgemäß zu gedanklicher Überproduktion. Die Manifesta scheint gezeichnet von deren Nebenwirkungen.Viele Künstler stellen ausfransende, prozessurale Arbeiten aus, die Unmengen von Material auftürmen, ohne es in eine schlüssige Form zu bringen. Inmitten von Michael Takeo Magruders meta-enzyklopädischem Multimedia-Werk "(in)Remembrance (11-M)" über die Madrider Terroranschläge vom März 2004 findet sich zum Beispiel ein Tisch mit zwei gut gefüllten Leitz-Ordnern und dem durchaus ernst gemeinten Hinweis: "Bitte studieren Sie das vorliegende Material." Das Kollektiv Brumaria zeigt in zwei Gefängniszellen eine Art Nachrichten-Video-Bombardement zum Thema Gewalt und legt zusätzlich einen ausführlichen Reader mit lauter gelehrten Textstellen über "Expanded Violence" zum Mitnehmen vor. Catarina Simão dokumentiert an verschiedenen Bildschirmen, in Ordnern und via Foto-Text-Wänden die Bestände des mozambikanischen Filmarchivs. Einen künstlerischen Fokus lässt ihre Arbeit nicht erkennen.

Zurück in den Diskursdschungel

An der gleichen Schwäche kranken die meisten Projekte sozial arbeitender Künstler. Mehrere Beiträge entstanden in Kooperation mit Strafgefangenen. Auch Murcias Blinden-Vereinigung wurde in ein Kollektiv-Projekt eingebunden. Und The Action Mill (noch ein Kollektiv) entwickelte in Workshops mit Bürgervereinen eine Art Selbsthilfe-Kit für Krisenfrustrierte. Die Initiativen zeugen allesamt von aufrichtigem Engagement. Doch jenseits der Sozialarbeit geht ihre künstlerische Relevanz gegen Null.

Nach einer zweitägigen Tour entlang der insgesamt 14 Manifesta-Spielstätten bekommt man leicht das Gefühl, vom unkontrollierten Text-, Diskurs-, Theorie- und Konzept-Gemenge langsam zu Boden gedrückt zu werden, wie im Unterholz von einem immer dichter werdenden Dornengestrüpp. Über diesem Eindruck vergisst man fast die Lichtblicke. Und die gibt es zweifellos, etwa die Arbeiten von Willie Doherty ("Segura"), Stefanos Tsivopoulos ("Amnesialand") oder Laurent Grasso ("The Batteria Project"), drei filmische Erkundungen über Topografie und Geschichte der Region Murcia. Insbesondere die kommentarlosen Werke von Grasso und Doherty erlebt man wie eine wohlverdiente, meditative Pause. Danach muss man dann wieder – immerhin leicht gestärkt – zurück in den Diskursdschungel.

"Manifesta 8"

An 14 Orten der spanischen Städte Murcia und Cartagena, bis zum 9.1. 2011.

http://www.manifesta.org