Gustave Courbet - Frankfurt

Der Bürger mit dem Haschischpfeifchen

Gustave Courbet gehört zu den faszinierendsten Malern des 19. Jahrhunderts. Durch und durch ein Bourgeois, elegant, wandlungsfähig, engagiert, innovativ – und dabei sehr geschäftstüchtig. Zur großen Schau in Frankfurt: Hans-Joachim Müller über den Künstler als Spezialfall der bürger­lichen Existenzform.
Bürger mit Haschischpfeifchen:Courbet in Frankfurt

Gustave Courbet: "Selbstbildnis als Verzweifelter", 1844-1845, Öl auf Leinwand, 45 x 54 cm

Später wuchs ihm der Bart, und er sah aus wie Karl Marx, als er den "18. Brumaire des Louis Bonaparte" schrieb. Aber selbst dann geriet oben auf dem Schädeldach der Scheitel nie aus der Geraden, teilte das Haupthaar in zwei akkurat pomadisierte Hälften. Auch weiter unten waren Form und Fassung. Den Künstler sah man dem Künstler nie an. Mit Gamaschen, Weste, weißem Hemd ist er zum Maldienst angetreten. Es wird ein schö­ner Tag werden heute im Languedoc.

Feine Schlei­erwolken am Himmel über Montpellier. Auf dem Weg trifft man den Freund und Gönner Alfred Bruyas. "Bonjour, Monsieur Courbet." Beide halten die Hüte in der Linken. Interessiert schaut der Jagdhund zu, wie der Maler mit dem Malgepäck auf dem Rücken das eine Bein vor- und das andere etwas ausstellt und den Wanderstock aufpflanzt, der so spitz ist, dass man mit ihm Vampire pfählen könnte. Das ist von feiner Art, wie er dazu den Kopf in den Nacken legt, dass ihm der Bart wie ein Tablett absteht. Noch schreibt man ja erst das Jahr 1854, und es ist noch eine Weile hin, bis die Hecken um die Wangen zu verwildern beginnen.

Der Künstler als Spezialfall der bürgerlichen Existenzform. Noch braucht sich der Wohlanstand seiner nicht zu schämen. Keiner, der ihm aus dem Weg ginge. Niemand, der die Töchter einsperrte, wenn er zu Besuch kommt. Dass sich der Maler das Haschischpfeifchen ins Gesicht steckt, wenn er sich malt, ist zwar nicht schön, beschädigt aber seine gesellschaftliche Reputation nicht wirklich. Gustave Courbet mag umstritten gewesen sein, aufs Ganze gesehen war er ein Erfolgskünstler mit einer unternehmeri­schen Dynamik, von der ein Nachfahre wie Anselm Reyle mit seiner Berliner Bildfabrik nur träumen kann. Als die Jury einmal ein wenig ungnädig mit ihm verfuhr und ein paar Bilder beanstandete, die er für die Weltausstellung 1855 einreichen wollte, richtete er kurzerhand seinen eigenen Ausstellungspavillon ein, der rasch zum Stadtgespräch wurde. Eine Marktidee, die sich so vielversprechend anließ, dass er sie zwölf Jahre später wiederholte. Mit Hilfe seines treuen Förderers und Gefährten Bruyas ließ er eine temporäre Halle am Rond-Point de l’ Alma bauen, die man über einen Treppenvorbau durch einen mächtigen Thea-tervorhang hindurch betrat, wobei die Haus­beschriftung das Publikum schon von weitem auf die "Exposition Courbet" aufmerksam machte. Und wenn die Zeiten nicht so arglos vordigital gewesen wären, hätte der Maler seine Klientel aus allen Weltteilen über Face­book eingeladen.

Gustave Courbet ging einem rechtschaffenen Beruf nach. Und dass ihm in reiferen Jahren der Bart wuchs, ist kein Zeichen des Klassenverlusts. Der Sohn einer Landbesitzerfamilie in der Franche-Comté hat sich ein auskömmliches Portefeuille in Paris ermalt, und wenn er sich gelegentlich Modell sitzt wie auf dem famos zufriedenen "Selbstbildnis mit schwarzem Hund" des 23-Jährigen von 1842, dann schlägt er am Mantel eine dekorative Ecke um, da-
mit man nur ja auch das teuer gearbeitete Futter sieht. Mit Boheme also wäre der "contrat social" zwischen bourgeoisem Bildermacher und bourgeoiser Kundschaft nicht zureichend beschrieben. Boheme kommt zwei, drei Generationen später, wenn sich die entwickelte Moderne den Künstler nicht mehr anders denn als miserable Passions- und triumphierende Erlöserfigur vorstellen kann. Boheme ist, wenn Vincent van Gogh die abgetragenen Ackerschuhe mit konfessioneller Inbrunst malt. Vorerst trägt der Künstler noch breitkrempige Hüte nach der Mode. Und wenn er sie abzieht, dann trägt er das Haupthaar darunter akurat gescheitelt...

Gekürzte Heftfassung. Lesen Sie die ganze Titelgeschichte über Gustave Courbet in der aktuellen art 11/2010. Ab Freitag am Kiosk!