Enrique Marty - Mannheim

Eine Tragödie auf Beinen

80 kleinwüchsige Menschlein, überrealistisch, in Tarn-T-Shirts und Cargohose: eine Armee, die der spanische Künstler Enrique Marty in sinnloser Mission durch die Kunsthalle Mannheim schlängeln lässt – die erste Folge der neuen Ausstellungsserie "Premiere_1"

Interessengeleitete Ansammlungen sind ja gerade groß im Kommen: Die Demo gegen Atomstrom, Bahnhofsbau und dies und das ist wieder da – en vogue fast. Die Prozession aber, die sich derzeit durch einen Saal der Mannheimer Kunsthalle zieht, hat noch einmal eine andere Stoßrichtung. Sie demonstriert mit Wucht irgendwie auch gegen sich selbst.

Eine Schlange, die offensichtlich beim Anblick eines Wandgemäldes ihrer selbst von Wahn und Wahnsinn erfasst wird. Immer widerlicher ist die zunehmende innere Beteilung der Figuren mit anzusehen, je mehr die Menge fortschreitet. Dabei gleichen sie sich alle. Sie sehen haargenau so aus wie Enrique Marty, der die "Fanatics" genannten Figuren als Sinnbild für Gruppenregression und obsessive Irreleitung geschaffen und inszeniert hat.

Der in Salamanca lebende Marty ist der erste Gast, den die Kunsthalle Mannheim in ihrer Reihe "Premiere_1" präsentiert. Sie soll jeweils jüngere Künstler aus der internationalen Szene in Deutschland exklusiv in einer Einzelausstellung zeigen. In Spanien ist der 41 Jahre alte Marty, der auch als Bühnenbildner arbeitet, indes so etwas wie ein Star. Er ist auch schon bei diversen Kunstbiennalen aufgetreten, für das Turiner Teatro Regio hat er eine Penderecki-Oper ausgestattet, in Deutschland war er beispielsweise Teil einer Schau, die 2008 im Karlsruher ZKM den diskreten Charme der Technologie abfeierte.

Dabei ist Diskretion so ziemlich das Gegenteil der Absichten, die der unter anderem von süddeutscher Gotik, spanischem Barock und – nach eigener Aussage – der Zeichentrickserie "Simpsons" inspirierte Enrique Marty verfolgt. Die Armee, die er in sinnloser Mission sehr eindrucksvoll durch die Kunsthalle sich schlängeln lässt, zeigt deutliche Anzeichen indezenter Entäußerungen. Die hinterste Figur steht so noch eher anfangsinteressiert, leicht abgewandt und mit Händen in den Taschen. Fast wirkt sie so eingeschüchtert wie eine einzelne Skulptur am Rand. Nach und nach aber ereilen die Wiedergänger der Irrsinn und die Folgen.

Sie starren, fiebern, bluten, kotzen. Die Figuren an der Spitze der Kolonne liegen flach wie Flundern, zur Anbetung bereit und übersät mit Körpersäften. Vielleicht hat Selbstkasteiung sie so zugerichtet, vielleicht Kampf, kann sein, dass ein Schatz sie ungesund enthusiasmiert, ein Führer sie anzieht, ein Messias. Oder der Weltfußballer Messi eine Autogrammstunde gibt. Die Ursache ihrer Versehrungen bleibt jedenfalls so mehrdeutig wie der Gegenstand ihrer Obsession. Als Betrachter sieht man nur, wie an der Wand, genau an der Stelle wo der Kopf der vordersten Figur endet, Malerei beginnt.

Marty schätzt den Schock

Dieselben Figuren, manche recken eine Guillotine in die Luft wie die Engel in der Sixtinischen Kapelle das Kreuz, haben einen Heiligenschein oder werden von Ratten belagert. Sie sind verwirbelt zu einer Menschenwurst, die sich über alle vier Wände zieht. Immer mehr lösen sich die Details auf zu einem Strang in Tarnfarben, aus dem Arme schauen, und der sich an der Stirnwand der Museumshalle zu einer Endlosschleife formiert. Der Fanatismus der Menge läuft zielgenau ins Leere. Multimedia-Künstler Enrique Marty zitiert dazu gerne den Landsmann Luis Buñuel, der einem "fanatischen Antifanatismus" anhing.

Wie der Filmemacher schätzt auch Marty durchaus den Schock, um Effekt zu erziielen. Am Subtilen ist er nicht interessiert. Außerdem pflegt er den traditionellen spanischen Hang zu Maskeraden und kombiniert das Groteske mit Anspielungen an Barock, Schundfilme, Kunstkino und Fantasy-Literatur. In Mannheim ist unter den fünf Arbeiten ein Video zu sehen, das etwas platt, aber wirkungsvoll im Goldrahmen installiert ist und seine Mutter zeigt. Grell geschminkt zieht sie sich die Maske des Filmbösewichts Joker (aus "Batman") auf und ab. Sie lacht dabei irre. Bizarr ist das schon, wenngleich nicht ganz so berührend wie "Luis", die Skulptur eines sehr fetten, bis auf Socken nackten Mannes mit Orangenhaut am Hintern, der von sehr sehr ekligen Schrunden, Furunkeln und Verletzungen übersät ist. Sein Geschlecht starrt vor Blut.

Zwischen dumm und bemitleidenswert schaut dieser Luis drein. Wütend ballt er die Fäuste, vielleicht will auch ein wirklich einschüchternder Schrei aus ihm heraus und kann nicht. Schlimm sieht das aus, ins Herz schießend. Vor allem, weil er so ausgeliefert zwischen Mannheimer-Kunsthallen-Schönheiten wie Rodins sich selbst umschlingender Eva und Ernesto de Fioris anmutig leidendem Jüngling stehen muss, die Füße leicht einwärtsgekehrt, eine Tragödie auf Beinen. Luis hat sich verirrt. Ins Museum. In die Kunst. In die Welt. Ins Leben. Auch er ein Demonstrant: für das prekäre Humane und die bedrohte Humanität. Wir sind überzeugt.

Premiere_1: Enrique Marty - Auftritt der Klone

Termin: bis 20. Februar 2011, Kunsthalle Mannheim
http://www.kunsthalle-mannheim.eu

Mehr zum Thema auf art-magazin.de

Mehr zum Thema im Internet