Jean-Léon Gérôme - Paris

Eigenes Universum

Ein Gladiator steht über seinem besiegten Gegner und blickt zum Imperator hinauf, der sich auf die Geste 'Daumen runter' vorbereitet: Es handelt sich um die Reproduktion des Gemäldes "Pollice verso" von Maler Jean-Léon Gérôme, dass dem Regisseur Ridley Scott als Inspirationsquelle für seinen Film "Gladiator" diente. Das Musée d´Orsay widmet dem französischen Akademiemaler jetzt eine große Retrospektive.
Eigenes Universum:Nacktes Fleisch, lüsterne Blicke, Idealbilder

Jean-Léon Gérôme: "Pollice Verso" (1872)

Der britische Filmregisseur Ridley Scott hatte Aliens durch düstere Labyrinthe gehetzt, einen Bandenkrieg japanischer Gangster inszeniert oder Christoph Kolumbus als scheiternden Helden entmystifiziert. Noch nie aber war er auf den Gedanken gekommen, sich auf das Muskel- und Sandalengenre einzulassen.

Bis ihm der Produzent Walter Parkes die Reproduktion eines Gemäldes präsentierte. "Es zeigte eine römische Arena", berichtete Scott dem Magazin "American Photographer", "in der ein Gladiator über seinem besiegten Gegner steht, zum Imperator hinaufblickt, der sich auf die Geste ‚Daumen runter‘ vorbereitet." Es war eine Reproduktion des Gemäldes "Pollice verso", das der Maler Jean-Léon Gérôme (1824 bis 1904) im Jahr 1872 gemalt hatte. Scotts Production Designer Arthur Max bekannte: "Gérômes Bild hat den gesamten Film beeinflusst." Er und Scott orientierten sich beim Film "Gladiator" an der Malerei des 19. Jahrhunderts, weil sie "nicht das klassische, akademische Rom" im Sinn hatten, nicht "getreu den Archivalien eines Museums oder den faktischen Erkenntnissen eines Rom-Forschers" filmen wollten. "Wir waren vielmehr beeindruckt von der romantischen Vision von Rom."

Womit der amerikanische Filmausstatter das Wesen von Gérômes Malerei kurz und knapp charakterisiert hat: Ob Gladiatoren in der Arena, lüsterne Blicke auf sinnliche Haremsdamen in orientalischem Ambiente oder Paare und laszive Nackte in arkadischen Gefilden – stets malte Gérôme in bestechend klassisch-akademischer Manier ein Idealbild und wurde so zum herausragenden Repräsentanten einer Geisteshaltung in der Malerei seiner Zeit. Zwar hatte er vor allem Griechenland und den Nahen Osten selbst bereist, war jedoch nicht daran interessiert, ein authentisches Bild der Länder und ihrer Bevölkerung zu zeigen. Vielmehr pickte er sich exotische Accessoires heraus, die er als dekorative Elemente für seine Bilder benutzte. Das exotisch-fremde Ambiente diente ihm als Alibi, nacktes Fleisch, meist in marmorner Kühle, auf die Leinwand zu bringen.

Er zeigte schon damals eine wunderliche Abneigung gegen die natürliche Ausstrahlungskraft des Lebendigen



Eine "Abwesenheit der Geschichte" machte die amerikanische Kunsthistorikerin Linda Nochlin in den Bildern aus. "Gérôme suggeriert, dass diese orientalische Welt eine Welt ohne Wandel ist, eine Welt der Zeitlosigkeit, … unberührt von historischen Prozessen", während sich die "westlichen Gesellschaften drastisch veränderten". Vielleicht ist es ja diese heile Idealwelt, die heute wieder ankommt – die Macher der großen Gérôme-Retrospektive sagen: "Lange Zeit als Vertreter eines sterilen Akademismus stigmatisiert, wird Gérôme heute als einer der großen Bildschöpfer des 19. Jahrhunderts betrachtet." Wobei das Wort "Schöpfer" wörtlich zu nehmen ist: Zu einer Zeit, in der etwa Gustave Courbet einen neuen Realismus mitbegründete und begann, die Welt so darzustellen, wie sie wirklich war, schuf sich Gérôme sein eigenes, künstliches Paralleluniversum.

Bereits auf der Pariser Ecole des Beaux-Arts hatte er Puppen anstelle von menschlichen Modellen bevorzugt. "Er zeigte schon damals eine wunderliche Abneigung gegen die natürliche Ausstrahlungskraft des Lebendigen", erinnerte sich ein Mitschüler. Nur wenige Jahre nach seiner Studienzeit, 1847, war er mit seinem Bild "Der Hahnenkampf" auf dem Pariser "Salon" vertreten, wo er in den folgenden Jahrzehnten immer wieder ausgestellt hat. Kritiker seiner Kunst haben stets Gérômes großartige Maltechnik anerkannt. Ausgerechnet Paul Cézanne, den Gérôme, wie alles Moderne, zutiefst verachtete, lobte: "In einigen Bildern kann sich Gérôme durchaus mit der Meisterschaft von Ingres messen." Cézanne hatte sogar ein Bild von Gérôme kopiert: „Ein griechisches Interieur“, das eine laszive Szenerie im Hof eines griechischen Bordells zeigt.

"Die Geschichte wird zu neuem Leben erweckt"

Termin: bis 23. Januar 2011, Musée d´Orsay, Paris
http://www.musee-orsay.fr/de/startseite.html

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