Rodney Graham - Interview

Mein spätes Frühwerk

Der Kanadier Rodney Graham, geboren 1949, ist ein Chamäleon der Konzeptkunst. Mitte der 70er Jahre begann er in Fotoserien, Camera-Obscura-Installationen und nächtlichen Natur-Lightshows Blick und Bild grundsätzlich zu untersuchen. In den 80er Jahren arbeitete er mit Literatur, brachte manipulierte Editionen von Poe oder Freud heraus und steckte Klassiker in Schuber, die minimalistischen Skulpturen glichen. In den 90er Jahren kamen Filmarbeiten hinzu, dann große Foto-Leuchtkästen, oft starring Rodney Graham. Zuletzt adaptierte er sogar die abstrakte Malerei. Die Hamburger Kunsthalle widmet dem ebenso selbstironischen wie skrupulösen Künstler jetzt eine große Retrospektive.

Sie sind ein bekannter Konzeptkünstler. Plötzlich haben Sie mit dem Malen begonnen. Warum?

Ich war auf der Suche nach einem, nun ja, etwas direkteren Zugang zur Kunst. Hinzu kam, dass es im Studio oft Wartezeiten gab – manche Produktionsschritte in der Konzeptkunst erledigen ja Maschinen oder andere Menschen. In diesen Zeiten fing ich an zu malen. Zunächst glaubte ich noch, dass ich parallel weiter über "ernstere" Projekte nachdenken könnte. Das war natürlich ein Irrtum. Die Malerei wurde bald zu einer Art Obsession.

Haben Sie denn in Ihren Anfangstagen nie gemalt?

Nein, ich bin aus dem Literatur- und Kunstgeschichts-Studium direkt in die Konzeptkunst gewechselt – anders als meine damaligen Künstlerfreunde Jeff Wall oder Ian Wallace. Die hatten vorher an der Kunsthochschule gemalt und diese Phase bereits hinter sich gelassen. Womöglich empfinde ich deshalb so etwas wie Sehnsucht nach einer Zeit, die ich nie miterlebt habe. Außerdem weiß ich die abstrakte Malerei der klassischen Moderne erst seit kurzem wirklich zu schätzen, ihren Gestus... Naja, besser spät als nie.

Aber bei ihrem Ruf und nach all den Jahren: Wie fühlt sich das an, zu malen?

Zunächst einmal nimmt es einen ganz schön in Anspruch. Die Ergebnisse entsprechen nicht immer meinen Erwartungen. Und mir war natürlich klar, dass man mich einen Dilettanten nennen würde. Andererseits hatte ich den aufrichtigen Wunsch, etwas über Malerei zu lernen und dachte: Das muss erstmal reichen. Ich habe keinerlei Unterricht genommen, sondern einfach herumexperimentiert, Schritt für Schritt. Wahrscheinlich hat diese ganze Herangehensweise auch eine ironische Komponente – dann aber, weil mein Charakter und meine Position grundsätzlich ironisch sind. Jedenfalls wollte ich mich nicht über Malerei lustig machen.

"Die Ergebnisse entsprechen nicht immer meinen Erwartungen. Und mir war natürlich klar, dass man mich einen Dilettanten nennen würde."

Aber Ölbildserien mit Titeln wie "Picasso, mein Meister" oder "Mein spätes Frühwerk" erinnern doch stark an die Appropriation Art, an die bewusste Adaption existierender Vorlagen.

Ja, diese ironischen Titel... Aber die kamen eigentlich erst ganz zum Schluss. Außerdem orientiere ich mich eher nur generell an den Pariser Abstrakten der Nachkriegszeit. Für ein echtes Pastiche fehlt mir schon das technische Können. Nein, glauben Sie mir: Die Malerei war für mich ein einfacher Lernprozess, keine konzeptuelle Aufgabe.

Sie wollten der Konzeptkunst ja schon einmal entkommen. 1994 haben Sie eine doppelte Dosis Schlaftabletten genommen und sich für "Halcion Sleep" auf der Rückbank eines fahrenden Autos gefilmt, schlafend. Müssen Sie den Verstand ausschalten, um über den eigenen Schatten springen zu können?

Eine interessante Auslegung von"Halcion Sleep". Aber stimmt, damals suchte ich nach einer neuen Richtung, und der Film brachte mich weiter. Das ist ja das Wunderbare an der Kunst: diese Freiheit zum Experiment, zum Richtungswechsel. In anderen Branchen wäre das komplett unmöglich. Man riskiert zwar, als Stümper beschimpft zu werden. Aber im Grunde darf man alles versuchen. Das ist natürlich auch der Konzeptkunst zu verdanken. Sie hat den Horizont dessen, was Kunst sein kann, erheblich erweitert.

"Natürlich träume auch ich von so etwas wie der Schöpfung aus dem Nichts, von Werken, die nicht auf der Arbeit anderer Künstler beruhen."

Ein Schlüsselwerk Ihrer letzten Jahre ist das Foto-Tryptichon "Der begabte Amateur", in dem Sie selbst einen gebildeten Freizeitmaler geben, der – scheinbar ganz spontan – die Kopie eines Morris-Louis-Gemäldes schafft. Ist Originalität nur die Vorspiegelung falscher Tatsachen?

Natürlich träume auch ich von so etwas wie der Schöpfung aus dem Nichts, von Werken, die nicht auf der Arbeit anderer Künstler beruhen. Malerei kann einem diesen Eindruck vermitteln, vor allem wenn man komplett darin aufgeht und plötzlich alles umher vergisst. Ich glaube, die Malerei hat mich ein bisschen vom Kontext befreit. Wenn die Bilder am Ende doch wieder aussehen wie nachgemalt, dann liegt das eben am erdrückenden Gewicht des hergebrachten künstlerischen Vokabulars, an dem ich verdammt nochmal nicht vorbeikomme. Ich habe versucht, jede Art von Einfluss abzuschütteln, aber es gelingt mir einfach nicht. Ich mache immer Kunst über andere Kunst. Dabei ist die Welt der Kunst ja eigentlich gar nicht so furchtbar interessant. Schließlich gibt’s da draußen noch die Realität. Aber am Ende zieht mich immer wieder zur Kunstgeschichte, diesen ganz besonderen Kontext-Reichtums wegen.

In Ihren frühen Arbeiten spielt die Natur eine große Rolle. Sie schienen zeigen zu wollen, dass man keinen unschuldigen Blick mehr auf sie werfen kann. Dahinter ist aber der Wunsch zu spüren, es trotzdem zu tun. Da ging es auch schon um den versperrten "direkten" Zugang, nicht wahr?

Ich hatte damals einen eher strukturalistischen Ansatz und wollte das Sehen und Sichtbar-machen genauer betrachten. Es ging auch um den Gegensatz Natur-Kultur und die Einschränkungen, die er mit sich bringt. Aber wahrscheinlich haben Sie recht. Es gab immer auch diese Art nostalgischer Sehnsucht, unmittelbarer mit den Dingen in Kontakt zu treten. Nur merkt man meist, dass das nichts hilft, weil unser Verhältnis zu ihnen immer schon hochgradig kulturell vermittelt ist.

Als Künstler sind sie schon vielseitig genug. Aber gelegentlich treten Sie auch noch als Musiker auf. Sie haben allerdings mal gesagt, Ihr Künstler- und Ihr Musiker-Ich hätten nichts miteinander zu tun. Warum nicht?

Die Art Musik, die ich mache, lässt sich schlecht in die Kunstwelt integrieren, jedenfalls wesentlich schlechter als etwa Minimal Music oder Drone Music. Ich spiele eher Rock’n’Roll beziehungsweise leicht ironisches Singer-Songwriter-Zeug. Das funktioniert weder in einem Museum noch in einer Galerie. Und meine Songs handeln auch nicht von der Kunstwelt. Wie auch immer, ich habe seit gut einem Jahr kein neues Lied mehr geschrieben, also bin ich womöglich als Musiker ohnehin erledigt. Bis jetzt habe ich vier Alben und ein paar EPs gemacht, mehr ist vielleicht nicht drin. Ich glaube, der "Hunger" ist weg. Ich trete nach wie vor gerne auf, aber das Songwriting wird immer schwerer.

Als Künstler haben Sie nach jeder Schaffenskrise wieder mit etwas Neuem angefangen.

Aber das wird auch immer schwieriger. Ich habe mir schon Richtungswechsel verordnet, zur eigenen künstlerischen Neu-Erfindung, die ziemlich gewagt waren. Bin ich wirklich ein Maler? Im Grunde habe ich regelmäßig das Gefühl, mit meiner Arbeit an eine Grenze zu stoßen. Zugegeben: Meistens fällt mir dann doch wieder etwas Neues ein. Aber insgesamt ist keine entspannende Lage.

"Rodney Graham: Through the Forest"

Termin: vom 22. Oktober 2010 bis 30. Januar 2011 in der Kunsthalle Hamburg
http://www.hamburger-kunsthalle.de