Joachim Koester - Hannover

Mythen und Ekstasen

Die Kestnergesellschaft Hannover zeigt neue Arbeiten des dänischen Künstlers Joachim Koester. In seiner Ausstellung "Ich bin selbst nur ein Aufnahmeapparat." erforscht er die "Psychogeografie" von fast vergessenen mythischen Orten.

Sie schütteln ihre Arme, stampfen mit den Beinen, schlackern mit den Knien, verdrehen die Augen und schleudern ihre Köpfe hin und her. "Wie von der Tarantel gestochen" sagt man, wenn jemand in der Aufregung plötzlich die Kontrolle über den eigenen Körper verliert: Und tatsächlich haben die Tänzer in Joachim Koesters Film "Tarantism" (2007) eine Choreografie einstudiert, die der Überlieferung nach den Bewohnern eines italienischen Städtchens seit dem Mittelalter Abhilfe bei Tarantelbissen verschaffen sollte.

Auch in "I Myself Am Only a Receiving Apparatus" (2010), der neuesten Filmarbeit des dänischen Künstlers, die nun die Kestnergesellschaft in Hannover zeigt, führt ein Schauspieler faszinierend eigentümliche Bewegungen aus: Er steht in Kurt Schwitters Rekonstruktion des "Merzbaus" und wackelt mit dem Kopf wie ein hospitalisierendes Zootier. Was nur treibt diesen Körper zu diesen seltsamen Zuckungen an? Man weiß es so wenig, wie Schwitters offenbar wusste, was ihn bei seiner Arbeit als Künstler antrieb: "Es ist nämlich ein Anderer, der malt, das bin nicht ich", schrieb er 1939 aus dem norwegischen Exil an seine Frau Helma in einem Brief, auf den sich nun Koester mit seinem Film bezieht. Als lediglich einen "empfindlichen Aufnahmeapparat" bezeichnete sich der Dada-Künstler, der nach eigener Auskunft bei seiner Arbeit Eingebungen ihm unbekannter Herkunft erhielt.

Solchem Glauben an Übersinnliches, an im Geheimen wirkende Kräfte, geht Koester mit vielen seiner Arbeiten nach. In der Videoinstallation "One + One + One" (2006) begibt sich eine junge Frau auf die Spuren des Okkultisten Aleister Crowley, der im sizilianischen Cefalù bis 1923 eine für orgiastische Ausschweifungen berüchtigte, mit dämonischen und pornografischen Fresken ausgemalte "Abtei" unterhielt. In Koesters Film trommelt die Besucherin der maroden Villa im verwilderten Garten kontemplativ die Drumline zum Song der Rolling Stones, "Sympathy for the Devil". Dessen Entstehung wurde von Jean-Luc Godard im Film "One Plus One" dokumentiert, der wiederum Koester zu seinem eigenen Dokumentationsprojekt inspirierte: Mehrere historische Schichten werden in seiner Installation eine um die andere zusammen addiert.

Er interessiere sich für die "Psychogeografie" von Orten, erklärt der 1962 in Kopenhagen geborene, in New York lebende Künstler und sucht die Schauplätze fast vergessener Mythen und aus der offiziellen Geschichtsschreibung ausgeblendeter Grenzerzählungen auf. Seine Fotoserie "The Barker Ranch" (2008) zeigt in schlichten Schwarzweißaufnahmen jene Holzhütte in der kalifornischen Wüste, in der sich Charles Manson und seine mordenden Anhänger eine Zeit lang versteckten. Was die Bilder verschweigen, das Unerklärliche und Geheimnisumwitterte, die Geschichten von Transzendenzerfahrungen und Übersinnlichkeit, reicht Koester zumindest ansatzweise in den Begleittexten zu seinen Arbeiten nach. Sie erklären zwar nicht, was Mörder, Okkultisten, Künstler und Körper im Detail zu ihren ekstatischen Taten und Tänzen antreibt. Doch was Koester in dokumentarischer Sachlichkeit vorführt, schafft Raum für die wildesten Spekulationen.

"Ich bin selbst nur ein Aufnahmeapparat"

Termin: bis zum 6. Februar 2011 in der Kestnergesellschaft Hannover
http://www.kestner.org/de/