Turner Prize 2010 - London

Ballade vom ertrunkenen Matrosen

Susan Philipsz hat den Turner Prize 2010 gewonnen. Die in Berlin lebende 45-jährige Britin ist die erste Klangkünstlerin, die diese begehrte Auszeichnung erhält
Überraschung:Susan Philipsz hat den Turner Prize 2010 gewonnen

Die neue Turner-Preis-Trägerin: Susan Philipsz hat soeben die Entscheidung der Jury erfahren und lässt sich von ihren Freunden feiern

Einen leeren Galerieraum und drei schwarze Lautsprecher – das ist alles, was Susan Phillipsz für ihre Installation “Lowlands” braucht. Doch es war genug für den Gewinn des begehrten Turner Prize der Tate, den sie am Montagabend in der Tate Britain aus der Hand der italienischen Modeschöpferin und Sammlerin Miuccia Prada entgegennahm, wie immer live im Fernsehen.

Die 1965 im schottischen Glasgow geborene Phillipsz ist erst die vierte Frau, die den 1984 ins Leben gerufenen und mit 25 000 Pfund dotierten Preis gewann, und die erste, deren Kunst ausschließlich aus Klängen besteht. Keine Sound-Künstlerin, wie sie betont, sondern eine Künstlerin, die mit Klängen arbeitet. Genauer gesagt, mit der eigenen Stimme. Sie singt Lieder a cappella, die sie im Museum oder im Freien über Lautsprecher überträgt. Für "Lowlands" nahm sie drei Versionen einer schottischen Ballade aus dem 16. Jahrhundert auf, über einen ertrunkenen Matrosen, der seiner Geliebten im Traum erscheint. Die drei leicht unterschiedlichen Lieder klingen zeitversetzt aus den drei Lautsprechern und bauen für den Zuhörer fast unmerklich einen Klangraum auf. Mit den Worten der Juryvorsitzenden Penelope Curtis, Direktorin der Tate Britain, gelingt es ihr, "den Besucher anders sehen zu lehren, indem sie ihn anders hören lässt."

Favoriten der Buchmacher waren der Maler Dexter Dalwood mit seiner zeitgenössischen Lesart der Historienmalerei und die aus Spanien stammende Angela de la Cruz, deren verbogene Leinwände an die Zerbrechlichkeit menschlichen Lebens gemahnen – die Künstlerin erlitt vor fünf Jahren einen Schlaganfall und lebt seither mit einer schweren Sprachstörung. Vierter im Bund auf der Shortlist war die Otolith Group, die mit ihren trocken-intellektuellen Filmen zu krassen Außenseitern wurden.

Traditionsgemäß löst die Shortlist des Turner-Preises alljährlich eine Kontroverse aus, die sich allerdings immer auf eine Frage reduzieren lässt: Ist das nun Kunst oder nicht? Dass in diesem Jahr die Kontroverse ausblieb und niemand die leidige Frage stellte, könnten Zyniker darauf zurückführen, dass die vier Künstler nichts Aufregendes zustandebrachten. Wahrscheinlicher ist jedoch, dass die aufgeklärte Öffentlichkeit endlich mit der künstlerischen Avantgarde keine großen Schwierigkeiten mehr hat. Das kann man eigentlich nur gutheißen, und der Preis selbst hat dazu sein Scherflein beigetragen.

Doch nicht alles ist so, wie es sein sollte. Eine Gruppe von Kunststudenten hatte schon vor Beginn der Feierstunde in der Tate Britain einen Raum besetzt und protestierte lautstark gegen die jüngsten Kürzungen der Kulturhaushalte und gegen die schleichende Marginalisierung des Kunststudiums. Dass die Preisträgerin in ihrer kurzen Rede nicht nur all denen dankte, die ihr bei ihrer Arbeit geholfen hatten, sondern sich auch öffentlich auf die Seite der Protestierenden stellte, gereicht ihr zu Ehren.

Turner Preis

Termin: bis 3. Januar 2011, Tate Britain, London
http://www.tate.org.uk/

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