William Kentridge - Wien

Wahnsinn hinter dem Bösen

Machthunger, Geldgier und andere menschliche Abgründe – in seinen Animationen weint Südafrikas Gewissen bittere Tränen. Nach dem New Yorker MoMA erhält der Zeichner und Theatermann William Kentridge nun auch eine Retrospektive in der Wiener Albertina. In New York feierte indessen ein Dokumentarfilm über den Künstler Premiere, der sich selbst noch immer wundert, wie er als solcher enden konnte: "Künstler zu werden, war keine Entscheidung, die ich traf", sagt Kentridge, "es war einfach, worauf ich reduziert wurde."

"Die Aktivität des Zeichnens ist ein Versuch zu verstehen, wer wir sind und wie wir mit der Welt umgehen", hat William Kentridge einmal gesagt. Seine Arbeiten handeln von menschlichen Abgründen und dem Wahnsinn, der sich hinter dem Bösen versteckt: Der 1955 in Johannesburg geborene Künstler beschäftigte sich lange Zeit in seinen Animationsfilmen und Zeichnungen mit der Apartheid in Südafrika.

Ausschnitt aus "Anything is Possible", einem Dokumentarfilm über William Kentridge

Mit den Verbrechen an den Menschen, dem Missbrauch von Macht und dem Verhältnis von Opfern und Tätern. Schließlich widmete er sich verwandten Themen wie dem Kolonia-lismus in Namibia und Äthiopien oder auch Russlands Kulturgeschichte. Er inszenierte sich selbst als Magier auf der Bühne seines Ateliers und produzierte Thea­terstücke und Opern wie Dmitrij Schostako­witschs "Die Nase" in New Yorks Metropolitan Opera.

Bevor er in den späten siebziger Jahren anfing, als Künstler zu arbeiten, war Kent­ridge Bühnenbildner und Regisseur am Theater. Seine Filme bezeichnet er gern als Animationen aus der Steinzeit. Die Kohlezeichnungen werden in kleinen Schritten verändert, Details ausradiert oder hinzugefügt und jedes Blatt abfotografiert, um die Bilder in Bewegung zu versetzen. Das Ergeb­nis sind meist in Schwarzweiß gehaltene Wer­ke, die ihre Intensität der ruckartigen Bil-der­ab­folge und der Musik von afrikanischen Chören oder Komponisten wie Antonin Dvorák verdanken, zu der die Figuren tanzen.
Insgesamt umspannt die Ausstellung mehr als 60 Arbeiten aus der Zeit von 1980 bis heute, darunter Theatermodelle und Skulpturen, und ist um einiges kleiner als Kentridges großer Auftritt im MoMA Anfang des Jahres.

Bei den bekannten Figu­ren des Künstlers handelt es sich um den dicklichen Ubu in Anlehnung an Alfred Jarrys feigen Despoten Ubu Roi, mit dem Kent­ridge in einer Serie von Radierungen und einem Film in dem Ausstellungsteil "Gelegent­liche Hoffnung, Resthoffnung: Ubu und die Prozession" die Anhörungen der Wahrheits- und Versöhnungskommission zur Untersuchung von Verbrechen während der Apartheid-Zeit kommentiert. Und um den Industriellen Soho Eckstein, das Symbol für Machthunger, Geldgier und Skrupellosigkeit, und seinen Gegenspieler Felix Teitlebaum, denen ein weiterer Ausstellungsteil gewidmet ist. Gegen Ende des Films "Stereoscope" lässt Kentridge Südafrikas schlechtes Gewissen Eckstein so bitterlich weinen, dass die Tränen seinen feinen Anzug durchnässen und zu einem Fluss ansteigen. Hoffnung hat sel­ten so trostlos ausgesehen.

William Kentridge: "Fünf Themen"

Termin: 29. Oktober 2010 bis 30. Januar 2011. Der Katalog im Verlag Hatje Cantz kostet 32 Euro, im Buchhandel 39,80 Euro
http://www.albertina.at

Mehr zum Thema auf art-magazin.de