Michelangelo - Wien

Was dem Feuer entging

120 Blätter des italienischen Renaissancemalers – von der flüchtigen Skizze bis zum bildmäßigen Präsentationsblatt – sind noch bis Januar in der Wiener Albertina zu sehen. Unsicher ist abermals, wie viele der Zeichnungen tatsächlich eigenhändige Originale des Meisters sind. Eigentlich aber wäre es Michelangelo ohnehin lieber gewesen, keine einzige hätte die Zeiten überdauert.

Offenkundig wollte Michelangelo Buonarroti (1475 bis 1564) zwar als Bildhauer, als Maler und als Baumeister in die Geschichte eingehen, nicht aber als Zeichner: Zeitgenossen beklagten, noch kurz vor seinem Tod habe der greise Meister in zwei Schüben alle Papiere verbrannt. Wie viele Werke auf welche Weise diesen und frühe­ren Vernichtungsaktionen entgangen sein könnten, gehört zu den großen Streitthemen der Renaissanceforschung.

Selbst wenn die rund 600 figürlichen Zeichnungsblätter, die in den umfänglichsten Werkverzeichnissen enthalten sind, tatsächlich alle eigenhändig sein sollten, sie wären nur ein Bruchteil dessen, was der so langlebige wie eifrige Michelangelo zu Papier gebracht haben muss; etliche Forscher gehen von einer noch weit spärlicheren Überlieferung aus. Entsprechend unsicher ist die Grundlage für die Maßstäbe, anhand derer echte Michelangelos von Arbeiten seiner Kopisten, Nachahmer, Schüler und Kollegen wie Benvenuto Cellini oder Daniele da Volterra geschieden werden können. Achim Gnann, Italiener-Kustos der Wiener Albertina, schlägt sich auf die Seite der Zuschreibungs-Optimisten. Das ist
einerseits unumgänglich, wenn man eine Ausstellung mit rund 120 Michelangelo-Blättern plant – nach Gnanns Auffassung rund ein Sechstel des Gesamtbestands, für den Spezialisten Alexander Perrig dagegen mehr als das Doppelte aller überlieferten Originale.

Andererseits weiß der Museumsmann seine Meinung im Katalog selbstsicher und zumindest bedenkenswert zu begründen, sowohl aus dem Detailstudium der Originale wie auch aus deren sehr unterschiedlichen Entstehungsgeschichten und Zwecken von der flüchtigen Skizze bis zum bildmäßigen Präsentationsblatt. Ob Perrigs skeptisch bohrender Blick auf die zeichnerische Handschrift zur Wahrheit führt oder ob dieses Verfahren, wie Gnann nahelegt, dem Meister zu wenig Wandlungsfähigkeit zuerkennt, muss in vielen Fällen letztlich Glaubenssache bleiben.

Bei allem Zwist und Zweifel, der hier nicht ausbleiben kann: Auf höchste Qualität lässt diese Schau allemal hoffen. Was ein Haus wie die Albertina unter dem Namen Michelangelo ausstellt, muss sehenswert sein – auch wenn der eine oder andere Cellini darunter sein sollte.

"Zeichnungen eines Genies"

Termin: bis 9. Januar 2011 in der Albertina in Wien
http://www.albertina.at