Hans Holbein d.Ä. - Stuttgart

Das Holbein-Projekt

Die "Graue Passion" von Hans Holbein d. Ä. gibt Rätsel auf. Die Altarflügel zur Leidensgeschichte Christi wurden in den letzten 500 Jahren in zwölf Teile zersägt, übermalt und manipuliert. Nun hat sich die Staatsgalerie Stuttgart auf Spurensuche begeben und präsentiert eines der größten Restaurierungsprojekte der Museumsgeschichte

Es war eine Nacht- und Nebelaktion. Still und leise packte das Haus Fürstenberg 2001 seine Kunstsammlung in Kisten, karrte die Cranachs und Holbeins gen Köln – um sie zu verkaufen. Pech für das finanziell klamme Fürs­tenhaus: Die Aktion wurde öffentlich, die bedeutendsten Bilder der Sammlung wurden zu nationalen Kulturgütern erklärt und durften somit nicht ins Ausland verkauft werden.

Das Land Baden-Württemberg kaufte 2003 das wichtigste Werk, "Die Graue Passion" von Hans Holbein dem Älteren. Kostenpunkt 13,2 Millionen Euro. Als die zwölf Tafeln des altdeutschen Meisters, die ursprünglich Teile eines Flügelaltars waren und die Leidensstationen Christi darstellen, allerdings in der Staatsgalerie Stuttgart ausgestellt wurden, staunten manche Besucher nicht schlecht: Das soll eine einheitliche Bildergeschichte sein? Warum hat dieser Holbein die Hintergründe so unterschiedlich gemalt? Hier fast schwarz, dort ein leuchtendes Grün, dann wieder Blau. War das Absicht? Das war es nicht. "Der Erhaltungszustand war nicht optimal", sagt Elsbeth Wiemann, die an der Staatsgalerie für die Altdeutsche Malerei und die Niederländer zuständig ist. "Die Tafeln haben sich auseinandergelebt." Doch nicht nur die 500 Jahre ha­ben ihre Spuren hinterlassen. Auf eine Tafel scheint Säure gekommen zu sein. Hier schaut der hölzerne Untergrund durch, dort wurden Stellen geflickt, wurde Farbe übergepinselt und offensichtlich auch das ein oder andere Motiv verändert. Das war im 19. Jahrhundert nicht unüblich, "Restauratoren wollten es besser machen", erzählt Wiemann, "sie dachten, das sieht toll aus."

Henning Autzen ahnte schon, dass da eine Menge Arbeit auf ihn zukommen würde. Er leitet die Restaurierungswerkstatt der Staatsgalerie. Heute sagt er: "Ich habe das falsch eingeschätzt." Denn die Restaurierung, mit der er 2008 begann, hat sich nicht nur zur größten Herausforderung seiner eigenen Laufbahn entwickelt, sondern auch zu einem Projekt, wie es bisher wohl kein Museum gestemmt hat. Erste Ergebnisse dieser Arbeit kann man jetzt in der Ausstellung "Die Graue Passion in ihrer Zeit" bewundern, in der nicht nur alle zwölf Tafeln Holbeins präsentiert werden, sondern auch themengleiche Tafelbilder von Vorläufern und Zeitgenossen wie Jan van Eyck, Hans Baldung Grien und Albrecht Dürer. Die Restaurierungsarbeiten sind damit jedoch nicht abgeschlossen. Normalerweise bearbeiten Museumswerkstätten einzelne Bilder, hier aber hat es Autzen nicht nur mit einem kompletten Zyklus zu tun, sondern auch mit einem Meister, der wissenschaftlich kaum erschlossen ist. Zwölf Tafeln in völlig unterschiedlichem Erhaltungszustand, zwölf Tafeln, von denen niemand weiß: Wie könnten die Originale ausgeschaut haben? Und welche Farbe hatten die Hintergründe tatsächlich?

"Es ist nicht viel, was man bisher über die 'Graue Passion' weiß"

Es geht leise zu in der Werkstatt. Kein Radio, nur selten Gespräche. Manchmal hört man es kratzen, klappern, rühren, oder es tippt jemand etwas in den Computer. Für das Projekt Holbein hat die Staatsgalerie zusätzliche Fördermittel bekommen, teilweise arbeiten daran nun bis zu zehn Restauratoren. Ein Ausstellungssaal wurde umfunktioniert, damit Platz ist für die Staf­feleien und Paletten, die Kameras, Pinsel, Spatel, Speziallampen, Fläschchen, Döschen und auch das Gerät, das aussieht wie ein Staubsauger – und die Dämpfe der Lösungsmittel absaugt. Da stehen die zwölf Tafeln nun also, sechs in Grau gehaltene Bilder der Außenflügel, in Beige die Innenseiten. Autzen hat sich zur Verstärkung auch die Restauratorin Stephanie Dietz ge­holt, die ihre Diplomarbeit über einen Altar von Albrecht Dürer geschrieben hat und dadurch mit der Epoche Holbeins vertraut ist. Die Tafeln wurden fotografiert, geröntgt und mit der Infrarotkamera durchleuchtet, Firnisse und Bindemittel untersucht.

Beim "Ecce Homo" hat Stephanie Dietz einen Querschnitt gemacht, also mit dem Skalpell ein Stück herausgeschnitten – von der obersten Malschicht bis hinunter zur Grundierung. Das klingt martialisch, aber der Querschnitt ist ein Bruchteil so groß wie ein Streichholzkopf und mit bloßem Auge kaum sichtbar. „Wir haben etwas Entscheidendes gefunden“, erzählt Stephanie Dietz, "in der Farbe, die Holbein verwendet hat, sind Glas- und Quarzpartikel enthalten." Alle Farben ohne diese Partikel müssen also später aufgetragen worden sein. Es ist nicht viel, was man bisher über die "Graue Passion" weiß. Sie lässt sich nicht genau datieren, auch die Herkunft ist nicht gesichert. Sicher ist nur, dass sie aus der Werkstatt von Hans Holbein d. Ä. stammt, der um 1465 in Augsburg geboren wurde, um 1524 starb und einer der bekanntesten deutschen Maler seiner Zeit war. In der Werkstatt arbeiteten der Bruder und später auch die beiden Söhne Ambrosius und Hans. Eine gute Schule für Hans Holbein d. J. (1497 bis 1543). Er wurde Hofmaler Heinrichs VIII. von England und gilt heute als einer der wichtigsten Renaissance-Maler nördlich der Alpen.

Kuratorin Elsbeth Wiemann hat den Haupttäter überführt

Während Autzen und seine Kollegen mit Technik, Chemie und dem bloßen Auge versuchen, der Restaurierungsgeschichte der Passion auf die Spur zu kommen, fährt die Kuratorin Elsbeth Wiemann nach Donaueschingen. Tagelang sitzt sie in der Bibliothek und liest, was die Fürstenberger zu Holbein besitzen, Verträge, Briefe, Notizen. Das früheste Dokument zur Restaurierung stammt aus dem Jahr 1897. Die Rechnung für den An­kauf gibt es noch. Die Fürstenberger haben die Passion 1853 im Münchner Kunsthandel erworben. Immerhin weiß man jetzt, dass die Spaltung der Tafeln damals schon erfolgt war und die auseinandergesägten Teile des Altars auf den Markt kamen.

Wie eine Kriminalistin hat Elsbeth Wiemann Indizien gesammelt, Zeugenaussagen studiert und schließlich den Haupttäter überführt: Paul Gerhardt. Er hat 1919 einige Tafeln so restauriert, dass den Experten das Grausen kommt. Heute wird nur mit Farbe retuschiert, die sich abwaschen lässt. Gerhardt scheint nicht nur munter über Holbeins Original drübergepinselt zu haben, sondern hat auch Originalfarbe abgetragen. "Das war nicht irgendein skurriler Typ", sagt Wiemann, "Gerhardt war ein renommierter Restaurator, der viel für die Hamburger Kunsthalle gemacht hat." Als die ersten drei Tafeln aus der Düsseldorfer Werkstatt zurückkamen, war Max Egon Prinz von Fürstenberg alles andere als zufrieden. Ihm fielen die Übermalungen auf, die Farbe der Vorder- und Hintergründe irritierte ihn. Über Jahre zog sich die Leidensgeschichte der Holbeinschen Leidensgeschichte hin – und am Ende hatte Gerhardt neun Tafeln "wiederhergestellt". Nur drei blieben verschont.

"Der Zyklus soll durch die Kostbarkeit der Materialien wirken"

Jetzt haben die Stuttgarter Restauratoren zwei Referenztafeln ausgewählt, "Christus vor Pilatus" für die Innenseite und "Die Gefangennahme Christi" für die graue Außenseite. "Auf die wollen wir den Zyklus abstimmen", sagt Autzen, "wobei wir es nicht vollständig angleichen können." Denn weder wollen die Restauratoren zu viel Material abtragen, noch allzu viel retuschieren. Heute wird eben nicht mehr wie zu Zeiten von Gerhardt restauriert. Wenn kaputte Stellen ausgebessert werden, wird die neue Stelle mit winzigem Pinsel gepunktet, damit sichtbar bleibt, dass es sich um eine Nachbesserung handelt – die sich aus der Entfernung freilich nahtlos ins Bild einfügt. So wird zentimeter- und oft nur millimeterweise der verbräunte Firnis abgetragen, wird gekittet, übermalt – mit Spezialwerkzeugen, die manchmal auch aus dem Zahnarztbedarf kommen. Jeder Schritt wird dokumentiert. Bis ins kleinste Detail kann man am Computer in die Bilder hineinzoomen, die Schäden und die Reparaturen markieren – damit es folgende Restauratoren leichter haben.

Elsbeth Wiemann hat sich derweil von einer Hoffnung verabschiedet. Auch sie wird wohl sobald nicht nachweisen können, wo der Altar einst stand. "Das mag sich eines Tages vielleicht durch einen zufälligen Fund erschließen", sagt sie. Gesichert ist jetzt, welche Farbe Holbein für den Hintergrund gewählt hatte: "Es war Grünblau", sagt Wiemann. Auch die Ver­mutung, dass die vielen Nimben, über den Köpfen erscheinende Heiligenscheine, später ergänzt wurden, haben die Stuttgarter Restauratoren widerlegt. Alles original. "Der Zyklus soll durch die Kostbarkeit der Materialien wirken", sagt Wiemann. Deshalb hat Holbein den Farben wohl auch Glas- und Quarzpartikel beigemischt, so leuchten sie schöner. Das könnte auch erklären, warum die "Graue Passion" grau ist. Bisher hatte man angenom­men, dass der Auftraggeber sich Grisaillen wünschte, Figuren, die wie in Stein gemeißelt wirken. "Das kann ich nur anzweifeln", sagt Wiemann. Auftraggeber hätten nur den Inhalt definiert. "Ich kann mir aber vorstellen, dass es der Wunsch nach etwas Ungewöhnlichem, Exquisiten war." Das ist Hans Holbein d. Ä. gelungen. "Es gibt kein Werk", sagt Wiemann, "dass der 'Grauen Passion' entspricht."

"Die Graue Passion in ihrer Zeit"

Termin: bis 20. März 2011, Staatsgalerie Stuttgart, Katalog: Hatje Cantz Verlag, 39 Euro, im Buchhandel 49,80 Euro
http://www.staatsgalerie.de/
info@staatsgalerie.de