Sam Szafran - Brühl

Furchtlos und behutsam

In Deutschland ist der französische Maler Sam Szafran nahezu unbekannt. Das könnte sich jetzt ändern: Im Max Ernst Museum Brühl ist die Pastell- und Aquarellmalerei eines virtuosen Einzelgängers zu sehen.

Statt über Pinsel und Palette verfügt der Maler von Pastellen über ein Arsenal von Malstiften. Das gibt ihm einen Regenbogen mit hunderten Farbtönen an die Hand, wobei die richtige Farbwahl mit geradezu schlafwandlerischer Sicherheit getroffen werden muss; nachträgliches Korrigieren ist bei dieser Form der "Trockenmalerei" kaum möglich.

Pastellfarben sind nur schwach gebunden (man könnte auch sagen: verwässert), was sie wunderbar leuchten lässt, aber auch ungewöhnlich empfindlich macht. Es braucht besonderes Papier, damit sich der Farbstaub überhaupt dauerhaft an ihm festkrallen kann, und ein besonderes Talent, um das Pastell zur Meisterschaft zu führen.

Am hellsten strahlte das Pastell im Rokoko, das seine Zartheit mehr als alles andere schätzte. Im 20. Jahrhundert griffen vor allem die Impressionisten zum Malstift, um den flüchtigen Charakter der Natur und des Nachtlebens zum Leuchten zu bringen. Sam Szafran führt diese ehrwürdige Tradition als einer von sehr wenigen Gegenwartskünstlern fort und geht vor allem in der Auswahl seiner Motive zugleich über sie hinaus. Seine Pastelle sind erfüllt von surrealistischen Fantasien; wie besessen kehrt er seit beinahe fünfzig Jahren immer wieder zu wild wuchernden Gärten, perspektivisch verzerrten Treppenhäusern und zu seinem Atelier als Schauplatz eines inneren Ringens zurück. “Ich habe das Pastell als Ausdrucksmittel gewählt", sagt Szafran, "weil es mir als Mittel extremer Strenge erschien, um mit meinen Phantasmen zu kämpfen." Die Natur dieser Phantasmen bleibt in Szafrans Bildern unbestimmt, aber seine Biografie lässt sie erahnen.

Sam Szafran wurde 1934 als Kind polnisch-jüdischer Einwanderer in Paris geboren. Während der deutschen Besatzung entging er mehrmals nur knapp der Deportation. Mit sechs Jahren rettete ihn sein blondes Haar, später, als der Zug ins Vernichtungslager schon bereit stand, die anrückende US-Armee. Nach einer vierjährigen Stippvisite in Australien verabschiedete er sich von seiner Mutter und kehrte als 17-Jähriger allein nach Paris zurück. Hier schloss sich der "aufsässig geborene" (Szafran) junge Mann zunächst einer Jugendbande an, bevor er Mal- und Zeichenkurse belegte und sich gegen das Banditentum entschied. In den fünfziger Jahren beschritt er den Pfad der Abstraktion, geriet in eine existentielle Krise, aus der ihn 1960 ein geschenkter Kasten mit Pastellstiften erlöste.

Seit Anfang der 60er Jahre arbeitet Szafran in und an seinem eigenen Kosmos – durchaus als aktiver Teil der Pariser Kunstszene und doch in der selbstgewählten Einsiedelei eines "unmodischen" Malers. Ein halbes Leben lang produzierte er am Kunstmarkt vorbei, seinen ersten Kunstpreis erhielt er 1993 mit dem Grand Prix des Arts der Stadt Paris. Erst in den letzten Jahren wurde er in seiner Heimat als Eminenz einer parallelen, oft übersehenen Moderne entdeckt. Auf Szafrans figurativen Pastellen hat nicht nur eine altmeisterliche Technik überwintert, sondern auch eine seltene Mischung aus Beharrlichkeit und Virtuosität.

Szafrans Beschränkung auf wenige Motive erinnert an die unabschließbaren Studien von Claude Monet und erscheint zugleich als natürliche künstlerische Heimat eines Entwurzelten. Das Atelier mit dem riesigen Malstiftarsenal ist sein sicheres Versteck, aber auch hier stürzen die Linien wie auf seinen Treppenbildern in falsche Perspektiven. Eine leuchtende Unruhe liegt auf den Bildern, Halt bietet vor allem die Ikonographie. All die perspektivischen Verzerrungen, spiralförmigen Strudel und ins Unendliche geschwungenen Geländer stehen für das Gleiten zwischen zwei Bewusstseins- oder Daseinszuständen; und die Bilder, auf denen Szafrans Ehefrau Lilette Keller beinahe von den wuchernden Blättern eines Gartens verschlungen wird, lassen sich gleichermaßen als Hinweis auf das Unbewusste oder als Memento mori lesen. Mit furchtloser Behutsamkeit stellt sich dieser Künstler in seinen zarten Pastellen einer Welt voller Phantasmen.

“Sam Szafran – Zeichnungen, Pastelle, Aquarelle“

Termin: bis 30.1.2011, Max-Ernst-Museum in Brühl
http://www.maxernstmuseum.lvr.de/

Mehr zum Thema auf art-magazin.de