László Moholy-Nagy - Berlin

So kam die kühle Moderne zum Bauhaus

Mit einer großen Gesamtschau würdigt der Berliner Martin-Gropius-Bau vom morgigen Donnerstag an, einen der bedeutendsten Vertreter der Moderne: László Moholy-Nagy. Dem gebürtigen Ungarn – Maler, Fotograf, Filmer und Professor – verdankt das Bauhaus nicht zuletzt seinen konstruktivistisch-technizistischen Einschlag. Die Berliner Retrospektive findet in ihm aber auch den frühen Pionier der Lichtkunst.

"Niemand von uns", so berichtete der Bauhausschüler Paul Citroen über die Einstellung Moholy-Nagys am Weimarer Bauhaus 1923, "der Moholy vorgeschlagen hatte, mochte seinen Konstruktivismus." Geradezu als widerwärtig empfanden die noch ganz den Extremen des Expressionismus erlegenen Bauhäusler den "russischen Trend" mit seinen exakten Formen und pseudowissenschaftlichen Anleihen. "Aber da der Konstruktivismus das Neueste vom Neuen war, war es – so dachten wir – das Klügste, unsere Aversion zu überwinden und dieses 'Neueste' in das Bauhaussystem zu integrieren". So kam die kühle Moderne zum Bauhaus.

Das Technische, Konstruktivistische, es ist immer noch da, jedoch ummantelt mit der dicken, sanftmachenden Patina der Geschichte. László Moholy-Nagy (1895-1946) – heute kommt er einem wie der große, humorvolle Menschenfreund unter den Ingenieurkünstlern vor, der in vielen seiner grundsätzlich formalstrengen technizistischen Collagen kleine, aus Zeitungspapier ausgeschnittene Menschen durcheinanderpurzeln ließ. Wer heute die schattenspielerischen, spiritistischen Fotogramme sieht, der wird fast wehmütig nach einer Zeit, in der die Technik noch von Geistern bewohnt schien, ganz im Gegensatz zu heute, wo man selbst der Geist ist, der umgeben von Maschinen wohnt.

Es ist nicht der einzige Aha-Moment in der großen Moholy-Nagy-Ausstellung im ersten Obergeschoss des Berliner Gropius-Baus, in welcher mit rund 200 Gemälden, Fotografien, Fotogrammen, Collagen, Filmen, gestalterischen Gebrauchsentwürfen und Druckgrafiken noch einmal die ganze Bandbreite der Ausdrucktechniken zu bestaunen ist, die der gebürtige Ungar geschickt für seine ästhetischen Ziele zu nutzen wusste. Die von der Kuratorin Oliva Maria Rubio zusammengestellte Schau versammelt die Ausstellungsstücke nicht chronologisch, sondern nach Mediensorten und legt dabei einen Schwerpunkt auf die Auseinandersetzung des Künstlers mit dem Licht.

Besonders dieser Fokus ist es, der die große Bedeutung herausstellt, die Moholy-Nagy auch heute noch für die zeitgenössische Kunst hat. Sicherlich haben Künstler wie Olafur Eliasson, die heute Lichtexperimente in großräumige Installationen überführen, Moholy-Nagy aufgrund seiner Pioniertaten eine Menge zu verdanken. Doch nicht nur als Lichtästhet ist Moholy-Nagy eine Entdeckung. Auch seine dokumentarisch inspirierten Filmarbeiten, die vom Marseiller Hafenquartier (1929), dem Leben der Roma in Berlin (1932) oder den Hinterhöfen der Arbeiterbezirke handeln – tief im Bauch des "steinernen Berlin", der "größten Mietskasernenstadt der Welt" (Werner Hegemann) – bezeugen die Universalität des Bauhaus-Meisters, der Mitte der Dreißigerjahre über London in die USA emigrierte. Und was ist die Fotografie, das Filmen anderes, als Arbeit mit dem Licht? Plötzlich taucht es wieder auf, das versunkene Berlin Heinrich Zilles: Moholy-Nagy zeigt Kinder auf der Straße mit ihren Spielen, eine Bettlerin mit Grammofon, einen Möbelträger, der wie aus Sanders Porträtserie "Menschen des 20. Jahrhunderts" entsprungen scheint.

Zu den Defiziten der im Großen und Ganzen sehr spartanisch eingerichteten Schau gehört aber auch, dass sie der Rolle des künstlerischen Einzelgenies huldigt, und dabei die kreativen Einflüsse und Befruchtungen, etwa durch seine erste Frau, die Fotografin Lucia Moholy, mit der er zwischen 1921 und 1929 verheiratet war, merkwürdig unterbelichtet lässt. Wenn es schon um die "Kunst des Lichts" geht, sollten die anderen auch nicht im Schatten bleiben.

László Moholy-Nagy: "Kunst des Lichts"

Termin: 4. November 2010 bis 16. Januar 2011
http://www.gropiusbau.de

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