Hans Peter Feldmann - München

Vom Trödelladen in die Boutique

Bei der Kunst des mit dem Hugo-Boss-Preis frisch prämierten Düsseldorfers Hans Peter Feldmann braucht es keinen langen kunsthistorischen Anlauf, um ins Staunen zu geraten. So auch jetzt in Pinakothek der Moderne München

Als die Fotografie zum JPG wurde, verwandelten sich Fotoausstellungen immer mehr in didaktische Meditationen über Misstrauen. Glaubt den Bildern nicht, vermittelt seither dieser Anschauungsunterricht, in den Katalogen und Texten dazu ist oft von Lüge und Manipulation zu lesen. Hans-Peter Feldmann ist keiner dieser verkniffenen Bild-Skeptiker, denen es nur um Urheberschaft oder Echtheit geht, das einzelne Bild exemplarisch für die allgegenwärtige Konstruktion von Realität herhalten muss. Feldmann ist ein Foto-Euphoriker, selbst auf Interviewfragen antwortet er am liebsten mit Bilden statt in Sätzen.

Diese schneidet er seit über vier Jahrzehnten aus Zeitungen, Zeitschriften und Magazinen aus, er fotografiert, archiviert, arrangiert sie zu Gruppen, die dann wie freundliche Wolken an der Wand hängen. "Wenn ich überhaupt etwas richtig kann, dann ist das schauen", das hat er schon ein paar Mal Journalisten verraten. Gerade wurde bekannt, dass dieser bald 70 Jahre alte Künstler nun den renommierten Hugo-Boss-Preis erhält und ihn das New Yorker Guggenheim Museum im kommenden Mai mit einer großen Ausstellung feiern wird.

Doch zum Genau-Hinschauen und Näher-Treten bot Feldmann in auch in diesem Jahr schon einige Gelegenheiten. Bis zum August wurde seine lapidar "Kunstausstellung" betitelte Schau in Düsseldorf gezeigt, gerade ist sie nach Madrid gewandert, im Frühjahr war sie in Schweden. Feldmann bespielte die Fassade einer der Louis-Vuitton-Boutiquen in Düsseldorf, und nun kommt er nach München, zur nächsten Louis Vuitton Niederlassung und vor allem in die Pinakothek der Moderne, die zusammen mit dem Magazin der "Süddeutschen Zeitung" eine kleine, nur drei Räume große Schau, präsentiert. Und weil zur Ausstellung auch die Edition 46 der Magazinbeilage der "Süddeutschen Zeitung" gehört, finden dort, in diesem von Feldmann gestalteten und kuratierten Heft seine Ausschnitte und Bildfindlinge aus den Massenmedien auch wieder zurück zu ihrem Ursprung.

Es sind vor allem Frauenaufnahmen, die es in die Heftausstellung geschafft haben. Eine Doppelseite lang sieht man in kleinformatigen Sequenzen einer Dame im Sixties-Minikleid beim Telefonieren in einer Telefonzelle zu. Sie tippelt von einem Bein aufs andere – gerne wüsste man, worum es geht. Oft sind es bei Hans-Peter Feldmann gerade diese Informationsverweigerungen, die den Betrachter minutenlang eine Arbeit absuchen lassen: Wer hat die hotelweißen Betten zerwühlt? Was denken die wuschelhaarigen Mädchen, die man nur von hinten sieht? Und welche Musik wird tatsächlich in diesen Autos gehört, von denen Feldmann nur die Plastik-Armaturen zeigt, in einem Zettel aber darauf hinweist, es würde dort "gute Musik gespielt".

Weil bei ihm Kunst wenig mit Ehrfurcht und viel mit Erfahrung zu tun hat, werden seine Arbeiten stets ziemlich unpompös präsentiert. Die mit billigen, mit handelsüblich farbverschlimmernden Tintenstrahldruckern fabrizierten Sonnenuntergangsschwelgereien in fiesen Pink- und Orangetönen sind mit Nadeln an die Pinakothek-Wand gepinnt, so wie fast alles, was hier keinen Rahmen verpasst bekommen hat. Und der kommt dann sowieso vom Flohmarkt. Viele der Arbeiten, die in München gezeigt werden, kennt man: Sein fabelhaftes "Schattenspiel" hat er bereits 2002 bei der Biennale in Venedig vorgestellt, seither tourt es um die Welt, bringt seine Betracher zum Stehenbleiben und Starren, weil sich die acht kleinen Karusselle, auf denen Feldmann Kinderspielzeug und allerlei Krempel drapiert hat, von Scheinwerfern angestrahlt, zu spannenden Schattennarrationen entwickeln. Da bedroht schon mal der Weihnachtsmann den Handpuppen-Teufel mit einer Spielzeugwaffe. Eine gefilmte Version dieses Schattenschauspiels lässt Feldmann auf einen Bauzaun in der Münchner Innenstadt projizieren. Dort soll 2012 eine Vuitton-Filiale eröffnen.

Der Mann jedenfalls ist ein Sammler. Von Bildern und auch von Kram, den man vielleicht unter Kitsch einsortieren würde. Eine Weile, in den Achtzigern, hat er mit der Kunst ganz aufgehört und den gefundenden Trödel in einem Laden verkauft, heute findet sich manches davon in der Ausstellung. Die verschiedenen Eiffelturmansichten etwa, sorgsam gerahmt, zeigen diesen recht nutzlosen Turm mal bei Tag, mal bei Nacht, mit Wasserspielen, oder angeleuchtet – aber immer als Sehnsuchtsort.

In Texten über Kunst, muss man mit dem Wort "staunen" vorsichtig umgehen. Zu oft schon wurde der naive Kinderblick herbeigeschrieben, wenn es um Arbeiten geht, bei dem sich kein theoretischer Überbau ableiten ließ. Auch bei Feldmann braucht es keinen großen kunsthistorischen Anlauf, um sich in den Ausstellungen zu vergnügen, und das, obwohl man ihn doch zu den ansonsten knochentrockenen Konzeptkünstlern zählt. Er lässt eben, genau: staunen. Weil er wie ein freundlicher älterer Herr all das wieder einsammelt, was seit der Digitalisierung der Welt so hinausgehustet und gepostet wird, mit den Handykameras und auf Social-Network-Plattformen. Und wer so sorgsam hinschaut, wie Hans-Peter Feldmann, der muss eben auch nicht alarmistisch warnen vor den vermeintlichen Lügen der Bilder.

Hans Peter Feldmann

Termin: bis 13. Februar 2011 in der Pinakothek der Moderne
http://www.pinakothek.de

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